"Kein Land kann Menschenhandel allein bekämpfen"

Interview |

Bis 2016 hat EU-Koordinatorin Myria Vassiliadou Zeit, Europa auf einen vereinten Kampf gegen Menschenhandel einzuschwören. Dann endet ihr Mandat

STANDARD: Warum braucht Europa eine neue Richtlinie gegen Menschenhandel?

Vassiliadou: Damit die Stakeholder endlich zusammenarbeiten. Mit der neuen EU-Gesetzgebung gibt es erstmals eine Basis, die das Implementieren der Strategie in allen Ländern erleichtern sollte. Das ist der Schlüssel zum Erfolg - nur auf dem Papier bringt das nichts.

STANDARD: Wie sind die Netzwerke in Europa aufgezogen?

Vassiliadou: Je nach Bedarf werden die Leute in verschiedene Bereiche verkauft: Chinesen in die Textilindustrie, Osteuropäer in die Landwirtschaft, Südamerikanerinnen für Sex, Roma-Kinder fürs Betteln und so weiter. Nigerianische Frauen kommen oft in reiche Haushalte nach Spanien, minderjährige Angolaner nach Portugal.

STANDARD: Wie läuft das ab?

Vassiliadou: Menschen in Not werden lukrative Jobangebote gemacht. Wenn du verzweifelt bist, nimmst du das Angebot an - auch ohne zu wissen, was auf dich zukommt. Was du mit Sicherheit nicht einschätzen kannst, ist dein Unvermögen, dieser Situation zu entfliehen. Menschen werden bedroht, gefoltert, getötet, vergewaltigt, die Papiere werden ihnen abgenommen, Es gibt Fälle, wo ihnen Organe entnommen werden - sie leben in derart großer Angst, dass sie keine Wahl haben.

STANDARD: Was macht Menschenhandel so lukrativ?

Vassiliadou: Der Bedarf und die steigende Nachfrage. Es gibt genug Menschen, die nach billigen Produkten oder billiger Dienstleistung verlangen. Das heißt nicht, dass diese Menschen wissen, dass andere dafür leiden müssen.

STANDARD: Sollte man Firmen öffentlich anprangern, die für Ausbeutung oder Zwangsarbeit verurteilt wurden?

Vassiliadou: "Naming and shaming" wäre sicherlich hilfreich.

STANDARD: Warum übt die EU dann nicht mehr Druck aus?

Vassiliadou: Ab April 2013 hat die Kommission die Verantwortung, die Länder zu überwachen, in denen wenig passiert. Es geht aber nicht um Bestrafen, sondern um Unterstützen.

STANDARD: Besteht die Gefahr, dass die Länder Bedingungen an die Informationen knüpfen könnten?

Vassiliadou: Die Frage nach Wünschen der Mitgliedstaaten stellt sich nicht. Im Gegenteil: Sie wollen sich austauschen, kein Land kann Menschenhandel alleine bekämpfen. Alle Daten werden zen-tral gesammelt und ausgewertet.

STANDARD: Warum schrumpft die Zahl der Verurteilungen?

Vassiliadou: Der Trend ist sehr beunruhigend. Eines der Probleme ist, dass die Opfer aus Angst um ihr Leben oder das ihrer Familien nicht aussagen. Zukünftig sollen die Opfer viel besser betreut werden, es wird eine Vormundschaft für Kinder geben. Alle Involvierten, von Sozialarbeiter bis zum Staatsanwalt, sollen Trainings bekommen, um die Fälle hieb- und stichfest aufbereiten zu können. Korruption spielt leider auch mit.

STANDARD: Sind Verbrecherkartelle heute besser organisiert als früher?

Vassiliadou: Sie haben vor allem bessere Werkzeuge, allen voran das Internet, über das sie ihre Opfer rekrutieren. Die neuen Technologien machen es schwieriger, sie zu überführen. Dass Transport immer einfacher wird, bedeutet gleichzeitig, dass der Menschenhandel einfacher wird.

STANDARD: Wie steht es mit der Strafverfolgung in Österreich?

Vassiliadou: Alles was ich darüber sagen kann, ist, dass wir gut mit der nationalen Berichterstatterin zusammenarbeiten. Vor allem im Bereich von unbezahlten Hausangestellten passiert gerade einiges. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 9.10.2012)

Myria Vassiliadou, Zypriotin, ist seit 2010 die EU-Koordinatorin gegen Menschenhandel. Zuvor war die promovierte Soziologin Generalsekretärin der Europäischen Frauenlobby.

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