Kampf um Salzburgs letzte ungestaute Flüsse

  • Das ökologische Musterkraftwerk Salzburg-Lehen soll 2013 ans Netz gehen.
    foto: salzburg ag

    Das ökologische Musterkraftwerk Salzburg-Lehen soll 2013 ans Netz gehen.

Energiewirtschaft und Naturschützer ringen um jeden noch frei fließenden Flusskilometer. Aktueller Brennpunkt ist die Mur im Lungau. Aber auch an der Salzach sind neue Kraftwerke geplant. Auch gegen diese laufen Umweltschützer Sturm

Salzburg - Der Anblick frei strömenden Wassers werde in Österreich Seltenheitswert bekommen. Diese Prognose wagten führende Wasserbauexperten - darunter auch der legendäre Grazer TU-Professor Hermann Grengg - bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Der bei der Planung der Draukraftwerke federführende Grengg erntete damals Unverständnis und vereinzelt auch schon Proteste.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später hat sich die Prognose streckenweise längst erfüllt. Im Bundesland Salzburg sind weite Strecken der größeren Flüsse von ganzen Kraftwerksketten wie etwa an der mittleren Salzach im Pongau zur Stromproduktion aufgestaut. Um die letzten noch verbliebenen Kilometer wird heftig gerungen.

Brennpunkt Murkraftwerk im Lungau

Aktueller Brennpunkt ist aber nicht die Salzach, sondern ein vom regionalen Energieversorger Salzburg AG projektiertes Murkraftwerk im Lungau. Leistung: 20 Megawatt. Gegen dieses Ausleitungskraftwerk - ein Teil des Wassers wird bei einem höher gelegenen Wehr entnommen und über eine tiefer liegende Turbine wieder in den Fluss eingeleitet - laufen Anrainerinitiativen, Bürgermeister und Grüne Sturm.

Die Grünen monieren, Salzburg erzeuge ohnehin schon deutlich mehr Strom, als es verbrauche. Naturschützer warnen vor einem Absterben der Mur durch die Ableitung von bis zu 80 Prozent des Wassers. Anrainer plagen vor allem Sorgen wie Eisstöße im Winter oder der Abtransport des Gesteins aus dem Stollenbau. Unterstützt von einer monatelangen Kampagne der Kronen Zeitung, deren scheidender Chefredakteur Hans Peter Hasenöhrl sogar schon ein "Salzburger Hainburg" kommen sieht, wurden tausende Protestunterschriften gesammelt.

"Projektsondierungsphase"

Bei der Salzburg AG setzt man auf Kompromisse. Man sei in der " Projektsondierungsphase", heißt es auf Anfrage des STANDADR. Einige Vorschläge der Anrainer habe man in der Planung bereits berücksichtigt. So sei die Wehranlage bei der Bezirkshauptstadt Tamsweg um 300 Meter flussabwärts verlegt worden. Das Krafthaus soll unter die Erde verschwinden. Im Lungau wird jedenfalls weiterverhandelt.

Vorerst einmal keine Gespräche gibt es hingegen zur Zukunft der nördlichen Salzach - von der Mündung 60 Kilometer flussaufwärts. Alle beteiligten nichtamtlichen Naturschutzorganisationen aus Bayern und Österreich haben sich von einem vom bayerischen Umweltministerium und vom Wiener Lebensministerium initiierten "Flussdialog" ausgeklinkt.

Sie vermuten einen "Scheindialog für die Durchsetzung einer scheinbar ökologischen Wasserkraftnutzung". Damit dürfte das 2013 ans Netz gehende Kraftwerk Sohlstufe Lehen im Stadtgebiet von Salzburg vorerst die letzte Anlage sein, bei der E-Wirtschaft, Politik und Naturschutz noch gemeinsam vorgegangen sind. Das Kraftwerk Lehen gilt als ökologisches Musterprojekt.

Gericht entscheidet

Völlig zum Stillstand gekommen ist indes das von Verbundgesellschaft und Salzburg AG betriebene Kraftwerksprojekt Stegenwald südlich des Passes Lueg. Auf Betreiben der Landesumweltanwaltschaft hat der Umweltsenat eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vorgeschrieben.

Das Vorhaben liegt zwar mit einer Leistung von 14,5 Megawatt unter der UVP-Grenze, in der Zusammenschau mit der bereits bestehenden Staukette an der mittleren Salzach flussaufwärts sei eine Prüfung aber notwendig, so die Begründung sinngemäß. Die Projektbetreiber haben berufen, jetzt ist der Verwaltungsgerichtshof am Zug. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 9.10.2012)

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