Der Bürgermeister vom Bullshit-Berg

Analyse8. Oktober 2012, 15:09
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Den interessantesten Showdown im amerikanischen Wahlkampf lieferten sich Comedian Jon Stewart und Fox-News-Demagoge Bill O'Reilly. In den USA gehen Politik und Unterhaltung zusammen

Bombastisch, episch und unvergesslich: So wurde im Vorfeld die politische Debatte zwischen "Daily Show"-Host Jon Stewart und Fox-News-Urgestein Bill O'Reilly beschrieben - mit einem Augenzwinkern. Doch tatsächlich wurde bei "The Rumble 2012", wie der Showdown zwischen den zwei sehr unterschiedlichen Männern genannt wurde, aus und mit Spaß sehr viel Ernst gemacht.

Die Diskussion zwischen dem Strohmann der verhassten "liberal media" und einem der radikalsten Fernsehpopulisten des Landes war am Samstagabend definitiv eines der Highlights des US-Wahlkampfs - informativ wie unterhaltsam. In Amerika geht eben Unterhaltung mit Politik zusammen - im positiven und negativen Sinne.

Populisten-Schilder

Bill O'Reilly, der auf Fox News die hoch polarisierende und kontroversielle Talk-Sendung "The O'Reilly Factor" moderiert, beginnt sein "Opening Statement" mit den Waffen eines Populisten: Er schiebt die Frage der Moderatorin mit einem rücksichtslosen "I don't care" zur Seite und beginnt mit dem Darlegen der üblichen republikanischen Standpunkte: gegen Geburtenkontrolle, gegen den Staat, gegen Steuern. Es lebe der freie Markt, Amen.

Begleitet werden O'Reillys Ausführungen von pointiert gemalten Schlagwort-Schildern, auf denen er diese Ansichten stark reduziert präsentiert. Deren Gebrauch schränkt er wohl wegen mangelnder Publikumswirksamkeit - kein Wunder, denn man lässt sich ungern für dumm verkaufen - im Laufe der Debatte ein. Doch seine Position bleibt, obwohl man dem Hardliner Eloquenz und Humor zustehen muss, durchgehend flach, hoch-ideologisch und - bei Stewarts sokratischem Nachfragen - schnell bröckelig.

Bullshit Mountain is tall, wide and deep

"My friend Bill O'Reilly is full of shit", ist Stewarts erster brutaler Konter. O'Reillys Nachrichtensender Fox News beschreibt der jüdische Comedy-Central-Star als "Bullshit Mountain", auf dem Menschen leben, die sich in einer alternativen Realität befinden. Einer Welt, in der es einen Krieg gegen Weihnachten gibt, das allergrößte Problem ist, dass eine junge Frau darauf besteht, dass der Staat für Geburtenkontrolle genauso zahlt wie für Viagra. Und in dem Barack Obama der schlechteste Präsident seit dem Urknall ist, der die USA durch seine Entscheidungen in eine kommunistische Zukunft führen will und wird.

Stewart lässt seiner brutalen Ehrlichkeit und Schlägen unter der Gürtellinie zwar immer scharfsinnige Analysen folgen, doch seine Beschimpfungen bleiben größtenteils unerwidert. In einer Debatte wie dieser sind solche offene Angriffe aber erlaubt, es gibt keine falsche Höflichkeit, keine aufgesetzte "staatsmännische" Fassade wie unter Politikern. Dies ist für den Zuseher wahnsinnig erlösend. Hier herrscht nicht Narrenfreiheit, sondern Authentizität und Klartext. Katharsis pur.

Die politische Debatte ist (noch) nicht tot

Trotzdem - oder vielleicht genau deshalb - entwickelt sich zwischen Stewart und O'Reilly ein richtiges Gespräch. Mit Antworten, Fakten, Zahlen. Sogar Argumenten und Gegenargumenten - ganz unüblich für eine politische Debatte, hierorts wie auch in den USA. Obwohl es manchmal - wahrscheinlich nicht ganz unbeabsichtigt - zum männlichen Gockelkampf avanciert, bleibt "The Rumble" stets informativ. Im 90-minütigen Schlagabtausch messen sich Stewart und O'Reilly an den im Präsidentschaftswahlkampf wichtigen Themen wie Wirtschaft und Staatsschulden, Gesundheitsversicherung und dem Nahen Osten. Teilweise sogar viel analytischer, genauer, konkreter und politischer als Romney und Obama selbst.

Trend und Stream

Die Hälfte der Einnahmen aus dem Live-Stream des Events kommen wohltätigen Zwecken zugute - Jon Stewarts Hälfte, wie er gerne betont. 1500 Zuseher waren live im Lisner Auditorium in Washington D.C. beim "Kampf" dabei. Aber auch im Internet - wo das eigentliche Zielpublikum die Debatte verfolgte - war "The Rumble" ein voller Erfolg, die Nachfrage so groß, dass die Server der offiziellen Website kaum mithielten. Einige Zuseher beklagten sich wegen schlechter Stream-Qualität und Schwierigkeiten beim Zugang. Dies war aber nicht der einzige Grund, warum "The Rumble" auf Twitter eines der heißesten Themen war - "trending".

Jon Stewart for President

Die Diskussion zwischen dem ungleichen Paar war auf allen Ebenen revolutionär und zukunftsweisend - sowohl was die inhaltliche, als auch was die Unterhaltungs-Ebene sowie die vielbemühte "viewer and voter participation" angeht. "The Rumble" offenbart sich als innovatives, modernes und gleichzeitig nicht verdummendes Fernseh-Konzept für politische Inhalte. Es könnte - wie Stewarts eigene preisgekrönte "Daily Show" - eine Antwort auf die allgemeine Frage sein, wie politische Bildung und Inhalte zeitgemäß im Fernsehen transportiert werden könnten.

Wie erwartet hat Stewart seinen Rivalen O'Reilly locker an die Wand diskutiert. Es wurde wieder klar, dass Jon Stewart auch ohne seine "Millionen Schreiber", die O'Reilly normalerweise für seinen Erfolg verantwortlich macht, viel mehr ist als nur ein Comedy-Clown. Naturgemäß wurden unter seinen Fans gleich die "Jon Stewart for President!"-T-Shirts herausgeholt. (Olja Alvir, daStandard.at, 8.10.2012)

  • Trotz entgegengesetzter Meinungen und harter Vorwürfe bleibt die Stimmung freundschaftlich. No hard feelings, dafür sorgten auch die versöhnlichen Beiträge von Moderatorin E. D. Hill.
    foto: www.therumble2012.com / derstandard.at

    Trotz entgegengesetzter Meinungen und harter Vorwürfe bleibt die Stimmung freundschaftlich. No hard feelings, dafür sorgten auch die versöhnlichen Beiträge von Moderatorin E. D. Hill.

  • O'Reilly versucht, mit billigen Kärtchen-Witzen zu punkten. Hätte er aber gar nicht nötig, denn der Fox-News-Moderator beweist an vielen anderen Stellen der Diskussion Schlagfertigkeit und Humor.
    foto: www.therumble2012.com / derstandard.at

    O'Reilly versucht, mit billigen Kärtchen-Witzen zu punkten. Hätte er aber gar nicht nötig, denn der Fox-News-Moderator beweist an vielen anderen Stellen der Diskussion Schlagfertigkeit und Humor.

  • Jon Stewart hat sich wegen des eklatanten Größenunterschieds (fast 30 cm) zwischen ihm und O'Reilly eine Hebebühne besorgt.
    foto: www.therumble2012.com / derstandard.at

    Jon Stewart hat sich wegen des eklatanten Größenunterschieds (fast 30 cm) zwischen ihm und O'Reilly eine Hebebühne besorgt.

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