Autocrash: Knallhart in Oberwart

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"Des Oascherl soll si endlich schleichn!", johlt die Dame am Streckenrand, halber Langos in der Rechten, Cola in der Linken, im Bauch dennoch nur Wut. "Des Oascherl" ist ein blau-golden lackierter Fetzenflieger, der sich mit brüllendem Motor in die Kurve biegt. Schlamm spritzt auf. Blech schrammt an Blech. Die Menge frohlockt. Seit zwei Runden hat das Stufenheck einen roten Knitter-Golf am Steiß. Petting auf die Harte.

Doch jetzt ist der Blau-Goldene fällig. Zu spät bremst er die Kurve an, das rechte Vorderrad gräbt sich in den Begrenzungshügel. Zum Abschied gibt ihm der Rote noch eine Watschn mit dem Heck mit. Oascherl dreht sich ein und kommt nicht mehr vom Fleck - ein Kollateralschaden an diesem Sonntag im südburgenländischen Oberwart.

Ein paar hundert Meter außerhalb der Shoppingzone mit angeschlossener Ortschaft hebt der siebente und letzte Lauf der österreichischen Staatsmeisterschaften im Autocrash an. Zum letzten Mal in dieser Saison rittern neun Clubs in zwei Divisionen mit jeweils drei Motorklassen um den Sieg. 

Die Waachn und die Hartn

Die Division eins, "Seriennahe", wird in der Szene bloß "die Waachn" gerufen. Die Fahrzeuge erinnern noch an Autos, Glas wird durch Gitter ersetzt, ein Überrollkäfig ist obligat, das Interieur bis auf eine Recaro-Sitzschale ausgeräumt. Der Motor sitzt vorne, doch der Kühler hinten. Logisch, wenn man sich während des Rennens quasi im Sekundentakt irgendwo hineinbohrt.

In der Division zwei, "Crash Spezial", also bei den "Hartn" operieren endzweckgerichtete akzelerierte Käfige mit Heckmotor und pflugartigen Stoßstangen an der Schnauze, mit denen sich die Fahrer aufs Fieseste beim Vordermann einhängen können. Ganz gleich, in welchem Setup: Autocrash ist archaischer Motorsport, der seit über 20 Jahren durch die Schottergruben, Brachen und planierten Rundkurse Ostösterreichs tourt.

Es ist ein Zirkus mit eingebauten Attraktionen: Überschläge, spektakuläre Drifts, Infights über mehrere Runden sind Teil der Inszenierung. Wie überhaupt diese Art Motorsport in Zeiten von ESP, Abstandswarner und zweistelligen Airbagzahlen ziemlich unvermittelt daherkommt. Motoren brüllen, Zahnräder sirren, Achsen quietschen - und im Fahrerlager gibt's hautnahen Anschauungsunterricht, dass Autos aus Metall und nicht bloß aus den Marketing-Sprüchen der Hersteller bestehen.

Schlamm-Schach statt Schlammschlacht

Dennoch ist Autocrash keine blindwütige Zerstörungsorgie in Blech. Mut, Grundspeed und eine gesunde Portion Wahnsinn sind zwar notwendige Tugenden des erfolgreichen Crashers, Taktik, also Hirn, ist aber mindestens genauso wichtig, um im Chaos zu bestehen. Renn- oder Klassenleader bekommen vom Team einen Wasserträger zur Seite gestellt, der sich ans Heck des Buddys heften, um Kontrahenten abzuwehren. Gezielt werden Gegner gesandwicht, um bei diesem Schlamm-Schach den eigenen Mann in die bessere Position zu bringen. Wer patzt, den holt der Abschlepp-Traktor.

Heißblütig im Käfig

Über all dem wachen eine gestrenge Rennleitung und zahlreiche Ordner, die ein immerhin 20 Seiten umfassendes Reglement exekutieren. In Oberwart hagelt es in manchen Läufen mehr Strafen als Erdklumpen - was so manchem Fahrer nicht ganz einleuchten will. Heißblütig, ein bisserl vom Testosteron angespitzt sind sie alle, die sich an diesem Tag in die Käfige setzen.

Vom Graurücken bis zum Jungspund geben sich mehrere Generationen die Sonntagsausfahrt - dabei ist Autocrash schon längst nicht mehr der Motorsport des kleinen Mannes. Aufwand wie auch Unterhaltskosten nehmen von Jahr zu Jahr zu, jammern manche Fahrer. Die Vorleistungen der Organisatoren (Präparierung der Strecke, mehrere Abschlepp-Traktoren, Rettung, Feuerwehr, Bewirtung) sind enorm. Ein Einsatz, von dem im Südburgenland nicht zuletzt die Racer René Röhrnbacher (MSC NÖ Nord) und Hans Peter Kainz (MSC Stallhofen) profitieren. Die beiden sichern sich die Staatsmeistertitel in den jeweiligen Divisionen.

Nächstes Jahr im Frühling wird sich der Autocrash-Tross wieder auf den Weg über die Dörfer machen. Zu erleben sind dann wieder Motorsport pur, Enthusiasmus bis in die Radnaben und die Kunst des Crashs. Oascherl wird auch wieder starten. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 9.10.2012)

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Autocrash-Vereinigung Österreich

foto: derstandard.at/schlögl
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