Vom Dornröschen zu Dynamo St. Pölten

Stefan Ender
8. Oktober 2012, 18:54

Tonkünstler-Orchester mit Andrés Orozco-Estrada im Wiener Musikverein

Wien - Während die Außentemperatur just in den zwei Stunden des Sonntagnachmittagskonzerts von Spätsommer auf Frühwinter absackte, erreichte der emotionale Hitzegrad im Musikverein Höchstwerte. Wie ein Dynamo hatte Andrés Orozco-Estrada das Tonkünstlerorchester Niederösterreich bei Berlioz' Symphonie fantastique angetrieben, und von diesem kam eine Energieleistung unerhörter Art zurück. Wäre es möglich gewesen, den Klangkörper ans Stromnetz anzuschließen, man hätte dafür wohl ein Donaukraftwerk abschalten können.

Zu Beginn der zweiten Hälfte seiner sechsjährigen Amtszeit wurde es wieder einmal evident, welche Leistung Orozco-Estrada bei diesem Klangkörper vollbracht hat: Er hat die oft belächelten "Töpfer" wachgeküsst und zu einem Orchester geformt, welches an das Niveau der hiesigen Symphoniker und des RSO Wien heranreicht. Ein Erlebnis, das hochdynamische, flexible, sprechende Musizieren beim beliebten Knaller von Berlioz; vielleicht dass es Orozco-Estrada aufgrund der Aufnahmesituation (die CD erscheint im nächsten Frühjahr) einen Tick übermotiviert anging: Hexensabbat von Anfang an.

Die vielfältigen Programme der Tonkünstler - bald gibt es etwa eine Zusammenarbeit mit der Jazz Bigband Graz - beinhalten auch regelmäßig Auftragswerke; die Differenziertheit und die Selbstverständlichkeit, mit welcher Orchester und Dirigent Friedrich Cerhas brandneue Skizzen VIII-XI zu Gehör brachten, war trotzdem erstaunlich. Eine Freude ebenso die farbkräftige, lebenspralle Musik, sie unterhielt mal mit kraftvollem elegischem Fluss, mal mit wildem Tumult. Zwischen den Hexenkesselmeistern Cerha und Berlioz hatte Lise de la Salle Gelegenheit, bei Ravels Klavierkonzert in G-Dur ihre sportlich-energische Keckheit (Presto) und ihre Fertigkeit im Spannen zugkräftiger Bögen (Mittelsatz) zu demonstrieren.

Im Spätherbst sollen die Verhandlungen über die Vertragsverlängerung Orozco-Estradas zu einem Ergebnis kommen. Wenn man nach dem Konzert in die überglücklichen Gesichter der Orchestermusiker schaute, konnte man deren Wunschergebnis wohl ahnen. (Stefan Ender, 9.10.2012)

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