"Das ist ein erfrischender Prozess"

Interview
  • War beim Schreiben seines Businessplans kreativ: Bastian Unterberg, CEO von Jovoto.
    foto: jovoto

    War beim Schreiben seines Businessplans kreativ: Bastian Unterberg, CEO von Jovoto.

  • Die internationale Initiative "A Logo for Human Rights" wurde über die Kreativplattform Jovoto abgewickelt. Angelina Jolie, Robert De Niro und Aung San Suu Kyi (und andere) saßen in der Jury und präsentieren auf Postern das neue Symbol für Menschenrechte.
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    Die internationale Initiative "A Logo for Human Rights" wurde über die Kreativplattform Jovoto abgewickelt. Angelina Jolie, Robert De Niro und Aung San Suu Kyi (und andere) saßen in der Jury und präsentieren auf Postern das neue Symbol für Menschenrechte.

Ideen können sich nur optimal entfalten, wenn Kreative einen Raum haben, in dem sie frei und selbstbestimmt arbeiten können, meint Bastian Unterberg und gründete eine Web-Plattform - Markus Böhm fragte nach

STANDARD: Ist Jovoto eine Art Online-Marktplatz für Kreative?

Unterberg: Genau das ist es nicht. Unser Ziel war 2006, als wir an der Universität der Künste in Berlin über Jovoto nachgedacht haben, eine Plattform zu entwickeln, auf der wir vor allem Nachwuchstalente mit Unternehmen vernetzen. Es geht darum, einen Arbeitsraum zu schaffen, in dem der Arbeitsprozess transparent ist, in dem die Rechtesituation nachhaltiger geklärt ist. Es geht ein Stück weit um die Zukunft der Kreativarbeit. Was auf anderen Online-Marktplätzen passiert, ist, dass viele gegeneinander antreten und es zu einem Preisdumping kommt - was ausschließlich dem Kunden zugutekommt.

STANDARD: Was macht die Plattform anders?

Unterberg: Die Teilnehmer behalten zum Beispiel ihre Rechte. Die Preisgelder sind im Schnitt zwanzigmal höher als auf anderen Crowdsourcing-Plattformen im Kreativbereich. Das Preisgeld wird durch die Teilnehmer selbst verteilt: Es wird auch nicht ein Gewinner gekürt, sondern das ausgeschriebene Preisgeld wird zwischen den vorderen Plätzen verteilt - in einigen Contests werden bis zu 20 Plätze honoriert, mit Beträgen auch für den 20. Platz.

STANDARD: Ist mehr Geld der einzige Anreiz mitzumachen?

Unterberg: Die Motive sind sehr unterschiedlich. Manche machen mit, weil sie gutes Feedback bekommen, andere wollen sich ein Netzwerk aufbauen. Für Nachwuchskreative, die gerade von der Uni kommen, ist das eine Chance, zum ersten Mal an einem großen Projekt mitzuarbeiten. An die großen Marken heranzukommen ist gerade am Anfang schwierig, weil vor allem die Agenturen in der Kreativwirtschaft eine Art Flaschenhals sind. Da muss man als junger Kreativer aber durch. Einzelne kommen da kaum zum Zug. Der Arbeitsprozess auf der Plattform ist sehr viel offener, getrieben von Selbstbestimmung, zu transparenten Konditionen.

STANDARD: Wie wirkt sich das auf die Qualität aus?

Unterberg: Durch selbstbestimmtes Arbeiten ist das Ergebnis besser. Man kann sich mit anderen über die Plattform vernetzen und gemeinsam an einem Thema arbeiten - ein Typograf mit einem Architekten und einem Werbetexter. Es kommen dabei ganz andere Ideen heraus. Das geht aber nur, wenn Leute auch wirklich teilhaben. Wenn es am Ende nur einen Gewinner gibt und alle anderen leer ausgehen, sinkt klarerweise die Motivation, sich länger als notwendig mit einem Projekt zu befassen. Auf der Plattform diskutieren die Teilnehmer über den Prozess und die Ergebnisse, das heißt, sie arbeiten trotz Wettbewerb miteinander. Das ist das Prinzip der "Co-Opetition".

STANDARD: Was ist "Co-Opetition"?

Unterberg: Es geht darum, kooperativ zu konkurrieren. Das ist ein relativ neues Prinzip, das erst durch die Strukturen des Internet ermöglicht wurde: Man kann quasi in Echtzeit in Wettbewerb und in Interaktion treten. Davon haben schließlich auch die Kunden etwas, außerdem bekommen sie durch die größere Anzahl der Teilnehmer nicht nur drei oder vier Vorschläge, sondern hunderte. Außerdem bekommen sie die gesamte Diskussion: Wie wird das Unternehmen, die Marke in der Community reflektiert. Weil die Teilnehmer auf der Plattform kein Abhängigkeitsverhältnis zum Auftraggeber haben, können sie ihre Meinung freier äußern. Das ist ein äußerst erfrischender Prozess.

STANDARD: Welche Position nimmt Jovoto dabei ein?

Unterberg: Wir sehen uns als Intermediär. Wir wollen dem Kunden die besten Ergebnisse und der Community die besten Projekte zuführen. Das machen wir auf zwei Arten: Zum einen managen wir die Kundenprojekte, zum anderen treiben wir die technologische Entwicklung der Plattform weiter.

STANDARD: Sie haben in einem Vortrag erwähnt, dass Sie den Ausdruck Crowdsourcing nicht sehr schätzen. Warum?

Unterberg: Der Begriff Crowd ist stark an einer anonymen Masse angelehnt. Auf unserer Plattform sind die Menschen aber gar nicht so anonym. Wir haben engen Kontakt und Austausch mit diesen Menschen. Es geht nicht nur rein um das Sourcen von Ideen, das ist natürlich der erste Schritt, es geht in weiterer Folge um den Kollaborationsprozess, das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

STANDARD: In diesem Zusammenhang taucht auch der Begriff der kollektiven Intelligenz auf.

Unterberg: Dieser Faktor ist über die Bewertungsebene eingebunden. Die Gemeinschaft entscheidet über den Gehalt der Arbeiten. Es ist interessant zu sehen, wie das funktioniert. Die Community pflegt dieses Konzept. Sie weist Störenfriede in ihre Schranken - sie reguliert sich sozusagen selbst.

STANDARD: Wie wird Rechtssicherheit, was beispielsweise das Copyright der eingereichten Beiträge betrifft, garantiert?

Unterberg: Natürlich gibt es ein Risiko. Die Chance, eine von der Plattform gestohlene Idee zu entdecken, ist sehr hoch. Unsere Aufgabe ist es in diesem Fall, die Rechte der Community zu wahren. Wir arbeiten auch mit einer großen, global agierenden Rechtsanwaltskanzlei zusammen. Bisher hat sich noch jeder Fall ohne großen Konflikt lösen lassen. Die Lizenzgebühren, die für Ideen auf unserer Plattform anfallen und über die sich Jovoto finanziert, sind in der Regel nicht so hoch, dass sich eine Firma diese nicht leisten kann. Auch deshalb, weil wir nicht den Apparat einer Agentur mitfinanzieren müssen.

STANDARD: Kann die Plattform dasselbe leisten wie eine Agentur?

Unterberg: Eine Agentur liefert eine gehörige Servicekomponente, beispielsweise Beratungsleistungen. Das kann weder die Community noch Jovoto leisten. Daher arbeiten wir auch mit Agenturen zusammen, weil diese bessere Möglichkeiten haben, die Resultate zu implementieren und auf den Markt zu schicken, anders als die Community. Aber ein Ideenfindungsprozess in der Größenordnung, wie wir ihn anbieten, das können Agenturen niemals leisten. Es kommt darauf an, was man will: Für zwei bis drei Ideen genügt es, eine Agentur zu beauftragen, aber für ein breites Screening der Möglichkeiten und hunderte Ideen und Innovationen ist die Agentur zu teuer.

STANDARD: Gibt es Kritiker?

Unterberg: Es gibt Heerscharen von Kritikern. Ich glaube, wann immer man ein disruptives Modell in den Markt führt und beweist, dass es funktioniert, setzt man einen Wandel in Gang. Es gibt Kreative, die sich fürchterlich aufregen, weil sie ihren Arbeitsplatz gefährdet sehen. Auf der anderen Seite wird vielen die Teilnahme am Prozess ermöglicht, die sonst nicht die Gelegenheit dazu hätten. Dazu muss man aber auch proaktiv sein und sich mit dem Thema auseinandersetzen. Man muss auch neue Prozesse lernen.

STANDARD: Es gibt das Vorurteil, dass Kreative keine Ahnung vom Geschäftlichen haben.

Unterberg: Das kann man so nicht stehen lassen. Kreative wollen an ihren Ideen arbeiten und nicht erst einen Businessplan schreiben, bevor sie sich an die Arbeit machen. Viele Kreative haben zwar mit Controlling, Office- Accounting usw. nichts am Hut. Auch ich musste mich mit der Gründung des Unternehmens das erste Mal mit diesen Dingen auseinandersetzen. Man kann aber auch kreativ sein, wenn man einen Businessplan schreibt.

(Markus Böhm, DER STANDARD, 10.10.2012)


Bastian Unterberg (34) studierte vor Jovoto Informatik an der Universität Siegen und Design an der Universität der Künste Berlin. Ende 2007 gründete er dort Jovoto, eine globale Kreativplattform für kollektive Zusammenarbeit, deren Geschäftsführer er ist. Seit 2010 ist Jovoto auch in New York vertreten. Über die Plattform wurden bereits zahlreiche internationale Kreativ-Wettbewerbe organisiert. Bisher wurden mehr als 200 große Projekte abgewickelt: von Kommunikationskampagnen für Greenpeace oder Unicef über Produkt- und Servicedesign, Lösungen für Starbucks oder Nestlé bis hin zu Architekturwettbewerben für nachhaltiges Wohnen.

Bastian Unterberg spricht am Donnerstag, 11.10.2012, beim Austrian Innovation Forum am IST Austria in Maria Gugging / Klosterneuburg über "CSR-driven Innovation".
Programm und nähere Infos: austrian-innovation-forum.at

Wissen: Crowdsourcing

"Crowdsourcing" stellt ein neues Prinzip der Arbeitsteilung und der Erweiterung der bisherigen Arbeitsteilungsmodelle dar. Die Grundannahme ist, dass durch kollaborative Kreativ-Wettbewerbe, Wissens- und Ideensammlungen, Bewertungen oder Vorhersagen ein besseres Ergebnis erzielt wird, als wenn sich Individuen diesen Aufgaben widmen. Im Vordergrund steht die Auslagerung auf die (kollektive) Intelligenz und die Arbeitskraft einer Menge von Arbeitern im Internet im Vordergrund. Crowdsourcing ist zudem ein Set von Prinzipien, Prozessen und Plattformen zur Steuerung von offenen Arbeitsprozessen. Dies schließt nicht nur die (globale) Ausschreibung, sondern auch die Auswertung und Aggregation der Ergebnisse mit ein. Die Entstehung globaler Plattformen und Kommunikationsnetze bietet den Zugriff auf eine immer größere Crowd mit unterschiedlichsten Qualifikationen - eine "global Workforce".

Das Kunstwort "Co-Opetition" wiederum bedeutet so viel wie Zusammenarbeit im Wettbewerb. Sie ist eine Anwendung spieltheoretischen Denkens im Geschäftsleben und geht weg vom Wettbewerbsdenken. Derartige Systeme werden in der Spieltheorie mathematisch als Nichtnullsummenspiel beschrieben. Es ist zudem eine praktische Anwendung der sogenannten Mechanismus-Design-Theorie, für die im Jahr 2007 der Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften vergeben wurde. (max)

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