Daumen hoch, oder stirb

Helmut Ploebst
8. Oktober 2012, 18:51

Forced Entertainments Tanzstück "The Coming Storm"

Wien - Woher kommt das Problem, Geschichten so zu erzählen, dass sie bei den Zuhörern gut ankommen? Das jüngste Stück The Coming Storm der englischen Performancegruppe Forced Entertainment, das gerade im Tanzquartier Wien zu erleben war, handelt vom Drama dieser Geschichten. Und davon, dass Geschichten ihre Erzähler zu Helden oder zu Verlierern machen können.

Da ist der Shakespeare'sche Sturm nicht weit. "Unsere Spieler ... waren Geister und sind aufgelöst in dünne Luft. Wie dieses Scheines lockerer Bau, so werden die wolkenhohen Türme, die stattlichen Paläste, die ehrwürdigen Tempel und der große Globus selbst, ja, und alles, was er in sich trägt, auflösen. Und wie dieses dürftige Schauspiel verschwand, lassen sie nicht einen Fetzen zurück", sagt dort Prospero zu Ferdinand und Miranda. Im Auftritt der Geschichten wird also die Wirklichkeit zum Gespensterreich. Denn jeder Erzähler ist im Verhältnis zum eigentlichen Geschehen ein Wiedergänger, der seine eigene Realität schafft.

Gschichtldrucker

Auf gut Wienerisch sind es sechs Gschichtldrucker, die Regisseur Tim Etchells da auf die Bühne bringt. Sie werden von dem Druck der Geschichten angetrieben, die aus ihnen herauswollen. Das geht nicht ohne skurrile Konflikte ab. Erstens, weil die Geschichten einander konkurrenzieren. Und zweitens, weil jeder der Gschichtldrucker immer besser wissen will, wie der andere seine Erzählung hätte in Szene setzen sollen.

Diesen Mechanismus legt Forced Entertainment gnadenlos frei. Da werden Geschichten gestört, zertanzt, abgewürgt oder von anderen aufgefressen. Die Wirklichkeit hinter den Geschichten verliert alle Bedeutung, sobald der Erfolg im Erzählen wichtiger erscheint als der Inhalt. Ab und zu wird genau zugehört - aber nur zum Zweck der Denunziation des Vernommenen. Es wird kritisiert, aber bloß um des billigen Vorteils willen. Jede Geschichte ist schließlich ihre eigene Ich-AG.

So gerät The Coming Storm zu einem exemplarischen Drama des 21. Jahrhunderts, in dem Kommunikation nicht mehr bedeutet, dass sich Menschen miteinander verständigen, sondern dass jedes Gschichtl zur gewinnbringenden Inszenierung seines Verursachers hinzubiegen versucht wird. Und in dieser Schlacht gilt: Thumbs up or die.

Forced Entertainment macht die Tragikomödie des heutigen Gegeneinander-Kommunizierens zu einem meisterhaften Stück. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 9.10.2012)

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1 Posting

Tolles Stück! Und Forced Entertainment nach 30 Jahren immer noch Top. Vielleicht nicht mehr ganz so beachtet wie noch vor einiger Zeit, aber jede Theaterkarte wert :-)

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