Eitle Diktatoren und der Traum vom Kolibri

  • Wo liegt die Macht: Bei den händeschüttelnden Amtsträgern oder dem protestierenden Volk? Der irische Künstler Tom Molloy sorgt mit der aus Papier ausgeschnittenen Demonstration ("Protest", 2012) für Empathie mit jenen, die für ihre Rechte eintreten.
    foto: feßler

    Wo liegt die Macht: Bei den händeschüttelnden Amtsträgern oder dem protestierenden Volk? Der irische Künstler Tom Molloy sorgt mit der aus Papier ausgeschnittenen Demonstration ("Protest", 2012) für Empathie mit jenen, die für ihre Rechte eintreten.

An die Ideale der Menschenrechte und die Kluft zur Realität erinnert die Ausstellung "Newtopia. The State of Human Rights" in Mechelen bei Brüssel

Bis heute haben mehr als 120 Staaten die UN-Menschenrechtsdeklaration unterschrieben. "Sie alle haben sie akzeptiert, und daher haben sie auch universellen Wert", sagt Stéphane Hessel. "Das heißt jedoch nicht, dass sie diese auch umsetzen." Hessel, Résistance-Kämpfer, KZ-Überlebender und Autor (Empört euch!, Engagiert euch!), arbeitete nach dem Krieg als Sekretär der Vereinten Nationen und war dabei, als 1948 die erste Deklaration unterschrieben wurde. "Wir sind alle noch weit entfernt von dem, wovon wir träumten, von dem, wovon wir noch immer träumen."

Geradezu resignativ klingt dagegen Katerina Gregos: "Wir werden nie den Augenblick erleben, in der jeder seine Menschenrechte durchsetzen kann." Die Kuratorin von Newtopia. The State of Human Rights hat Hessel für die Publikation ihrer Großausstellung in Mechelen interviewt. Trotz des utopischen Titels eint beide ihre Hoffnung auf Veränderung, auf Aufhebung der Kluft zwischen theoretischem Anspruch auf Recht und Realität. "Ich glaube noch immer an die transformative Kraft von Kunst", sagt Gregos. Nicht zuletzt der Arabische Frühling, die Lage in Syrien oder auch der Fall Ai Weiwei führten den Status der Menschenrechte eindringlich vor. Ein Zustand, der die Dringlichkeit politischer Kunst unterstreicht. Den prominenten arabischen Karikaturisten Ali Ferzat zwang sie jedoch nach brutalem Übergriff syrischer Sicherheitskräfte ins Exil. Seine Spitzen auf den eitlen Assad und dessen Regime sind nun Teil von Newtopia.

Mechelen ist eine geschichtsträchtige 80.000-Einwohner-Stadt nahe Brüssel, der der Tuchhandel im späten Mittelalter Wohlstand und Macht brachte und deren Architektur Einheimische im Vergleich zu Brügge als authentischer rühmen. Zufall ist es nicht, dass man sich ausgerechnet hier dem Thema Menschenrechte widmet. Einerseits war Mechelen unter der Habsburgerin Margarete von Österreich nicht nur Hauptstadt des Benelux; sie etablierte am Hof auch ein Zentrum des Humanismus, an dem Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus, Freunde des lokalen Humanisten Hieronymus von Busleyden, verkehrten.

Schmerzvolle Seite

Auf der anderen Seite verpflichtet eine "sehr schmerzvolle Seite" im Geschichtsbuch Mechelens, erklärt Bürgermeister Bart Somers. Im Zweiten Weltkrieg wurden vom SS-Sammellager der Stadt mehr als 25.000 Menschen nach Auschwitz deportiert. In den Baracken befindet sich heute eine Gedenkstätte (Artikel unten); das Museum für Holocaust und Human Rights gegenüber, vom Team AWG geplant, ist allerdings noch Baustelle. Verzögerungen, die den schön konzertierten Eröffnungsreigen platzen ließen. Da entfahren den Beteiligten selbst an diesem ernsten Ort Flüche. Und so wurde aus Newtopia ein Auftakt.

Vier Kapitel hat die an verschiedenen Orten der Altstadt präsentierte Schau. Das erste im Kulturzentrum widmet sich den unmittelbarsten Menschenrechten, bürgerlicher und politischer Natur. Es ist die Erinnerung, die das Gestern und das Heute verknüpft, aber "im Moment des Erzählens ringen Geschichte und Gedächtnis miteinander", mahnt Zeide Isaac dort. Sein Enkel, Künstler Alejandro Cesarco aus Uruguay, porträtierte den 94-jährigen Holocaust-Überlebenden in einer stillen, von der Stimme Isaacs getragenen Video-Miniatur. "Jede Erfahrung des Holocaust ist einmalig", sagt dieser. Aber mehr und mehr verschmelze das, was man erinnert, mit dem, was man bereits erzählt hat, werde zur "Erinnerung an erzählte Erinnerung".

Aber wie sehr zählt Authentizität, wenn es um humanitäre Ideale und Verbrechen gegen die Menschenrechte geht? Vom Zustand des Krieges, wenn das Recht des Einzelnen ausgehebelt ist, zeugen die Feuerzeuge von Elisabetta Benassi; jedoch sind nicht alle dieser Talismane wirklich Relikte aus dem Vietnamkrieg. "Wenn ich sterbe, weiß ich, dass ich in den Himmel komme, denn in der Hölle war ich schon", steht auf einem.

Fotos aus Massengräbern

Auf sehr subtile Weise vermittelt sich die Grausamkeit des Krieges auch in der Arbeit von Ziyah Gafic: Eiskalte Schauer laufen über den Rücken, während man die fotografierten Habseligkeiten wie zerknitterte Fotos, Uhren, Brillen betrachtet. Aus Massengräbern in Bosnien ausgegraben, sind es die einzigen Hinweise, die der Identifikation von 30.000 Vermissten dienen könnten.

Der Parcours durch die Stadt ist intensiv, gelingt es der Kunst doch auf sehr emotionale Weise anzuklagen. Eine Anklage, die in Utopien und Träumen endet: etwa mit Khaled Jarrars Briefmarke für den Staat Palästina. Unter dem blauen Kolibri würden Araber, Juden und Christen in Frieden zusammenleben. Bis 10. 12. (DER STANDARD, 9.10.2012)

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