Sender Top Secret droht nach Kritik an Kreml Abschaltung

Dem russischen Kabelkanal Top Secret droht das Aus. Der Sender hatte über die Proteste der Opposition berichtet und sich damit den Unwillen der Präsidialverwaltung zugezogen. Nun soll er abgeschaltet werden

Russlands staatlicher Telefonanbieter RosTelekom kündigt den Kooperationsvertrag mit dem Kabelsender "Sowerschenno Sekretno" ("Top Secret"). Ab Februar wird das Programm des Senders damit nicht mehr in die Kabel- und Satellitennetze von RosTelekom eingespeist. Offiziell erklärt der Konzern dies mit der Notwendigkeit, Ausgaben zu kürzen. Die Führung von Top Secret hingegen spricht von politischem Druck.

Der TV-Sender Top Secret ist Teil der gleichnamigen Verlagsholding, die Ende der 1980er-Jahre gegründet wurde. In den 1990ern machte sich der Verlag mit Enthüllungsgeschichten über die Jelzin-Familie und Oligarchen wie Roman Abramowitsch einen Namen. Der Fernsehkanal ging 2006 auf Sendung und ist derzeit in 56 russischen Städten zu empfangen. Mit einem Publikum von etwa 15 Millionen Zuschauern ist er verhältnismäßig klein.

In den vergangenen Monaten hatte der Sender recht ausführlich über die Proteste der politischen Opposition in Russland berichtet - und damit offenbar einflussreiche Leute im Kreml verstimmt: "Die Leute von RosTelekom haben mir gesagt, dass wir die Tonart bei einigen Sendungen ändern sollten, unter anderem auch bei der Berichterstattung über die Kundgebungen", erklärte die Generaldirektorin von Top Secret, Eteri Lewijewa.

Unbotmäßiges Interview

Das Fass zum Überlaufen gebracht haben soll ein Interview mit der Mutter von Xenia Sobtschak, Ljudmila Narussowa, im Juni. Die Senatorin hatte in dem Interview die offizielle Version vom Tod ihres Mannes Anatoli Sobtschak (Herzinfarkt), des politischen Ziehvaters von Präsident Wladimir Putin, infrage gestellt und auch über Putins Rolle in Russland gesprochen. Nach der Ausstrahlung forderte Generalstaatsanwalt Juri Tschaika die Übergabe des Videos. Eine Verleumdungsklage gegen den Sender wurde aber nicht initiiert.

Stattdessen wurde der Vertrag gekündigt. Ihr sei in den Verhandlungen von RosTelekom mitgeteilt worden, dass die Präsidialadministration unzufrieden mit der "überzogenen Courage" des Senders sei, sagte Lewijewa. Sie glaube aber nicht daran, dass der Kreml seine Hände im Spiel habe. Sie vermute vielmehr vorauseilenden Gehorsam unterer Beamtenchargen, fügte sie hinzu.

Auf einer Pressekonferenz am Dienstag bat sie die Präsidialverwaltung, schlichtend in den Konflikt einzugreifen. Aufgeben will Top Secret auf keinen Fall. Sollte es keine Einigung mit RosTelekom geben, will der Sender sein Programm anderen Kabelbetreibern anbieten.

Bürgerrechtler beklagen die Dominanz des Kreml in der russischen Fernsehlandschaft. Die Berichterstattung in den drei mit Abstand größten landesweiten Sendern kontrolliert die russische Führung entweder direkt oder über den staatlichen Rohstoffkonzern Gasprom. Im Printbereich ist die Meinungsvielfalt höher, allerdings berichten Journalisten in den vergangenen Monaten auch hier über zunehmenden Druck. (André Ballin, DER STANDARD, 10.10.2012)

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