Das zweite Leben des Frittierfetts

9. Oktober 2012, 17:59
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Amitava Kundu veredelt Reststoffe aus der Industrie zu abbaubaren Rohstoffen

Ein Faible für "grüne" Chemie hatte Amitava Kundu schon während des Studiums. Kaum war die Dissertation abgeschlossen, machte er sich an die Verwirklichung seiner Geschäftsidee. Der Chemiker patentierte mit Unterstützung der Förderbank des Bundes, Austria Wirtschaftsservice (AWS), ein Verfahren, mit dem Glyzerin in Milchsäure umgewandelt - also quasi veredelt - werden kann.

Glyzerin fällt bei der Fettsäure- und Biodieselproduktion als Reststoff an. Benötigt wird die Substanz in der Kosmetikindustrie, "aber wir können uns gar nicht so viel waschen, wie da in Massen anfällt", sagt Kundu. Milchsäure wiederum kommt in vielen Industriezweigen als umweltfreundliches, weil biologisch abbaubares Entfettungs- und Lösungsmittel zum Einsatz.

Resorbierbare Kunststoffe aus Polymilchsäure leisten im Medizinbereich etwa für Stents, Nähte und Schrauben gute Dienste. Mit einer soliden wissenschaftlichen Ausbildung hätten sich viele andere Jungunternehmer diesen Prozess erschließen können: "Ich war einfach einer der Ersten, und die Zeit ist jetzt reif für eine Idee, die sich an der Wiederverwertung von Vorhandenem orientiert."

Die 2011 gegründete Firma "ab & cd innovations" wurde im Mai 2012 mit dem Sonderpreis "Start Up - Ressourceneffizienz" des österreichischen Staatspreises für Umwelt- und Energietechnologie ausgezeichnet. Das Verfahren ist Kundus Antwort auf die Frage, wie wir in Zukunft ohne die wohl knapper und teurer werdenden, petrochemischen Stoffe auskommen können. Für Glyzerin als Ausgangsprodukt entschied sich der 37-jährige Wiener mit indischen Wurzeln, "weil es ein kleines Molekül mit großem Potenzial ist. Ich wollte das anfangs allein in den Griff kriegen können." Während des Studiums war ihm schon aufgefallen, dass immer mehr von diesem Reststoff anfällt.

Nach dem Abschluss und langen theoretischen Überlegungen kratzte er sein Geld zusammen und finanzierte selbst einige Versuchsreihen. Mit den Ergebnissen in der Tasche schrieb er den AWS-Antrag. Für ein Labor samt Sicherheitsinfrastruktur und Geräten reicht diese Förderung aber nicht. Deshalb hat er sich über Vermittlung des universitären Gründerservice Inits - eine Stelle der Uni Wien, der TU Wien und der Wiener Technologieagentur ZIT - und seines Doktorvaters direkt neben seinem ehemaligen Institut an der Universität Wien angesiedelt. "Ich bin wohl das einzige Start-up im Haus", sagt er dazu. Seine erste Mitarbeiterin rekrutierte er ebenfalls am Institut für Anorganische Chemie. Bis Ende des Jahres will er noch ein bis zwei Mitarbeiter einstellen.

Rund zwei Jahre biss er sich allein und ohne Wochenende durch. Dafür mit steiler Lernkurve in ihm fremden Bereichen wie Kostenrechnung, Marketing und Kommunikation, Patentrecht und Businessplan. Inzwischen "flutscht" es: Ein Industriepartner meldete sich bei ihm und prüfte das Verfahren auf Tauglichkeit im großen Maßstab.

Jetzt stattet Amitava Kundu der Biodieselbranche und jenen heimischen Herstellern Besuche ab, die sich statt der lästigen Entsorgung eine neue hochwertige Lieferkette erschließen möchten. Die nächste Geschäftsidee hat er bereits in der Pipeline. Es laufen Versuche, aus Altspeiseölen industrierelevante Chemikalien herzustellen. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 10.10.2012)

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