Etablierung von Disziplinen oft "lokalpolitische Angelegenheit"

9. Oktober 2012, 10:33
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Welche Disziplinen als Fach an der Hochschule institutionalisiert werden, ist keine rein wissenschaftliche Entscheidung

Wien - Johann Wolfgang von Goethe wollte das Gesamtbild. Er schrieb eine Farbenlehre und Gedichte. Er glaubte, einen neuen Zahn entdeckt zu haben. Er untersuchte die Metamorphose von Pflanzen und sammelte zehntausende Mineralien, auf der Suche nach dem Urstoff der Welt.

Schön würde er sich wundern, käme er nun, 200 Jahre später, an die Hochschule zurück und hätte zwischen hunderten verschiedenen Studienfächern zu wählen.

Dabei spielte auch er eine Rolle in der Ausdifferenzierung der einzelnen Wissenschaftsgebiete. Er schuf in Jena einen Lehrstuhl für Chemie - den ersten im deutschsprachigen Raum. Davor studierte man unter dem Titel " Naturgeschichte" schlicht alles Naturwissenschaftliche.

Die Spaltung der großen Wissensgebiete ist eine recht späte Entwicklung. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann eine explosionsartige Auffächerung, die um 1920 ermüdete, sagt Mitchell Ash, Geschichtsprofessor an der Uni Wien. Danach festigte sich die Struktur, die Spezialisierung gehe aber seitdem stetig weiter.

Es gibt immer mehr Wissenschafter und damit mehr Nischenbildung. Liebstes Beispiel von Ash: "Der Weltkongress der Hefechemiker: 5000 Leute. Das ist nur ein Teil der Lebensmittelchemie."

Doch wer entscheidet, was zur Wissenschaft wird? Oft sei das eine "lokalpolitische" Angelegenheit, erklärt der Hochschulhistoriker. Es müsse innerhalb und außerhalb der Uni Überzeugungsarbeit für die Disziplin geleistet werden, bevor sie als Fach etabliert werden kann. "Disziplinen sind keine Naturobjekte", stimmt Friedrich Stadler, Wissenschaftstheoretiker am Institut für Zeitgeschichte und Philosophie an der Uni Wien, zu. Sie entstünden im Spannungsfeld interner Wissenschaftsentwicklung und der Erwartungshaltung, die an die Uni herangetragen wird.

Mit einem Phänomen hätte der Universalgelehrte Goethe aber seine Freude. Gleichzeitig mit der Spezialisierung wächst auch ihr Gegenpol: die Interdisziplinarität. "Pluralismus und Einheitsgedanke waren immer eine Parallelaktion", erklärt Stadler. "Eine Ausdifferenzierung ist notwendig, gleichzeitig gibt es das Bestreben, das Ganze zu sehen."

Aus inter- und transdisziplinären Ansätzen können wiederum eigenständige Disziplinen entstehen. Genauso wie heute niemand der Chemie den Rang einer Wissenschaft abstreiten würde, könnte man sich vorstellen, dass sich Gender Studies oder Zukunftsforschung gleichermaßen im Wissenschaftsbetrieb etablieren werden. "Auch heute können Wissenschaften ausgerufen werden", meint dazu Ash, "das heißt aber nicht, dass sie institutionalisiert werden." "Ich denke, dass es für gewisse Gebiete gut ist, nicht verfestigt zu werden", befürwortet Ash, neue Ansätze in "Programmen" zu organisieren, anstatt sofort Lehrstühle zu schaffen.

Es gebe wichtige Forschungsgebiete, die sich nie als eigenes Fach durchsetzten - Demografie, gibt Ash ein Beispiel. Welche es schaffen werden? Ash rechnet sich für den Nanobereich Chancen auf Institutionalisierung aus; Stadler tippt, je nach Entwicklung der Forschung, auf die Stringtheorie. (Julia Grillmayr, UNI-STANDARD, 4.10.2012)

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