Religiös? Niemals!

Blog9. Oktober 2012, 12:38
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Die Mehrheit der Han-Chinesen bezeichnet sich als unreligiös - doch die Realität sieht anders aus

Was ist Religiosität eigentlich? In Mitteleuropa, wo die Kirchen nach Gläubigen lechzen und keine bekommen, gilt man schon als guter Christ, wenn man zu Weihnachten einmal in die Kirche geht. In China würde sich so gut wie niemand als religiös sehen, und doch gehen die meisten regelmäßig in die Tempel, beten, zünden Räucherstäbchen an und vollziehen je nach Bedarf die unterschiedlichen Rituale. Fast alle tragen Ketten mit schützenden Amuletten von Buddha oder Bodhisattva, in den Dörfern sind Schreine mit Gaben für die Lokalgottheiten vollkommen normal, und sobald jemand stirbt, wird seine Wohnung und sein Besitz mit daoistischen Ritualen gesäubert und der Tote in möglichst schöner Lage begraben, aus Respekt vor dem Geist der Vorfahren.

Alles Geisterglaube!

"Ich habe nichts mit Religion am Hut, das ist alles Geisterglaube", erzählt mir beispielsweise eine Freundin, der es offensichtlich wichtig war, das klarzustellen. Eine Woche später, wir waren gerade in einem Park unterwegs, marschiert sie schnurstracks auf den Tempel zu, wirft Geld in jede einzelne Geldbox, kauft Räucherstäbchen und verteilt sie fast schon zeremoniell auf die einzelnen Brenngefäße, betet vor dem Hauptbuddha, verbeugt sich vor allen anderen und erklärt erst nach vollendeter Prozedur, wir könnten uns jetzt etwas zum Essen holen - vegetarische Kost natürlich, man sei schließlich in einem buddhistischen Tempel.

"Ich dachte, du bist nicht religiös?", wage ich zaghaft einzuwerfen. "Das hat ja auch nichts damit zu tun", sagt sie - Ende der Diskussion. Erst nach hartnäckigem Nachfragen kommt eine kurze Erklärung: "Das macht man halt so, das gehört dazu." Ich wurde daraus nicht schlau. Etwas, was man einfach nur so macht, tut man doch nicht so inbrünstig, mit solcher Hingabe und Achtung für die Details. Und ganz davon abgesehen: Die meisten Menschen, die ich hier kennengelernt habe, glauben sehr wohl an Geister als Teil der Gesellschaft.

Religion stand unter Strafe

Religiosität stand während der Kulturrevolution unter Strafe, und jegliche religiöse Handlung wurde teils drastisch bestraft. Die heutige Eltern- und Großelterngeneration ist in einem Milieu aufgewachsen, in dem alleine das Wort Religion schon unangenehm klang, wo man am besten überhaupt nicht darüber redete, wo man gar selbst zum Abriss des lokalen Klosters ging, um nicht unangenehm aufzufallen.

Die Sitten, die Gebräuche haben sich kaum geändert, und auch als mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur Kulturrevolution das Ausüben von religiösen Handlungen nicht mehr strafbar war und Tempel keine tabuisierten Orte mehr waren, beließ man es einfach bei dieser Bezeichnung: Sitten, Bräuche.

Drei Hauptreligionen

Dabei rechnen sich die meisten nicht einer bestimmten Religion zu, die sie dann zeit ihres Lebens verfolgen, sondern man bedient sich immer der Rituale oder Heiligen, die man gerade für eine bestimmte Lebenssituation braucht. Das gilt vor allem für die drei Hauptreligionen Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus, die sich auch gegenseitig stark beeinflusst haben. Es geht also nicht darum, ob es Religiosität überhaupt gibt, sondern darum, wie man das Phänomen nennt.

Es ist natürlich tatsächlich schwer zu sagen, ob beispielsweise Konfuzius nun Religion oder Philosophie ist - beides ist möglich, und die immer schneller aus dem Boden schießenden Schreine und Tempel in seinem Namen lassen auch die Bemühungen der Regierung sichtbar werden, Konfuzianismus zu fördern. Eine Religion - pardon, Philosophie -, die unbedingten Gehorsam predigt, ist natürlich immer etwas Praktisches.

Mit dem Daoismus tut man sich da schon etwas schwerer. Die mit vielen lokalen, schamanistischen und "primitiven" Elementen gemischte "Hexenreligion" muss noch um die offizielle Euphorie der Regierung kämpfen, wenngleich sie lokal vor allem auf dem Land in alle Lebensbereiche integriert ist. Buddhismus wird je nach Region von der Regierung unterstützt oder unterdrückt - in tibetischen Gebieten werden Tempel regelmäßig besucht, Mönche befragt, Budgets kontrolliert und über Lehrinhalte gestritten.

Es geht wie immer um Geld

Dass Chinesen in Wirklichkeit außerordentlich religiös sind, zeigen der reißende Absatz von religiöser Literatur - wobei das dann als klassische oder philosophische Literatur bezeichnet wird -, der massenweise Konsum von religiösen TV-Shows, das Revival von Tempel- und Klosteranlagen und vieles mehr. Tempeltourismus macht in vielen Regionen einen großen Teil der lokalen Einnahmen aus, denn es ist ganz klar auch eine Frage des Geldes.

Bei meinem Tempelbesuch kaufte eine Dame, die für den Schulabschluss ihres Sohnes beten wollte, drei große Räucherstäbchen um über 200 Yuan (24 Euro) - das sind schon ganz beachtliche Summen, die investiert werden. Heilige Berge (sowohl taoistische als auch konfuzianistische) können horrende Eintrittspreise verlangen, und dennoch gehen Menschen dorthin, um sich spirituell zu bereichern. Spirituell, versteht sich - nicht religiös. (An Yan, daStandard.at, 9.10.2012)

  • Daoistische Priester lesen die zeremoniellen Texte.
    foto: an yan

    Daoistische Priester lesen die zeremoniellen Texte.

  • Eine daoistische Totenzeremonie in einer Wohnanlage.
    foto: an yan

    Eine daoistische Totenzeremonie in einer Wohnanlage.

  • Drei riesige Räucherstäbchen ...
    foto: an yan

    Drei riesige Räucherstäbchen ...

  • ... sollen den Erfolg des Sohnes bei der Abschlussprüfung garantieren.
    foto: an yan

    ... sollen den Erfolg des Sohnes bei der Abschlussprüfung garantieren.

  • Buddhastatue mit Gaben der Gläubigen.
    foto: an yan

    Buddhastatue mit Gaben der Gläubigen.

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