Rote Hürdenläuferin nähert sich dem Ziel

Lisa Nimmervoll
9. Oktober 2012, 18:23
  • SPÖ-Chefverhandlerin Andrea Kuntzl: "Ich verhandle keine Zugangsbeschränkungen."
    foto: standard/fischer

    SPÖ-Chefverhandlerin Andrea Kuntzl: "Ich verhandle keine Zugangsbeschränkungen."

SPÖ und ÖVP sind in der Endphase der Verhandlungen über neue Zugangsregeln zumindest für ein paar besonders gestresste Studienfächer. Andrea Kuntzl muss als SPÖ-Chefverhandlerin dabei auch um einen Teil der sozialdemokratischen Parteiidentität kämpfen

Wien - Andrea Kuntzl will nicht diejenige sein, die als Totengräberin des "freien Hochschulzugangs" in die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Österreichs eingeht. Dafür rennt die Wissenschaftssprecherin der SPÖ nun seit Jänner dieses Jahres im Grunde das politische Rennen ihres Lebens. Es ist ein Hürdenlauf, der ironischerweise, wenn sie ihn demnächst hinter sich haben wird, am Ende Hürden für andere hinterlassen wird: in Form von Zugangsregeln zu den Unis.

Hürden ist ein hässliches Wort und kommt im Zusammenhang mit Hochschulen in der SPÖ besonders schlecht an. Und so betont Andrea Kuntzl im Standard-Gespräch denn auch das Ziel ihrer Mission: "Ich verhandle keine Zugangsbeschränkungen. Ich verhandle die erste Phase der Umsetzung einer Studienplatzfinanzierung, mit dem Ziel, in besonders nachgefragten Fächern die Studienbedingungen zu verbessern."

Fünf Problemfälle

Auch wenn jetzt noch niemand bestätigen will, welche Fächer es ab Wintersemester 2013/14 treffen wird, deutet doch viel darauf hin, dass Architektur, Pharmazie, Biologie, Informatik und Wirtschaftswissenschaften dran sein werden.

"Es wird ein Paket, das viel mehr kann, als jetzt unter dem Stichwort Zugangshürden herumgeistert", sagt Kuntzl. Nur "da und dort" werde es Aufnahmeverfahren geben - und erst dann, wenn alle Sicherheitsnetze, die sie spannen will, nicht ausreichen sollten, um gewisse Überlastungsphänomene wirksam abzubauen.

Dazu wird an einem "Phasenmodell" gearbeitet, auf Basis einer zwischen SPÖ und ÖVP außer Streit gestellten "Grundsatzeinigung": Es darf zu keiner Reduktion der Studierendenzahl kommen. Im Wintersemester 2011/12 waren es an den Unis 292.000. Jede/r soll auch in Zukunft studieren dürfen - auch das, was er oder sie studieren möchte. Einzig das "Wo?" könnte in Zukunft eingeschränkt frei wählbar sein.

  • 100 zusätzliche Professoren: Stufe eins des Hilfsprogramms für die "Massenfächer" - politisch korrekt: "stark nachgefragte Fächer" - ist die geplante Aufstockung um rund 100 Professorenstellen, um so die Kapazitäten auszubauen und die Studienbedingungen zu verbessern. Das alles soll sich laut Kuntzl "im beschlossenen Budgetrahmen bewegen". Wie, das wird vor der offiziellen Präsentation noch nicht verraten.
  • Regional besser verteilen: Prinzipiell will die SPÖ "versuchen, den Grundsatz des freien Hochschulzugangs weiter aufrechtzuerhalten", was so viel heißt wie: Jeder soll sein Wunschstudium beginnen können. Bestimmte beliebte Trampelpfade sollen in Zukunft aber umgeleitet werden, um so die regionalen Uni-Kapazitäten besser auszulasten. Will heißen: Wenn etwa die Informatik-Kapazitäten an der TU Wien voll ausgelastet sind, dann bleiben in der Bundeshauptstadt noch zwei Möglichkeiten, nämlich an der Uni Wien oder an der WU Wien. Sind die auch voll, gibt es auch ein universitäres Leben außerhalb Wiens. Die Unis Linz, Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt haben auch Informatik-Angebote - und durchaus freie Kapazitäten. Laut Kuntzl soll künftig das Motto gelten: "Jeder soll ein Studium beginnen können, aber möglicherweise nicht an seiner erstpräferierten Universität. Der Schlüssel liegt in der regionalen Verteilung."
  • Punktuelle Aufnahmeverfahren: Wenn es trotz personeller Aufstockung und regionalen Umleitungsversuchen "weiter zu Engpässen kommen sollte, kann es zu Aufnahmeverfahren kommen, aber nur punktuell und nicht flächendeckend - und nie nach von den Unis definierten Kapazitäten, sondern gesellschaftspolitisch definierten Größen", sagt die SPÖ-Chefverhandlerin. Kuntzl hofft, dass dieses "Stufenverfahren" eine vorerst taugliche Lösung des Zugangsproblems ist. Zumal es doch ein paar Puffer eingebaut hat, bis es quasi zum - für die SPÖ-Studierendenvertreter gilt er als das - Worst Case faktischer Aufnahmeverfahren kommen würde.

Für Andrea Kuntzl jedenfalls ist es ein Kampf an zwei Fronten: Sie muss dem für die ÖVP in den Ring gestiegenen Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle so viel Widerstand entgegensetzen, dass für die SPÖ noch genügend übrigbleibt, um sich weiterhin als Lordsiegelbewahrerin des zumindest möglichst freien Uni-Zugangs inszenieren zu können. Sie muss aber auch so viele Maßnahmen zulassen, dass "gewisse Realitäten" (Kuntzl) an den Unis nicht durch Leugnung einbetoniert werden.

Verhandler, die mit Kuntzl zu tun haben, beschreiben sie als "angenehme Verhandlungspartnerin": freundlich, routiniert und kenntnisreich, was Inhalte und Abläufe anlangt, teilweise auch vorsichtig - und strategisch versiert: "Sie kennt und beherrscht das politische Spiel." Es ist ein "Spiel", bei dem einiges auf dem Spiel steht - nicht nur für die SPÖ. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 10.10.2012)

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ja eh

aufnahmeprüfungen sind ein geschöntes wort für zugangsbeschränkungen. is die kuntzel shcon im övp sprech angekommen? oder so tief umgefallen, dass sie eine övplerin wird?

Angebot an die ÖVP:

Statt freiem Hochschulzugang, freier Zugang zum Cartellverband.

"Andrea Kuntzl will nicht diejenige sein, die als Totengräberin des "freien Hochschulzugangs" in die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Österreichs eingeht."

freier hochschulzugang ist eine augenauswischerei. wer sich mit dem thema beschäftigt, weiß, wir haben in Ö keinen freien hochschulzugang.

Grundsatz des freien Hochschulzugangs

bin auch dafür.
Jetzt bin ich in Pension und möchte (wegen der Studienreisen) Vulkanologie studieren. Hab zwar keine Matura aber wenn es keine Zugangsbeschränkungen mehr gibt wird das doch nicht mehr notwendig sein - oder?

Spaß beiseite - Im ganzen Leben kann man nicht machen was man will sondern nur das was man kann.

wenn Sie in ihrem Alter Studienreisen unternehmen, will ich aber auch von Ihnen lesen, dass Sie bereit sind, eventuelle gesundheitliche Folgekosten selbst zu übernehmen. Warum sollen wir für Sie mitzahlen, weil Sie sich einen Jux machen und gar nicht ordentlich studieren wollen? Denn Ihnen gehts ja um die "Studienreisen" - welche übrigens Exkursionen sind, die zumindest teilweise selbst bezahlt werden müssen und in deren Rahmen oft auch wissenschaftliche Arbeit statfindet, die zu leisten Sie gar nicht beabsichtigen.

Also, machen Sie mal Matura, damit Sie wenigstens diese Basics behirnen und begreifen.

"Freier Studienzugang" heißt nicht: Vorbildungsfrei. Es heißt: Nicht ausgesperrt, weil reaktionäre Obrigkeiten es so wollen.

Was hindert Sie daran?

Wenn Sie keine Matura haben, gibt es die Möglichkeit der Studienberechtigungsprüfung oder Sie können die Matura nachholen.

Sie werden allerdings feststellen, dass die Studienreisen keineswegs gratis sind.

Sie wissen aber schon, dass es auf Unis Prüfungen gibt, oder?

´lol .. Als Pensionist würd ich mir den Spaß nicht antun (außer ich hätt nen Abbschluss und kann direkt ein MAsterstudium beginnen. Da gibts schon interessante Sachen (die halt mich interessiern wie angewandte Ethik, internat. Politik usw.). SElbst nen Bachelor in Powi, Volkskunde, Geschichte stell ich mir ganz lustig vor. ICh war nie ein Streber oder/und besonders schlau und hatte oft trotz lernen nur nen 2er-3er. ABer wenn das egal ist?
Pensionisten werden die Noten idR totallegal sein, und wenn die Anfangsklausuren am BAchelor geschafft sind, dann fliegt man nicht mehr so leicht durch (vor allem werden Pensionisten idR kaum kaum soviel fortgehen und auf Hasenjagd gehen; dazu auch keine Nebenjobs)..

es muss eine form der beschränkung kommen.

in JEDER HTL, FH usw. gibts quasi eine zugangsbeschränkung. das bringt mit sich, dass die meisten abgänger einen entsprechenden job bekommen. an den unis ist alles nur wild... 1000 biologen jedes jahr...und wieviele jobs gibts? noch dazu mit konkurrenz aus FHs usw...

ich will hier ja die SPÖ nicht schönreden

aber irgendwie wirkt die frau zig mal kompetenter und vor allem auch motivierter als der töchterle.

Sie kapieren nicht, dass sie dem Töchterle grad japsend nvoraushechelt - der treibt sie vor sich her, dass es eine Schande ist - um ihrem Faymann zu helfen.

also das einzige das ich vom töchterle bezüglich unis bisher mitbekommen habe ist sowas wie "kümmerts euch um eure probleme selber"

In der Tat,

was kann man schon von einem Wissenschaftsminister erwarten, der im Hochgebirge aufgewachsen ist, Töchterle heißt, bei einer Blasmusikkapelle spielt, Mitglied einer römisch-katholischen Verbindung ist und dessen Forschungsschwerpunkt als Uni-Professor das antike Drama und die Literatur der Kaiserzeit ist.

Geht's noch mehr retro?

"Sie kennt und beherrscht das politische Spiel."

Dann weiss sie aber bestimmt auch, dass am Ende der Diskussion nur eines übrig bleiben wird: "Die SPÖ hat Zugangsbeschränkungen zugestimmt !!" Aber wahrscheinlich ist's eh schon wurscht ?!
Sozialdemokratische Politik muss man nämlich seit zig Jahren mit der Lupe suchen. Und das nicht nur in Ö sondern in ganz Europa - leider !!

Liebe Andrea Kuntzl bitte nicht auf die Verhinderung der Studiengebühren vergessen. Sonst können viele Kinder von den Arbeitern, Angestellte und kleine Beamte sich das Studium nicht mehr leisten. Die ÖVP will offensichtlich dass ihr Klientel wieder unter sich ist und nur mehr für die obere Schicht das Studium leistbar ist.

Zugangsbeschränkungen

.. gibt es an allen Fachhochschulen und man ist damit sehr gut gefahren.
Nutznießer sind vor allem die Absolventinnen und Absolventen, die überwiegend beste Jobchancen haben!

ach, na dann machen wir doch gleich nur mehr fachhochSCHULEN. geht doch auch nur mehr um jobchancen/ausbildung und NICHT schon längst nicht mehr um bildung!

das gleichschalten der lemminge funktioniert immer besser.

Lemminge ..

.. sind die Massen an arbeitslosen Uni-Absolventen etwa in Spanien!

ob FH-Absolventen in Spanien bessere Job-Chancen hätten?

Ich glaube, Sie haben das Argument von "Töchtersöhne" nicht verstanden, oder können Sie nur mit der Bildungskeule hindreschen? Im Übrigen können Sie jahrelang Herumstudieren und sich bilden, wenn Sie das wollen und es sich leisten können. Davon haben nämlich nur Sie etwas, daher ist es vermessen, die Kosten dafür der Allgemeinheit anlasten zu wollen.

Das Posting war überzeichnet, aber der Kern idt doch, dass das Studium NICHT NUR der unmittelbaren Berufsausbildung dient, denn bis auf Medizin ist ohnehin unklar , was einen erwartet. Die festgefügte Berufswelt gibt es doch nicht mehr und ein bestimmer Grad an "Allgemeinbildung" ist auch für die Gesellschaft gut.
Allerdings glaube ich, dass es für Massenfächer Beschränkungen geben muss, denn 1. eine Studiumsinfrastruktur kann nicht auf Zuruf beliebig erweitert oder eingeschränkt werden und 2. ein zu gosser Überhang ist gesellschtlich problematisch.

Sorry, aber das Posting war nicht überzeichnet, sondern doof, vor allem, wenn man sich Posting durchliest, auf das geantwortet wurde. Selbst ein FH-Studium ist, auch wenn es natürlich zielgerichteter ist als ein "normales" Studium, keine unmittelbare Berufsausbildung. Die Bildungsverfechter wünschen sich ja meist ein Studium, in dem man nach Gutdünken Wissen sammelt und das braucht auch in einer nicht festgefügten Berufswelt niemand. Allgemeinbilldung ist unbestritten nötig, wird teilweise an Uni mitgegeben, dafür ist man aber wohl auch selbst verantwortlich. Sinnvolle Zugangsbeschränkungen sind m.E. notwendig und reduzieren nicht die Zahl der Absolventen sondern die Drop-out-Quote.

Nein

Ich wünsche mir ein Studium, bei dem man mehr als über den Tellerrand blicken kann.
Z.B. sind soziale Überlegungen im Bereich Medizin, Recht, Technik und Wirtschaft kein Orchideen-Luxus.
Psychologische, Linguistische Fragestellungen in der Informatik sind für benutzbare Systeme relevant (erstere auch für Techniker).
Systemtheoretische Ansätze wären für Ökonomen und Juristen mal ein Ansatz, zirkuläre soziale Systeme besser zu verstehen.
Und klassische philosophische Fragestellungen ohnehin...

sehe ich auch so. Die frage der berufsaus gegen nur bildung ist unabhaenig. Denn wenn 1000 Studierende auf einen Lehrenden kommen dann ist Qualitaet fraglich egal ob es um Berufsausbildung oder um Bildung geht.

Was es in jedem fall braucht ist eine feststellung der kapazitaeten, und die ehrliche aussage der Politik dass sie sich nicht mehr leisten will als das. Schwierig wirds wenn wie die im Artikel "gesellschaftspolitisch definierten Größen" voellig an den ist zustaenden der unis vorbeigehen, oder sich staendig aendern. (Und weil die gesellschaftspolitisch definiert vermutlich heisst von der gerade vorherschenden interessensvertretung definiert.) So gesehen, ist mir eine festlegung durch die unis lieber.

Nur zur Information

an der TU Graz gibt es auch Informatik-Angebote

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