Altes Thema Stricherl

Blog9. Oktober 2012, 12:16
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Ich frage mich ernsthaft, ob diese roten Stricherl wirklich mehr Nutzen haben, als sie Schaden anrichten

Liebe Community,
ich bin jetzt seit mehreren Jahren (mehr oder weniger) permanenter Leser des Online-Standard und der bunten Mischung aus interessanten, lustigen, dubiosen und informativen Kommentaren unter den Artikeln. Nicht selten sind diese Kommentare sogar interessanter oder anziehender als der eigentliche Artikel (vor allem z. B., wenn das Thema des Artikels förmlich danach ruft, sarkastisch-humorvoll auseinandergenommen zu werden, wie erst kürzlich die nackten Bananen).

Und einen nicht kleinen Stellenwert nehmen dabei die Stricherl ein. Das ist nicht unverständlich. Zwar wird sich der eine mehr und der andere weniger in seiner Gemütslage davon beeinflussen lassen, wie gut seine Meinung ankommt, aber ich denk, niemand hat was dagegen, Bestätigung von Mitlesern zu erfahren. Es schafft ein Gefühl der Verbundenheit, man fühlt sich eventuell sicherer in seinem Werte- und Weltanschauungspalast, und man hat vielleicht einen nicht ganz verkehrten Humor.

Und dann gibt's natürlich die roten Stricherl. Sicherlich hat jeder bereits einige abbekommen, aber solange sie sich in Maßen halten, entweder im Totalwert oder in Relation zu den grünen, ist das ja kein Problem. Aber dabei bleibt's oft nicht.

Ich frage mich ernsthaft, ob diese roten Stricherl wirklich mehr positiven Nutzen haben, als sie Schaden anrichten. Natürlich hab ich sie selber schon in Mengen ausgeteilt. Wenn ich mit Sicherheit weiß, dass jemand Blödsinn redet, oder wenn ich stark (bzw. mit hoher emotionaler Beteiligung) gegen etwas bin, dann zögere ich nicht lange und teil aus. Ist auch verlockend. Derjenige soll nur wissen, wie sehr mich sein unpassender Beitrag in meiner Welt stört.

Aber was entsteht dadurch? Einerseits, und das stell ich euch frei zu glauben, dass das nur bei mir so ist: Wenn es sehr viele sind, ohne dass durch Polarisierung auch ein paar grüne dabei sind, frage ich mich, woran das liegt. Und egal was die Antwort ist, es trifft mich irgendwie. Ich hab mich in den letzten Jahren etwas davon entfernt, Bestätigung aus dem Internet zu suchen, weil, man könnte sagen, das Internet ist eine b**ch, und abgesehen davon sollte man sowieso selbstbewusst sein, solange man die Fähigkeit bewahrt, sich belehren zu lassen und hin und wieder seine Meinung zu ändern.

Trotzdem treffen mich eindeutig negative Feedbacks, vor allem dann, wenn ich nach ehrlicher Reflexion (und vor allem Diskussion, ich lass selten was im Raum stehen) die Leute nicht dazu bring, von ihrem negativen Feedback abzukommen und ehrlich und ohne negative Besetzung mit mir zu reden. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es wenigen oder niemandem von euch so ähnlich geht.

Ein anderer Effekt ist, dass die roten Stricherl (und ein bisschen auch die Aussicht auf grüne) dazu führen, dass man sich überlegt, was man schreibt. Und davon vielleicht ein bisschen zu viel. Man möchte ja gut ankommen. Ich hab die Vermutung, dass diese öffentliche Bewertung jedes Kommentars dazu führt, dass wir uns selber zu kleinen Populisten erziehen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich versuche, was Verträgliches zu schreiben, und wenn ich draufkomme, versuch ich davon abzukommen und ehrlicher zu schreiben. Und damit zu riskieren, geflamt zu werden.

Angenommen, wieder mal, dass ich nicht der Einzige bin, und davon bin ich fest überzeugt, frag ich euch: Was wollt ihr? Eine Arena, in der nur die verträglichsten Durchschnittsmeinungen durchkommen? In der Leser gezüchtet werden, die sich der gängigen Meinung anpassen, weil grüne Stricherl nicht lügen können und rote Stricherl in Massen wie eine Ohrfeige schallen?

Zugegeben, mein Beitrag ist durch einen sehr aktuellen Vorfall motiviert worden. Aber ich würde mir diesen Aufsatz hier nicht antun, wenn mir nicht ehrlich was dran liegen würde, die STANDARD-Community auf ein Problem hinzuweisen, das ich schon länger zu sehen meine, und zu versuchen, sie gemütlicher zu gestalten. Eigentlich wäre ich für eine komplette Abschaffung von Bewertungen. Aber eine Abschaffung von negativen Bewertungen wäre schon ein großer Schritt. Ich glaub nicht, dass man zeitlich mehr Aufwand betreiben muss, kurz ein "richtig!" oder etwas dergleichen zu posten, wenn man schnell zustimmen möchte. Und wenn man anderer Meinung ist, bin ich fest davon überzeugt, dass es mehr Sinn hat, diese zu artikulieren und miteinander zu reden. So ändert man nämlich wirklich Meinungen. Ehrlich und nachhaltig, nicht populistisch in einer virtuellen Internetblase.

Euer Dominik (Dominik, derStandard.at, 9.10.2012)

Dominik ist auf derStandard.at als "domanz" unterwegs.

Der Text ist ein Beitrag eines Posters im neuen Blog "PosterInnen-Blickwinkel". Wir bitten um weitere Einsendungen zum Thema Community an community@derstandard.at

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    foto: derstandard.at
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