Bürgermeister stiehlt Cameron die Show

Schlechte Wachstumsprognosen, unruhiges Parteivolk, ein strahlender Rivale - an seinem 46. Geburtstag hatte der britische Premier wenig Anlass zum Feiern

Birmingham/London - Auf dem Parteitag der Konservativen in Birmingham hat David Cameron die Sparpolitik seiner Koalitionsregierung verteidigt. Die britische Wirtschaft zeige "erste Heilungsfortschritte" nach der tiefen Krise durch die globale Finanzkrise, sagte der Premierminister am Dienstag in Reaktion auf den Internationalen Währungsfonds (IWF). Dessen jüngster Bericht prognostiziert der Volkswirtschaft auf der Insel für 2012 einen Rückgang um 0,4 Prozent. Camerons Beteuerungen wurden überschattet vom umjubelten Auftritt des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson, dessen Rede in einer Loyalitätserklärung für den Parteichef gipfelte: "Du hast klare Führung gezeigt und harte Entscheidungen getroffen."

An Camerons Führungsstil hat es immer wieder Kritik gegeben, nicht zuletzt von Johnson selbst. Dieser wurde erst im Mai für vier Jahre wiedergewählt, gegen den landesweiten Trend und in einer überwiegend der Labour-Opposition zugeneigten Stadt. Seither lässt der 48-Jährige keinen Zweifel an seiner Ambition, Premierminister zu werden, und keine Gelegenheit aus, der Koalition an den Wagen zu fahren.

Popularität im Keller

Den Hauptteil seiner knapp halbstündigen Rede verwendete Johnson jedoch auf eine lange Litanei seiner Errungenschaften in der Hauptstadt. Die erfolgreichen Olympischen und Paralympischen Spiele hätten die Briten selbst überrascht, sagte der Konservative: "Durch diese Überraschung kam unsere chronische Neigung zum Vorschein, unsere Fähigkeiten zu unterschätzen." Jetzt habe man kollektiv festgestellt: "Wir sind ein kreatives, selbstbewusstes, optimistisches Land."

Solche Beteuerungen sind Balsam für die Seele einer Partei, deren Popularität seit Monaten im Keller verharrt. Auch neue Umfragen bestätigen der Labour-Opposition unter Edward Miliband einen 10-prozentigen Vorsprung vor den Tories (34 Prozent), was im britischen Mehrheitswahlrecht für eine absolute Mehrheit der Mandate ausreichen würde. Zweieinhalb Jahre vor der nächsten Unterhauswahl 2015 stehen hingegen die Chancen der Konservativen auf eine eigene Mehrheit schlecht.

Warnung vor EU-Austritt

Am rechten Rand ist den Tories mit der EU-feindlichen, populistischen UKI-Partei ein Rivale erwachsen, der das überwiegend rechts angesiedelte Parteivolk zunehmend nervös macht. Den größten Beifall erhielten Kabinettsmitglieder in Birmingham stets dann, wenn sie neue Sozialkürzungen in Aussicht stellten oder die EU als Wurzel allen Übels an den Pranger stellten.

Die Volksabstimmung über die britische Mitgliedschaft im Brüsseler Club - erstmals seit 1975 - ist ein Herzenswunsch des konservativen Parteivolks und darüber hinaus. Ein Referendum irgendwann nach der Wahl 2015 sei "die sauberste Lösung", teilte Cameron am Dienstag, seinem 46. Geburtstag, mit, warnte aber vor dem EU-Austritt. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 10.10.2012)

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