880.000 Menschen in Europa leben und arbeiten wie Sklaven

Die EU will erstmals mit einer einheitlichen Strategie und gleichen Strafen vorgehen

Brüssel - Mit einem bettelnden Buben lassen sich gut und gerne 30.000 Euro umsetzen - in zwei bis drei Monaten. Das wissen die Leute von Europol, der europäischen Polizeibehörde, aus abgehörten Gesprächen zwischen zwei Menschenhändlern.

Das Geschäft ist einträglich; erst kürzlich wurde ein Zuhälterring in Österreich hochgenommen, der mit 16 Zwangsprostituierten 98 Millionen Euro erwirtschaftet hat, erzählt Steve Harvey von Europol Ende September in Brüssel. Zusammen mit anderen Experten stellte er die EU-Strategie zur Bekämpfung von Menschenhandel vor, die mit April 2013 in Kraft treten soll.

Konservativ geschätzt leben und arbeiten mindestens 880.000 Menschen in Europa unter sklavenähnlichen Bedingungen, 76 Prozent von ihnen als Prostitutierte, meist sind es Frauen und Kinder. Der Rest teilt sich auf die Bereiche Zwangsarbeit, Organhandel und illegale Adoption auf. Der Handel findet zunehmend zwischen EU-Ländern statt.

Vage Datenlage

Das große Problem für die Behörden ist dabei die vage Datenlage - im Kampf gegen die moderne Sklaverei tappen sie meist im Dunklen. Mit der neuen Richtlinie soll sich das ändern: Alle 27 Mitgliedsstaaten haben zugestimmt, künftig nach Brüssel zu berichten und nationale Koordinatoren für das Thema zu ernennen. Bis April haben sie Zeit, dann sollen die internationalen Behörden besser kooperieren.

Es ist vor allem eines der Steckenpferde von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström, die - selbst Schwedin - Anhängerin des schwedischen Modells ist, also ein totales Verbot von Prostitution anstrebt. Demgegenüber stehen Befürworter des holländischen Zugangs, der Sexarbeit möglichst liberal gestalten will, um die Kontrolle zu haben. Argumente für und wider finden beide Seiten: Die Schweden kämen jetzt eben nach Dänemark ins Puff, erzählt eine Journalistin aus Kopenhagen. Die Liberalisierung im Sexgewerbe beflügle den Menschenhandel geradezu, kritisiert Leanda Barrington-Leach von der European Women's Lobby.

Zwangsarbeit

Neben der Zwangsprostitution ist der Bereich Zwangsarbeit in Europa noch relativ unterbelichtet. Doch selbst in Wien gibt es diese Fälle, etwa in Diplomatenhaushalten, wo Kindermädchen und Gehilfen unbezahlt im Haus gehalten werden. Die Immunität der Diplomaten verhindert oder erschwert zumindest den Zugriff durch die Polizei.

Ein trauriges Kapitel ist die laxe Strafverfolgung: In der ganzen EU wurden im Jahr 2010 nur mehr 1100 Menschenhändler rechtskräftig verurteilt, 400 weniger als noch im Jahr 2008.

Verschiedenes Strafmaß

Problematisch ist auch, dass jedes EU-Land ein eigenes Strafmaß anwendet. Die Palette reicht von zwei Monaten bis maximal 24 Jahren - auch das soll vereinheitlicht werden, auf maximal 15 Jahre. Schlussendlich wird es Sache der Nationalstaaten bleiben.

Wesentlicher Teil der Strategie ist der Umgang mit den Opfern, denen künftig Bleiberecht gewährt werden soll, wenn sie zur Verurteilung eines Täters beitragen. "Wir wollen die Händler bestrafen, nicht die Opfer", sagt Malmström. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 9.10.2012)

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