Die Hochschulen, das Geld und die Gerechtigkeit

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  • Kaum fällt das Stichwort Studiengebühren, regt sich Protest. 
Beschränkt sich die Auseinandersetzung mit Reformkonzepten nur noch auf 
das Suchen nach Reizwörtern?
    foto: apa

    Kaum fällt das Stichwort Studiengebühren, regt sich Protest. Beschränkt sich die Auseinandersetzung mit Reformkonzepten nur noch auf das Suchen nach Reizwörtern?

Warum die Kritik am Burgstaller-Konzept zur Reform der Uni-Finanzierung ins Leere geht. Eine Widerrede

Wie war die Aufregung doch groß, als Landeshauptfrau Gabi Burgstaller ihren Vorschlag zur Sicherung der Universitätenfinanzierung und Erhöhung der Stipendien präsentierte. Obwohl in dem Konzept Studiengebühren nur eine Nebenrolle spielen, wurden sie sogleich zum Hauptthema. Von der ÖH wird jedes Konzept abgelehnt, wenn es Studiengebühren enthält, egal was sonst drinnen steht. Die Rektoren haben bemängelt, dass es den Unis zu wenig Geld bringt. Minister Töchterle hat zwar die Tatsache begrüßt, dass sich auch eine prominente SPÖ-Politikerin zu Studiengebühren bekennt, hält aber sein Studiengebührenkonzept für besser. Man wähnt sich im falschen Film. Werden Papiere, die über eine Seite hinausgehen, nicht mehr gelesen oder will man bewusst (von Ablehnern wie Befürwortern) nur über Studiengebühren reden?

Das Burgstaller-Konzept hat zwei Hauptziele: einerseits soziale Hürden für den Zugang zur Universität abzubauen, andererseits die Finanzierung der Universitäten zu sichern. Wir haben eines der sozial selektivsten Bildungssysteme Europas. Menschen aus den sogenannten bildungsfernen Schichten haben es in einem absolut unvertretbaren Ausmaß schwerer, an die Uni zu kommen, als Personen aus bildungsnahen Schichten. Der kürzlich veröffentlichte Sozialbericht hat gezeigt, dass die soziale Selektion in den letzten Jahren sogar zugenommen hat. Bildung wird also tatsächlich vererbt.

Stipendienreform überfällig

Nun gibt es dafür viele Gründe, die vor allem im veralteten Schulsystem liegen - die Kosten eines Studiums sind daher nicht einmal die wichtigste Ursache. Es ist aber jedenfalls nicht zu bestreiten, dass sich viele Studierende das Studium nicht mehr leisten können. Mittlerweile wird im Durchschnitt fast 20 Stunden pro Woche (bei sinkenden Einkommen) "nebenher" gearbeitet. Zusätzlich ist der Lebensunterhalt teurer geworden. Für Kinder aus Familien mit geringen Einkommen ist ein Studium meist nur noch möglich, wenn sie mindestens 20, oft aber auch über 30 Stunden in der Woche arbeiten. Und wann sollen sie studieren? Denkt vielleicht jemand daran, dass ein Studium grundsätzlich auf 40 Stunden pro Woche ausgerichtet ist?

Die im europäischen Vergleich fast einzigartig lange Studiendauer und die hohen Drop-out-Raten sind auch - freilich nicht nur - eine Folge der mangelnden sozialen Absicherung der Studierenden. Eine Änderung des Stipendiensystems ist überfällig. Derzeit bekommen ca. 25 Prozent der Studierenden ein Stipendium (einschließlich der sieben Prozent Selbsterhalterstipendien für vorher Berufstätige), dabei ist allerdings ein nicht unerheblicher Anteil sehr niedriger Stipendien.

Das Burgstaller-Konzept schlägt eine Ausweitung auf ca. 40 Prozent der Studierenden und eine Unterhaltsunterstützung von 1000 Euro pro Jahr für alle StipendienbezieherInnen vor. Das löst nicht alle Probleme, entschärft aber die Situation spürbar. Durch eine Erhöhung der Freibetragsgrenze für ArbeitnehmerInnenhaushalte wird zudem eine soziale Ungerechtigkeit wenigstens etwas entschärft. Als Folge des Steuersystems, das für die Stipendienberechnung relevant ist (insbesondere die Pauschalierung für Landwirte), sind nämlich Personen aus Unselbstständigenhaushalten derzeit benachteiligt. So bekommen 43 Prozent der studierenden Kinder aus Bauernfamilien, aber nur 15 Prozent der Kinder von einfachen Angestellten ein Stipendium.

Um das alles zu finanzieren, werden im Burgstaller-Konzept Studiengebühren für die 60 Prozent vorgesehen, die kein Stipendium bekommen. Stipendienbezieher zahlen also keine Studiengebühren. Warum ein Umverteilungskonzept, das Studierende aus Arbeiter- und (einfachen) Angestelltenhaushalten zulasten der Besserverdienenden begünstigt, ausgerechnet von SPÖ und Grünen bekämpft wird, verstehe ich nicht. Die von der ÖH vorgeschlagene Alternative eines Grundeinkommens ist theoretisch interessant, praktisch aber schwer umsetzbar. Entweder das " Stipendium für alle" ist sehr niedrig (beim oft genannten Vorbild Schweden circa 280 Euro) und müsste dann mit einem Darlehenssystem verknüpft werden. Oder es ist kostendeckend (ca. 800 Euro) und dann tatsächlich kaum finanzierbar.

Das Töchterle-Modell mit einem Sozialfonds für sozial bedürftige Studierende ändert nichts an der Verteilungsungerechtigkeit, erinnert an Almosen für Arme anstelle von Rechtsansprüchen und schafft zusätzliche sinnlose Bürokratie. Wieso sollen die Universitäten, denen alle Informationen über Einkommen und soziale Lage fehlen, Geld verteilen, wenn es eine Studienbeihilfenbehörde gibt?

Der von den Rektoren gegen das Burgstaller-Modell vorgebrachte Einwand, es bleibe zu wenig Geld für die Unis, ist unzutreffend. Es geht ja nicht nur um die ca 20 Millionen Euro, die von den Studiengebühren für die Uni-Finanzierung übrig bleiben würden. Vielmehr soll das Hochschulbudget bis 2020 in jährlichen Anpassungsschritten von derzeit 1,2 Prozent auf zwei Prozent des BIPs aufgestockt werden. Damit wird eine Forderung aufgegriffen, die der Nationalrat mittels Entschließung schon zwei Mal gestellt hat. Wer sagt, dies sei unfinanzierbar, dem empfehle ich die Lektüre der Rechnungshofberichte der letzten Jahre. Wenn man einen Teil der Einsparvorschläge umsetzen würde, wäre wohl genügend finanzieller Spielraum vorhanden.

Unvereinbare Positionen?

Nach dem Burgstaller-Konzept werden Studiengebühren nur unter der Voraussetzung ermöglicht, dass die Finanzierung der Unis gesichert und die soziale Situation der Studierenden verbessert wird. Jede andere Lesart ist falsch. Ich halte Studiengebühren aus verschiedenen Gründen für sinnvoll, aber sie sind bei weitem nicht das wichtigste Problem der Universitäten. Entscheidend ist eine ausreichende Finanzierung, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können. Ob der Staat dies mit oder ohne Studiengebühren sicherstellt, ist für die Unis sekundär.

Im Übrigen hielte ich es auch nach dem Burgstaller-Modell für vertretbar, die Studiengebühren auf bis zu 500 Euro im Semester (wie im Töchterle-Modell) festzulegen, wodurch sich der den Universitäten zufließende Betrag deutlich erhöhen würde. Bedenken hinsichtlich der sozialen Verträglichkeit ließen sich etwa durch eine Kreditfinanzierung mit einem einkommensabhängigen Rückzahlungsmodus (so der an dieser Stelle publizierte Vorschlag von Andreas Schibany im STANDARD vom 29.9.) aus der Welt schaffen. Letztlich scheinen mir die verschiedenen Positionen auch nicht wirklich unvereinbar zu sein. Kompromisse sind möglich, wenn man eingefahrene Positionen hinterfragt und seinen Blick mehr auf die Ziele als auf die eingesetzten Mittel richtet. (Rudolf Mosler, DER STANDARD, 9.10.2012)

Rudolf Mosler war von 2003 bis 2011 Vizerektor für Lehre an der Universität Salzburg, lehrt ebendort Arbeits- und Sozialrecht und hat an der Erstellung des Burgstaller-Konzepts als externer Berater mitgewirkt.

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Den Hinweis auf die Rechnungshofberichte und die dort enthaltenen Vorschläge zur Freisetzung von Budgetmitteln halte ich für sehr wichtig.

Aus Interesse (und einem nicht zu leugenenden Stück Grundskepsis): Ist das Burgstaller-Modell jemals durchgerechnet worden, d.h. wie viel Geld würde eingenommen, wie viel ausgegeben für die erweiterte Studienbeihilfe, wie viel bliebe für Unis?

Versprechen vs. Realität

Eine Reformierung des Stipendienwesens wurde damals auch von Liesl Gehrer versprochen, als die Studiengebühren kamen. Gekommen sind dann aber nur die Gebühren. Dass es den Politikern derzeit nicht um eine Rettung der Universitäten geht, sondern darum, ihre Prinzipien durchzusetzen, zeigt sich doch daran, dass man lieber politisches Kleingeld wäscht, obwohl man weiß, dass den Unis damit nicht wirklich geholfen werden kann, als sich um das eigentliche Problem zu kümmern. Angesichts der Erfahrungen mit Versprechen von Politikern in diesem Zusammenhang, darf die Haltung vor ÖH nicht verwundern. Sind die Studiengebühren erst einmal da, ist es viel wahrscheinlicher, dass sie weiter erhöht werden, als dass das Stipendienwesens reformiert wird.

Absolut! Man sieht auch dass sich die Diskussion von den elendigen Großparteien immer wieder auf die Studiengebühren gelenkt wird, die weder die Lösung noch das Problem sind.

Stattdessen sollten sie mal auf Zugangsregelungen zu bleiben und diese durchdenken / durchdiskutieren, da findet man vielleicht auch eine Einigung. Aber nein die **** ÖVP muss ständig aus ihren konservativ ideologischen Gründen immer wieder die Diskussion auf Studiengebühren schwenken.

Universität in "nicht Mangelberufen"

ist ein reiner Luxus, den die Menschen selbst zahlen müßten. Den Rest soll die Wirtschaft bezahlen.

Gunter Dueck

http://www.omnisophie.com/day_176.html

kann man nicht oft genug lesen, den Mann.

Gut, dass wir heute viel über Google erledigen können. Oder über dienste wie udacity.com, udemy.com, kahnacademy etc.

Die Hochschule mit Anwesenheitsteil wird immer mehr zurückgedrängt werden und das Internet als das Betriebssystem für die Gesellschaft andere Apps hervorbringen. Logischer nächster Schritt.

Den Film "Ghost in a Shell" Teil 1-4 schauen und verstehen.

Von Wissenschaft

als Kulturleistung halten sie wohl nicht viel.

Arme Welt in der sie Leben, wo Geld (= Verwertbarkeit) das einzige Maß der Dinge ist. Und daß sie heute auf sehr hohem Niveau leben Dank vieler Menschen, die 'Unnötiges' gefördert haben, der schönen Wissenschaft zu Liebe, das negieren sie auch geflissentlich. Oder sind sich dessen gar nicht bewußt? Arme Welt, in der sie leben.

noch nie haben die Menschen so sehnsüchtig

auf die Wahlen gewartet. Eine große Koalition ist eine ewige Streiterei, noch dazu der Brüssel Wahnsinn... arm sind wir schon.

"Brüsselwahnsinn", so was ist den genau der Wahnsinn? Oder werfen sie nur mit rechten Floskeln um sich?

Und nach der Wahl gibt's wieder eine Wende?

Ein wesentlicher Schritt wäre es auch, nicht immer so zu tun, als wäre ein Studium der Weisheit letzter Schluss.

Besser wäre es die Kombination Lehre + (Fach)Matura + ev. zusätzliche Ausbildung. zu fördern.

Des weiteren sollten FHs ausgebaut werden.
90% der Studierenden sind an einer wiss. Ausbildung nicht im geringsten interessiert und fordern mehr Praxisbezug an den Unis.
Auch die Kombination Lehre + FH scheint mir sehr interessant.

Ebenfalls interessant wäre es, bestimmten Berufsgruppen zu ermöglichen nur einzelne Teile eines Studiums zu ermöglichen.
So könnten z.B. Baumeister bestimmte Teile eines Bauingenieurstudiums zu absolvieren oder Lehrer Teile aus Pädagogik oder Psychologie.

Außerdem sollte die Uni für ALLE Menschen offen stehen, die sich an einzelne Veranstaltungen beteiligen wollen ohne ein ganzes Studium zu absolvieren.

"90% der Studierenden sind an einer wiss. Ausbildung nicht im geringsten interessiert und fordern mehr Praxisbezug an den Unis."

Wo haben Sie denn die Zahl her?

Ich bin seit 20 Jahren an der Uni.
Das ist ein nicht-wissenschaftlicher Erfahrungswert. Man könnte auch sagen aus den Fingern gesaugt.

Man könnte auch sagen "viele"

Bravo ! Der Uni-Sumpf muss trockengelegt werden

"Wirkliche Wissenschaft" an einer Uni ist nur Post-Graduate nach einer Fachhochschulausbildung (oder Aufnahmetest) möglich und sinnvoll.
Aufgabe der Uni ist wissenschaftliche Forschung und nicht Arbeitslosenfürsorge für desorientierte Jugendliche.

Es steht ihnen frei als außerordentlicher Hörer Vorlesungen zu besuchen.

Matura ist eigentlich die Aufnahmeprüfung für die Uni

Bildung immer mehr verlängern damit weniger Arbeit suchen. Schickt alle mit Haupschulabschluß die lesen können in eine Lehre, verpflichtend.

Das Problem, dass bildungsferne SChichten seltener auf die Uni kommen liegt wohl eher daran, dass sie aus einer Schicht kommen die "bildungsfern" heißt.

Kinder orientieren sich an Vorbilder und das sind nun mal Eltern, und wenn die Eltern kaum Bildung haben und irgendwie leben, dann wird auch das Kind sowas ok finden. Selbst wenn das Kidn sowas nicht ok findet wird in den Großteil solcher Eltern das Prinzip "geh so früh als möglich hackeln damit du was verdienst" herrschen, denn solche Eltern wollen (schon aus unterbewussten Gründen) nicht ein Kind bis vllt 25 ernähren. Bildungsaufstieg geht meist über Generationen und nicht von heute auf morgen.

Vorbilder finden Kinder aber auch in der Schule.

Ja nur sind Jugendbanden keine wirklichen Vorbilder.

Vielleicht hab ich ja eine_n gute_n Lehrer_in gemeint?

Aso :)
Natürlich kann sein.

Dieses Modell erübrigt sich schon allein deshalb, weil es nie und nimmer einen Beitrag zur Uni-Finanzierung leisten kann. Einfache Artithmetik zeigt, dass es sich für den Staat um ein Nullsummenspiel handelt.

sie haben den artikel nicht verstanden

es lohnt sich schon wenn man mit dem geld primär die stipendien ausweiten kann. österreich leidet ja offensichtlich - trotz gratis zugang - unter mangelnder sozialer durchlässigkeit.

wenn dann von den gebühren noch die ein oder andere Mio für die Unis übrigbleibt umso besser.

Aber ich sehe ja den eigentlich Vorteil der Gebühren, neben mehr Geld für Stipendien, darin, dass Leute schneller und motivierter studieren, sich von den Unis mehr einfordern zu trauen - sie zahlen jetzt ja dafür - und, dass Karteileichen verschwinden, womit wieder mehr Planbarkeit für die Unis entsteht.

Aja, und dass numerus clausus flüchtliinge was brennen müssen, find ich auch nicht so schlecht!

"sie zahlen jetzt ja dafür"

Eine Universität ist aber kein Dienstleistungsunternehmen und für Karteileichen braucht man nichts planen.

In der OECD Studie „Education at a Glance 2010“ ist festgestellt worden, dass die Studierenden in Ländern mit Studiengebühren weder besser noch schneller studieren.

Solange Menschen die primitivsten Klischees nachbeten (schneller studieren = besser, Karteileichen böse, die Deutschen sind an allem schuld), erübrigt sich jede Diskussion.

Das sind keine Klischees

In den Jahren als wir die moderaten Gebühren hatten, sind die Leute viel schneller mit dem Studium fertig geworden. Eigenartigerweise sind die Abschlüsse generell gestiegen.

Generell sind die absoluten Studentenzahlen gefallen, die Abschlüsse aber stark gestiegen, bei eben kürzerer Dauer.

Nur ist das Geld eben damals nicht wirklich in bessere Stips gegangen. Das hätte man leicht beheben können.

Das Problem mit den Deutschen hatten wir damals noch nicht, weil man als Deutscher in Deutschland einen Platz vorweisen musst, um hier studieren zu können.

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