Pulcinella, die Metro und das Meer

  • Lina Sastri präsentiert "Linapolina".
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    foto: napoli teatro festival

    Lina Sastri präsentiert "Linapolina".

  • Festivalchef Luca de Fusco inszenierte "Antigone".
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    Festivalchef Luca de Fusco inszenierte "Antigone".

  • Laura Angiulli nahm sich Antonio Pepitos "'O Paparascianno" an.
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    foto: napoli teatro festival

    Laura Angiulli nahm sich Antonio Pepitos "'O Paparascianno" an.

  • "Odissea Napoletana", ein Projekt von Gabriele Russo.
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    foto: napoli teatro festival

    "Odissea Napoletana", ein Projekt von Gabriele Russo.

  • Die vom katalanischen Architekten Oscar Tusquets gemeinsam mit den Künstlern Bob Wilson und William Kentridge gestaltete Stazione Toledo.
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    foto: robert quitta

    Die vom katalanischen Architekten Oscar Tusquets gemeinsam mit den Künstlern Bob Wilson und William Kentridge gestaltete Stazione Toledo.

  • Lungo Mare
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    Lungo Mare

Drei Versuche, den Vesuv zu besänftigen. Die zweite Tranche des Napoli Teatro Festival stand ganz im Zeichen der Neuinterpretation autochthoner Theatertraditionen

Dem Vesuv reicht es: "Neapel ohne Gott. Neapel der Abfälle. Neapel des Dioxins. Neapel der Camorra. Neapel der Cholera. Neapel der Schmuggler. Neapel der Überfälle.  Neapel der Huren, der Schwuchteln und Tunten. Neapel, du stinkender, weinender, singender Tumor. Ich werde dich töten." Schimpft er und schickt sich an auszubrechen, um mittels glühender Lava und giftiger Wolke die unter ihm liegende, seiner unwürdige Stadt zu vernichten.

Das sind zwar natürlich nicht die Worte des Vulkans selbst, sondern nur die, die ihm der Schriftsteller Mimmo Borelli für sein neues, von Giorgio Battistelli vertontes (und soeben am Teatro San Carlo uraufgeführtes) Oratorium "Napucalisse" in den Schlund gelegt hat. Aber wie um diesen Verwünschungen zu entgehen, scheint sich Neapel vorsorglich noch im letzten Moment auf viele seiner positiven Qualitäten besonnen zu haben.

Wiederentdeckung und Neuinterpretation

So stand zum Beispiel die zweite Tranche des Napoli Teatro Festival, dessen erster Teil im Juni internationalen Produktionen gewidmet war, dieses Mal ganz im Zeichen der Wiederentdeckung, bzw. Neuinterpretation autochthoner Theatertraditionen.

Festivalchef Luca de Fusco selbst inszenierte "Antigone" der jungen neapolitanischen Autorin Valeria Parella, die das Sophokleische Stück im Lichte der (gerade in Italien besonders) aktuellen Euthanasiedebatte komplett umschrieb.

Lokalheroine Lina Sastri gelang es in ihrer One Woman Show "Le Stanze del Cuore (Die Zimmer des Herzens)" nicht nur unbekannteren Liedern von Viviani, Bovio und Lama, sondern auch abgenudelten Gassenhauern wie "' Sole Mio" oder "Torna a Surrientu" ihre sehr spezielle melancholisch-intime Sichtweise einzuhauchen.

Isa Daniela und Enzo Moscato widmeten dem einheimischen Theatergott Eduardo de Filippo und insbesondere seiner im Kindesalter verstorbenen Tochter Luisa eine berührende biographische Hommage.

Impresariosohn Gabriele Russo versuchte im wunderschön-dekadenten Teatro Bellini, das bis vor zwanzig Jahren noch als Pornokino missbraucht worden war, die Odyssee als Sittenbild der zeitgenössischen neapolitanischen Gesellschaft umzudeuten.

Avantgardetheaterprinzipalin Laura Angiulli wiederum nahm sich eines Stücks des bedeutendsten Pulcinella-Darstellers aller Zeiten an: Antonio Pepitos "'O Paparascianno (Dialektausdruck für das männliche Geschlechtsteil)".
Und der in deutschen Landen theatralisch sozialisierte Antonio Latella dekonstruierte das lokal-spezifische Genre der "sceneggiat " (eine Art musikalischer soap-opera, die auch in Emigrantenkreisen wie z.B. in New York in der Zwischenkriegszeit sehr populär war) auf brutalste und unterhaltsamste Weise.

Erweiterte Metrolinie und Fußgängerzone

Dem nicht genug, wurden im September nach jahrzehntelangen Bauarbeiten endlich auch weitere Teile der Metrolinie 1 eröffnet. Besonders die vom katalanischen Architekten Oscar Tusquets gemeinsam mit den Künstlern Bob Wilson und William Kentridge gestaltete Station Toledo entwickelte sich sofort zur vielbestaunten, viel gelobten und viel besuchten Attraktion. Nicht zu Unrecht. Denn durch natürlichen Lichteinfall, Tonnen von blauen Mosaiksteinchen und sich bewegenden Lamellen ist hier so etwas wie eine unterirdische, den Gottheiten Himmel und Meer geweihte Kathedrale entstanden.

Nicht weniger aufsehenerregend auch die (anfänglich kontroversiell aufgenommene) Entscheidung des neuen Bürgermeisters, nicht nur die Haupteinkaufsstrasse und das historische Stadtzentrum, sondern auch die - bis vor kurzem sogar in den Nachtstunden noch als Autobahn dienende - Uferpromenade (den "Lungomare") zur Fußgängerzone zu erklären. "Endlich liegt Neapel wieder am Meer!" jubelten zumindest die Intellektuellen unisono.

In Borellis Oratorium ist es zu guter Letzt die in Neapel omnipräsente Madonna höchstpersönlich, die den zürnenden Feuerberg dazu überredet, von seinem vernichtenden Vorhaben abzulassen. Aber vielleicht reichen ja einstweilen auch die Anstrengungen seiner Einwohner, um den Vesuv vorübergehend ein wenig gnädiger zu stimmen. (Robert Quitta, derStandard.at, 9.10.2012)

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