"Das steht eh in der Elga, schauen Sie bitte nach"

9. Oktober 2012, 18:12
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Susanne Herbek, Geschäftsführerin der Elga-GmbH, wartet mit "angezogener Handbremse" darauf, dass das Gesetz zur elektronischen Gesundheitsakte in Kraft tritt

STANDARD: Während wir miteinander reden, beschließt der Ministerrat Elga. Sind Sie erleichtert?

Herbek: Ich freue mich sehr, dass Elga den Weg in die politischen Gremien gefunden hat.

STANDARD: Im Gesetz ist von einem "Verwendungsrecht" für die Ärzte die Rede, nicht von einer Pflicht. Hätten Sie sich gewünscht, dass das deutlicher artikuliert wird?

Herbek: Ich möchte mich dem Thema über die Sache nähern. Die Patienten haben dann etwas von Elga, wenn Informationen möglichst flächendeckend vorhanden sind. Es ist höchst wünschenswert, dass die Ärzte, Spitäler und andere Berufsgruppen diese Informationen zur Verfügung stellen.

STANDARD: Der Gesundheitsminister hat angekündigt, er könne erlassen, welche Dokumente - außer Labor- und Röntgenbefunden sowie Spitalsentlassungsbriefen - noch in die Elga kommen könnten. Was wäre sinnvoll?

Herbek: Wichtig wären verschiedene fachärztliche, aber auch pathologische Befunde. Eine weitere Idee die wir verfolgen ist eine Patient Summary, also eine automatische Zusammenfassung von wichtigen Daten.

STANDARD: Im Sinne von: Nicht jeder gebrochene Zeh ist relevant, wenn ich zum Frauenarzt gehe?

Herbek: Es ist von Fall zu Fall unterschiedlich, welche Relevanz ein Befund hat. In Elga kann man das gezielt filtern. Das Ziel ist, Daten strukturiert und übersichtlich darzustellen.

STANDARD: Die E-Medikation ist in einem Pilotprojekt ausprobiert und sehr kritisch evaluiert worden. Hätte das auch bei Elga Sinn?

Herbek: Elga wird schrittweise wachsen, laut Gesetz kann es auch Testphasen in einem Bundesland oder einer Region geben. Das wäre vor der Einführung in den Spitälern 2015. Der Bürger muss rechtzeitig die Möglichkeit haben, seinen Widerspruch zu formulieren. Diesen kann man ab 31. Dezember 2013 im Elga-Portal eingeben oder bei der Widerspruchsstelle, die im Gesundheitsministerium eingerichtet wird, deponieren.

STANDARD: Wenn das Parlament Elga beschlossen hat, was sind denn dann die nächsten Schritte?

Herbek: Wir stehen mit angezogener Handbremse da, weil wir auf das Gesetz warten mussten. Technisch zentral für Elga ist das Berechtigungssystem, mit dem der Patient den Zugriff auf die Informationen in seiner Elga festlegen kann. Wir machen außerdem eine Ausschreibung, wo wir die erste Stufe - die Bietersuche - schon abgeschlossen haben.

STANDARD: Was wird denn das Umrüsten auf Elga für den Arzt in der Ordination kosten?

Herbek: Ein Arzt, der schon mit einer zeitgemäßen Praxis-Software arbeitet, dessen System wird auch Elga verkraften können. Dazu muss man nur ein Update einspielen. Wir machen gemeinsam mit den Ärzten die Vorgaben für die Softwarehersteller, damit Elga auch benutzerfreundlich ist.

STANDARD: Und wenn ein Arzt seine Befunde handschriftlich notiert?

Herbek: Es gibt Ärzte, die haben das E-Card-System nur für die Abrechnung und arbeiten sonst mit Papier. Wenn die Ordinationshilfe mit dem PC einen Elga-Befund herunterlädt, dann kann sie diesen für den Arzt einfach ausdrucken. Wir zwingen den Arzt nicht, vor dem Bildschirm zu sitzen.

STANDARD: Welche Elga-Mythen geistern denn herum?

Herbek: Ein Mythos ist, dass Daten zentral gespeichert werden. Es gibt keinen zentralen Pool für Krankengeschichten, Elga stellt die Befunde elektronisch zur Verfügung, die auch jetzt schon gespeichert werden. Dann hören wir oft, dass Elga-Daten auf die E-Card gespeichert werden. Die E-Card ist eine Schlüsselkarte, aber auf der Karte selbst gibt es keine Gesundheitsdaten. Alles andere wäre viel zu unsicher. Noch so ein Mythos ist, dass Hunderttausende zugreifen können. Es sind immer nur jene, die gerade behandeln.

STANDARD: Der Informationsgrad zu Elga in der Bevölkerung ist nicht sehr hoch ...

Herbek: Es ist halt schwierig, über ein System, das mit einem Gesetz geregelt wird, das es noch gar nicht gibt, prägnant zu informieren. Man kann ja nicht in einem Fernsehspot sagen, Elga wird ungefähr so funktionieren - oder vielleicht auch nicht. Wenn Elga für den Bürger spürbar wird, dann muss man breit informieren.

STANDARD: Was kann ein Patient tun, wenn der Arzt nicht in Elga schauen will?

Herbek: Es ist explizit im Gesetz festgehalten, dass ein Patient das Recht hat, die Nutzung von Elga zu verlangen. Bei Selbsthilfeorganisationen etwa rennen wir da offene Türen ein. Natürlich ist es ein Ziel, dass die Patienten sagen: Das steht eh in der Elga, schauen Sie bitte nach. Aber ich denke, zu solchen Kampfsituationen sollte es nicht kommen. Elga soll für den Arzt ein willkommenes Tool sein, keine Erschwernis. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 10.10.2012)

SUSANNE HERBEK ist seit Anfang 2010 Geschäftsführerin der Elga GmbH. Zuvor war die Medizinerin im Wiener Krankenanstaltenverbund tätig.

  • "Wir zwingen den Arzt nicht, vor dem Bildschirm zu sitzen", sagt Susanne Herbek, die die Umsetzung von Elga leitet.
    foto: standard/hendrich

    "Wir zwingen den Arzt nicht, vor dem Bildschirm zu sitzen", sagt Susanne Herbek, die die Umsetzung von Elga leitet.

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