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Gustav Kuhn, Dirigent.
Kennen Sie folgende Geschichte, die sich in einem Orchester zutrug? Ein sensibler, junger Piccolo-Spieler fragte eines Tages seinen älteren, erfahrenen Kollegen: "Sagen Sie, wie spielen Sie denn diese Stelle hier?" Dieser antwortete: "Ich spiele sie ja nicht, ich schaue auf den Dirigenten und jeder Dirigent dirigiert anders." Der junge Mann bohrte nach: "Ja - aber diese Stelle ist doch auch ein berühmtes Solo. Wie würden Sie denn diese Stelle spielen?" Der ältere Spieler antwortet: "Ich komme ja nie dazu, diese Stelle ohne Dirigenten zu spielen!" Der junge Mann wurde schon etwas ungeduldiger und meinte: "Aber wenn Sie jetzt keinen Dirigenten hätten?!" "Ich habe aber einen Dirigenten!", lautete die hartnäckige Antwort. Daraufhin kündigte der junge Mann und wurde ein sehr guter Psychiater.
Was soll uns diese Geschichte sagen? Führung darf nicht dazu "führen", dass die Mitarbeiter gar nicht mehr auf die Idee kommen, eine eigene Meinung zu entwickeln - weder in einem Orchester, noch in einem Unternehmen. Das größte Kompliment, das mir inzwischen Gott sei Dank gemacht wird, lautet in etwa so: "Wenn Sie dirigieren, glauben wir, dass niemand dirigiert!" Das heißt: Das Ideal ist, dass jeder in einer freien Verantwortung die (musikalische) Idee selbst verwirklicht.
Braucht es dann überhaupt Menschen, die den "Taktstock" schwingen, könnte man sich nun berechtigter Weise fragen. Spitzenorchester brauchen beim Auftritt definitiv keinen Dirigenten mehr. Ein Spitzenorchester ist wie eine gut geführte Stadt. Wenn der Bürgermeister stirbt, dann wirkt sich das nicht sofort aus. Nach einiger Zeit wird sich das sicherlich bemerkbar machen. Aber ein paar Monate lebt die Stadt so weiter, als ob nichts passiert wäre. Ein Dirigent ist bei einem sehr guten Orchester vielmehr ein geistiger Vermittler. Die Handbewegungen brauchen die Spieler in Wahrheit alle nicht mehr, denn in einem Spitzenorchester arbeiten lauter sehr gute Musiker, die sich alle ihren persönlichen Traum verwirklichen konnten und daher hochmotiviert sind.
Wenn Sie aber ein nicht perfekt einstudiertes Orchester oder ein "mittleres" Orchester leiten, dann ist dieses natürlich sehr von Ihrer Technik, von Ihrem Wissen und von der Art und Weise, wie Sie das Stück interpretieren, abhängig. Denn jedes Orchester - auch ein Spitzenorchester - muss sich ein Stück bzw. eine Oper irgendwann einmal erarbeiten. Ein Vergleich von Karajan macht vielleicht deutlich, was ich meine: Ein Orchester ist wie ein sensibles Pferd. Nicht Sie müssen über das Hindernis springen, sondern das Pferd. Sie müssen ihm nur die nötige Hilfestellung geben. Je sensibler und begabter ein Orchester ist und je besser es mit der Zeit wird, desto weniger müssen Sie dirigieren. Eine beliebte Aussage meinerseits zu meinen Spielern lautet daher: "Ich bin kein 'Taktschläger'. Sie müssen den Rhythmus halten und Sie können rhythmisch spielen! Ich nehme lediglich den Rhythmus auf und gestalte ihn musikalisch."
Grundsätzlich bedeutet Führung für mich, dass man die Neugierde und Leidenschaft der Menschen entfacht. Damit der Funke der Begeisterung auf die Mitarbeiter überspringen kann, braucht man Fachwissen und handwerkliches Können, eine ausgeprägte Leidenschaft für die Sache selbst und das Streben nach Perfektion. Und dann muss man fähig sein, im richtigen Moment zurückzutreten, um die Dinge geschehen zu lassen, sobald die Weichen gestellt sind. (Gustav Kuhn, derStandard.at, 8.10.2012)
Gustav Kuhn ist ein österreichischer Dirigent. Zudem studierte er Psychologie und Philosophie. Heute ist er Leiter der Erler Festspiele. Kuhn ist Vortragender beim Symposium "Leadership-Logiken der Zukunft", das am 11. und 12. Oktober in Innsbruck stattfindet.
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www.imp.at
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