Rote Hürdenläuferin nähert sich dem Ziel

  • SPÖ-Chefverhandlerin Andrea Kuntzl: "Ich verhandle keine Zugangsbeschränkungen."
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    SPÖ-Chefverhandlerin Andrea Kuntzl: "Ich verhandle keine Zugangsbeschränkungen."

SPÖ und ÖVP sind in der Endphase der Verhandlungen über neue Zugangsregeln zumindest für ein paar besonders gestresste Studienfächer. Andrea Kuntzl muss als SPÖ-Chefverhandlerin dabei auch um einen Teil der sozialdemokratischen Parteiidentität kämpfen

Wien - Andrea Kuntzl will nicht diejenige sein, die als Totengräberin des "freien Hochschulzugangs" in die Geschichte der Sozialdemokratischen Partei Österreichs eingeht. Dafür rennt die Wissenschaftssprecherin der SPÖ nun seit Jänner dieses Jahres im Grunde das politische Rennen ihres Lebens. Es ist ein Hürdenlauf, der ironischerweise, wenn sie ihn demnächst hinter sich haben wird, am Ende Hürden für andere hinterlassen wird: in Form von Zugangsregeln zu den Unis.

Hürden ist ein hässliches Wort und kommt im Zusammenhang mit Hochschulen in der SPÖ besonders schlecht an. Und so betont Andrea Kuntzl im Standard-Gespräch denn auch das Ziel ihrer Mission: "Ich verhandle keine Zugangsbeschränkungen. Ich verhandle die erste Phase der Umsetzung einer Studienplatzfinanzierung, mit dem Ziel, in besonders nachgefragten Fächern die Studienbedingungen zu verbessern."

Fünf Problemfälle

Auch wenn jetzt noch niemand bestätigen will, welche Fächer es ab Wintersemester 2013/14 treffen wird, deutet doch viel darauf hin, dass Architektur, Pharmazie, Biologie, Informatik und Wirtschaftswissenschaften dran sein werden.

"Es wird ein Paket, das viel mehr kann, als jetzt unter dem Stichwort Zugangshürden herumgeistert", sagt Kuntzl. Nur "da und dort" werde es Aufnahmeverfahren geben - und erst dann, wenn alle Sicherheitsnetze, die sie spannen will, nicht ausreichen sollten, um gewisse Überlastungsphänomene wirksam abzubauen.

Dazu wird an einem "Phasenmodell" gearbeitet, auf Basis einer zwischen SPÖ und ÖVP außer Streit gestellten "Grundsatzeinigung": Es darf zu keiner Reduktion der Studierendenzahl kommen. Im Wintersemester 2011/12 waren es an den Unis 292.000. Jede/r soll auch in Zukunft studieren dürfen - auch das, was er oder sie studieren möchte. Einzig das "Wo?" könnte in Zukunft eingeschränkt frei wählbar sein.

  • 100 zusätzliche Professoren: Stufe eins des Hilfsprogramms für die "Massenfächer" - politisch korrekt: "stark nachgefragte Fächer" - ist die geplante Aufstockung um rund 100 Professorenstellen, um so die Kapazitäten auszubauen und die Studienbedingungen zu verbessern. Das alles soll sich laut Kuntzl "im beschlossenen Budgetrahmen bewegen". Wie, das wird vor der offiziellen Präsentation noch nicht verraten.
  • Regional besser verteilen: Prinzipiell will die SPÖ "versuchen, den Grundsatz des freien Hochschulzugangs weiter aufrechtzuerhalten", was so viel heißt wie: Jeder soll sein Wunschstudium beginnen können. Bestimmte beliebte Trampelpfade sollen in Zukunft aber umgeleitet werden, um so die regionalen Uni-Kapazitäten besser auszulasten. Will heißen: Wenn etwa die Informatik-Kapazitäten an der TU Wien voll ausgelastet sind, dann bleiben in der Bundeshauptstadt noch zwei Möglichkeiten, nämlich an der Uni Wien oder an der WU Wien. Sind die auch voll, gibt es auch ein universitäres Leben außerhalb Wiens. Die Unis Linz, Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt haben auch Informatik-Angebote - und durchaus freie Kapazitäten. Laut Kuntzl soll künftig das Motto gelten: "Jeder soll ein Studium beginnen können, aber möglicherweise nicht an seiner erstpräferierten Universität. Der Schlüssel liegt in der regionalen Verteilung."
  • Punktuelle Aufnahmeverfahren: Wenn es trotz personeller Aufstockung und regionalen Umleitungsversuchen "weiter zu Engpässen kommen sollte, kann es zu Aufnahmeverfahren kommen, aber nur punktuell und nicht flächendeckend - und nie nach von den Unis definierten Kapazitäten, sondern gesellschaftspolitisch definierten Größen", sagt die SPÖ-Chefverhandlerin. Kuntzl hofft, dass dieses "Stufenverfahren" eine vorerst taugliche Lösung des Zugangsproblems ist. Zumal es doch ein paar Puffer eingebaut hat, bis es quasi zum - für die SPÖ-Studierendenvertreter gilt er als das - Worst Case faktischer Aufnahmeverfahren kommen würde.

Für Andrea Kuntzl jedenfalls ist es ein Kampf an zwei Fronten: Sie muss dem für die ÖVP in den Ring gestiegenen Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle so viel Widerstand entgegensetzen, dass für die SPÖ noch genügend übrigbleibt, um sich weiterhin als Lordsiegelbewahrerin des zumindest möglichst freien Uni-Zugangs inszenieren zu können. Sie muss aber auch so viele Maßnahmen zulassen, dass "gewisse Realitäten" (Kuntzl) an den Unis nicht durch Leugnung einbetoniert werden.

Verhandler, die mit Kuntzl zu tun haben, beschreiben sie als "angenehme Verhandlungspartnerin": freundlich, routiniert und kenntnisreich, was Inhalte und Abläufe anlangt, teilweise auch vorsichtig - und strategisch versiert: "Sie kennt und beherrscht das politische Spiel." Es ist ein "Spiel", bei dem einiges auf dem Spiel steht - nicht nur für die SPÖ. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 10.10.2012)

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