Die letzte Etappe der Reise

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Peter Knauseder bringt das letzte Stück seiner Reise hinter sich und landet in Ägypten, das ihm nach einem halben Jahr Afrika fast wie Europa erscheint

Von Lalibela aus fahre ich nach Bahir Dar am Tana See, aus dem der Blaue Nil entspringt. Die Stadt ist überraschend unchaotisch, eine Promenade zieht sich am Seeufer entlang, Palmen säumen die Hauptstraßen. Die Kirchen auf den vorgelagerten Inseln sind zwar meiner Meinung nach etwas enttäuschend, doch die "wahre" Attraktion dieser Gegend sind die Wasserfälle des Nil nahe dem Dorf Tis Isat. Jetzt in der Regenzeit sind sie besonders spektakulär. Sie sind zwar nicht so mächtig wie die Viktoria Fälle, doch dafür noch kaum touristisch erschlossen, Bauern treiben ihre Esel über die steilen Trampelpfade, Kühe grasen am Flussufer, ein paar ältere Frauen verkaufen Souvenirs. Kaum etwas stört die Idylle. Einige der Frauen tragen Maria Theresia Thaler, die im östlichen Afrika lange Zeit als Zahlungsmittel verwendet wurden, als Medaillons um den Hals.

Weiter geht meine Reise nach Gonder, eine ehemalige Hauptstadt Äthiopiens. Im Zentrum der Stadt liegt ein Schloss (oder eigentlich mehrere), das einem Hollywoodfilm entliehen scheint, doch in Wirklichkeit im 17. Jahrhundert aus einer Verschmelzung portugiesischer, arabischer und indischer Stilelemente entstand.

Frische Seelen für den Teufel

Ich verlasse Äthiopien und mache mich auf den Weg in den Sudan. In Serpentinen führt die Straße vom Hochland hinunter in die Ebene. Die Landschaft ist wunderschön, eine Mischung zwischen Alpen und Grand Canyon, nur die zahlreichen ausgebrannten Auto- und vor allem Minibuswracks am Straßenrand trüben die Aussicht.

Der Lenker unseres Minibusses fährt, als habe er einen Pakt mit dem Teufel abgeschlossen und wolle ihm nun frische Seelen beschaffen. Jeder Gedanke an die Gefahren durch Kriminalität oder Terrorismus erscheint angesichts solcher Fahrten nahezu lächerlich.

Wider Erwarten erreiche ich unbeschadet die Grenze. Die Formalitäten ziehen sich besonders auf der sudanesischen Seite in die Länge, ich muss insgesamt an fünf verschiedenen Stellen meinen Pass vorzeigen, ganz abgesehen von den Situationen, wo ich zwischen den Beamten hin und her geschickt werde.

Die Landschaft ist überraschend grün, Felder und Wiesen ziehen sich bis zum Horizont, erst nach einigen hundert Kilometer gehen diese langsam in Wüste über.

Hitze, Staub und brennende Botschaften

Vermutlich tue ich Khartoum unrecht, doch es ist nicht wirklich eine schöne Stadt. Die Stadt ist sehr weitläufig, was besonders in der herrschenden Hitze von etwa 45 - 50 Grad Celsius eine Erkundung zu Fuß für mich fast unmöglich macht, die Luft ist voller Staub und Autoabgase, und auch, dass in der Nachbarschaft westliche Botschaften angezündet werden, trägt nicht unbedingt zu meinem Wohlbefinden bei.

Der Großteil der Sudanesen ist für mitteleuropäische Vorstellungen fast unbeschreiblich freundlich, ich kann kaum zehn Schritte gehen, ohne auf einen Tee eingeladen zu werden. Wenn ich an einem Straßenstand eine Kleinigkeit esse, weigert sich meistens der Verkäufer Geld von mir zu nehmen, viele wollen sich mit mir unterhalten und sind dabei doch sehr höflich und zurückhaltend.

Als ich am Abend in einem Restaurant mit Blick auf die Straße sitze, bleiben plötzlich einige Leute draußen stehen und rufen irgendetwas in Richtung des Lokals, immer mehr Männer bleiben stehen und deuten und rufen immer aufgeregter und auch immer aggressiver. Ich beobachte das ganze anfangs gelassen, bis mir klar wird, das ich der Grund dieses "Aufruhrs" bin. In diesem Moment stehen aber auch schon einige der anderen Gäste, die meisten in den traditionellen, weißen, bodenlangen Galabija auf und gehen gemeinsam mit dem Besitzer nach draußen, um die dort versammelte Menge von etwa 15 Leuten zu zerstreuen. Ich weiß, nicht, was diese Leute gerufen haben, doch es dürfte nicht sehr nett gewesen sein, zumindest fand sich niemand, der es mir im Nachhinein übersetzen wollte.

Alle sind sehr bemüht, sich bei mir für den Vorfall zu entschuldigen und betonen, dass diese Leute keinesfalls den Sudan repräsentieren würden und nur irgendwelche verwirrten Idioten seien. Mein Essen geht selbstverständlich aufs Haus und es entsteht fast schon ein neuer Tumult, wer mich zu meinem Hotel begleiten darf. So eine Situation könnte auch anders ausgehen.

Ein Österreicher aus Osteuropa

Ich gewöhne mir sicherheitshalber an, auf den verständnislosen Blick, der gewöhnlich folgt, wenn ich auf die Frage nach meiner Nationalität "Austria" antworte, "East Europe", hinzuzufügen. Das ist nicht ganz falsch und ich gehe davon aus, dass in dieser Weltgegend niemand etwas gegen Osteuropäer hat.

Ich will mir im Norden der Stadt ein Ticket für die einmal pro Woche verkehrende Fähre über den Nasser Stausee von Wadi Halfa nach Assuan, die die einzige "Landverbindung" zwischen Sudan und Ägypten darstellt, besorgen. Doch diese ist auf Wochen hinaus ausgebucht. Meine einzige Möglichkeit besteht darin, nach Wadi Halfa zu fahren und dort mein Glück zu versuchen. 

Dies bedeutet eine tausend Kilometer lange Fahrt durch die Wüste, die Pyramiden von Meroe ziehen am Horizont vorbei, und ich weiß, dass ich diese ganze Strecke, wenn ich hoffentlich mein Ticket erhalten habe, noch mal zurücklegen muss, da diese eigentlich das Highlight eines Sudanaufenthalts darstellen.

Wadi Halfa besteht nur aus ein paar halb fertigen Häusern am Ufer des Sees, seine einzige Existenzberechtigung ist die Fähre nach Ägypten.

Am nächsten Morgen versuche ich mir mit der Hilfe eines sudanesischen Geschäftsmanns für nächste Woche ein Ticket zu besorgen, doch es lässt sich nichts machen. Sich aufregen bringt wohl nichts, aber zwei Wochen warten will und kann ich auch nicht.

Es ist mir nicht ganz klar, wie dies zustande kam, doch nachdem ich einige Zeit im Schatten des Büros der Einwanderungsbehörde vor mich hin gegrübelt habe, erhalte ich das Angebot, für die morgen abfahrende Fähre ein Ticket (ohne Aufpreis) zu bekommen. Ich überlege einige Zeit, doch schließlich nehme ich an, auch wenn ich so die Pyramiden nicht mehr sehen werde. Ich bin nicht ganz unglücklich darüber, dieses Land wurde mir doch etwas zu heiß.

Überfahrt nach Ägypten

An Bord treffe ich den Kanadier Jason, der erste und einzige "Westler", den ich im Sudan treffe. Wir machen es uns unter den Rettungsbooten bequem, beobachten die Szene und versuchen den Mitreisenden zu erklären, wieso wir diese Fahrt auf uns nehmen - ohne allzu viel Erfolg.

Bei Sonnenuntergang verwandelt sich das ganze Oberdeck in eine Moschee, Teppiche werden ausgelegt, aus dem Lautsprecher am Mast tönt der Ruf des Muezzins, die Männer verbeugen sich in Richtung Osten, das Schiff, der See und das felsige Ufer, alles ist in rötliches Licht getaucht, es ist eine der unwirklichsten Situationen die ich jemals erlebt habe.

In Ägypten bekomme ich meinen ersten Kulturschock, für mich fühlt sich dieses Land schon fast an wie Europa, zumindest im Vergleich zu den bisherigen Ländern meiner Reise, mit Ausnahme von Südafrika.

Die Tourismusindustrie in Ägypten liegt seit der Revolution darnieder und auch die Ereignisse der letzten Zeit haben wohl kaum zu ihrer Erholung beigetragen. Das ist natürlich eine Katastrophe für die Menschen, die damit ihr Geld verdienen, doch ich habe dadurch die Möglichkeit viele der Sehenswürdigkeiten ohne Gedränge, ja teilweise sogar völlig alleine zu besichtigen. Ich besuche die nubischen Dörfer in der Nähe Assuans und fahre weiter mit dem Zug nach Luxor, wo ich das große Glück habe, das Grab Ramses VI ganze fünf Minuten vollkommen für mich alleine zu haben.

Mit Mohammed im Zug nach Kairo

Im Zug nach Kairo werde ich in eine langwierige Diskussion über den Mohammed Film verwickelt, was zwar die Fahrt sehr kurzweilig macht, doch auch etwas ernüchternd ist, da sich nicht alle meine Gesprächspartner so eindeutig von gewalttätigen Reaktionen darauf distanzieren, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Kairo ist eine tolle Stadt, ich bin sofort vom ersten Augenblick an begeistert. Die Stadt besteht eigentlich aus sehr vielen verschiedenen Teilen. Es gibt das koptische und das traditionell muslimische Viertel, es gibt ein koloniales und ein modernes Kairo. 

Neben den grandiosen Sehenswürdigkeiten rund um die Pyramiden und den anderen antiken Stätten, ist die Stadt voller exquisiter Beispiele arabischer Architektur und das ägyptische Museum, wenngleich es ob seiner Unstrukturiertheit wohl der Realität gewordene Albtraum eines jeden Museumspädagogen sein dürfte, ist ohnehin überwältigend.

Einige Male werde ich am Abend in den Straßencafés zum Wasserpfeifenrauchen und Backgammon oder Domino spielen eingeladen. Viele machen sich Sorgen, dass ihr Land in den Medien falsch, oder zumindest einseitig porträtiert wird und weisen darauf hin, wie wenig diese paar radikalen Demonstranten die Gesellschaft repräsentieren würden.

Der Tahrir Platzt ist mittlerweile schon von den Spuren der Revolution gesäubert worden, einzig Graffiti an den Wänden zeugen noch davon. Die meisten jungen Leute, die an der Revolution teilgenommen haben, mit denen ich ins Gespräch komme, sind zwar nicht unbedingt desillusioniert, aber Optimismus sieht auch anders aus.

Nach einigen Tagen in Kairo fliege ich zurück nach Wien. Meine Reise ist zu Ende. Ich werde sicher einige Zeit brauchen, bis ich mich zu Hause wieder zu Recht finden werde. (Peter Knauseder, derStandard.at, 8.10.2012)

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2 Postings

stimmt

danke für den blog. einige teile der reise kannte ich und andere nicht - jedenfalls sehr interessant und unprätentiös geschrieben. das mit austria-east europe merk' ich mir

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