Täter und ihre Innenwelten

Interview | Günther Brandstetter
8. Oktober 2012, 14:43
  • In "Schuldhaft. Täter und ihre Innenwelten" beschreibt die Gerichtspsychiaterin die Lebensgeschichten von zehn straffällig gewordenen Menschen.
    foto: verlag kremayr & scheriau

    In "Schuldhaft. Täter und ihre Innenwelten" beschreibt die Gerichtspsychiaterin die Lebensgeschichten von zehn straffällig gewordenen Menschen.

Was geht in Menschen vor, die ein Verbrechen begangen haben? Antworten darauf versucht Heidi Kastner in ihrem Buch "Schuldhaft" zu geben

In ihrem aktuellen Buch "Schuldhaft. Täter und ihre Innenwelten" erzählt Heidi Kastner die Lebensgeschichten von zehn straffällig gewordenen Menschen. Sachlich und nüchtern berichtet die Gerichtspsychiaterin über "ihre Fälle". Manche hatten katastrophale Startbedingungen, andere wuchsen in scheinbar intakten Familienverhältnissen auf. Allen gemeinsam ist: Sie fanden durch unterschiedliche Ereignisse und Konstellationen bedingt keine anderen Ausweg als Mord, Totschlag, Raub oder Betrug.

derStandard.at: Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Kastner: Hauptsächlich deshalb, weil ich mit dem "ganz großen Bösen", das sich in den aufsehenerregenden Fällen manifestiert, relativ wenig anfangen kann. Denn die entsprechen keineswegs der überwiegenden Mehrzahl an Delikten. Das Gros der Verbrechen sind - banal ausgedrückt und vielleicht etwas respektlos klingend - "kleinere Geschichten".

Die Gefängnisse sind nicht voll mit offensichtlich auffälligen Typen, sondern mit Leuten, die nicht so viel anders sind als jene, die man außerhalb trifft. Diese "Normalität des Verbrechens" in dem Sinn, dass sich unauffällige oder nicht sonderlich auffällige Menschen bei passender Konstellation zu Tätern entwickeln können, hat mich interessiert.

derStandard.at: Was wollen Sie den Lesern mitteilen?

Kastner: Dass die sogenannte Normalität kein Schutz vor Delinquenz ist. Es können wahrscheinlich viele Menschen in gewissen Situationen zu Tätern werden, von denen man sich das vorher nie gedacht hätte. Das heißt, vielleicht ist man selbst auch nicht ganz frei von der Möglichkeit, einmal delinquent zu werden.

derStandard.at: Was bedeutet für Sie "normal"?

Kastner: Normalität konstituiert sich in einem gesellschaftlich konsensuell festgelegten Regelwerk, wobei sich "Normalitätsgrenzen" über soziale Entwicklungen auch verschieben können. Das Bild, das wir von Straftätern haben, lautet: Es handelt sich um einen Menschen, der anders ist als wir. In dem Sinn "Wer so etwas tut, der muss ja gestört und krank sein". Aber so gestört, wie wir uns das gerne vorstellen, sind diese Leute eben oft nicht.

derStandard.at: In der Fachliteratur gelten "Broken Home"-Verhältnisse und schwierige Eltern-Kind-Beziehungen als weitgehend gemeinsamer Nenner von Straftätern. Gibt es Indikatoren, die kriminelles Verhalten begünstigen?

Kastner: Solche Befunde gibt es. Die Krux daran ist, dass das nur in eine Richtung feststellbar ist. Der Großteil Inhaftierter weist zwar keine idealen Primärfamilienbedingungen auf, es gibt jedoch genug Leute aus problematischen Herkunftsfamilien, die ihr Leben lang nicht straffällig werden. Man kann also nicht sagen‚ vier Fünftel aller Leute aus "Broken Home"-Verhältnissen werden delinquent.

derStandard.at: Welche Befunde gibt es noch?

Kastner: Was praktisch alle Straftäter in meinem Buch aufweisen, ist ein massiv erhöhter Selbstbezug, der unter dem Deckmantel vieler Störungen zu finden ist. Solche Menschen halten sich für den Nabel der Welt. Sich selbst für so grandios und wichtig zu nehmen, dass alles andere den eigenen Belangen untergeordnet wird, ist eine ganz große Gemeinsamkeit - weit mehr als "Broken Home"-Verhältnisse.

derStandard.at: Wie kann der Strafvollzug adäquat auf Inhaftierte eingehen?

Kastner: Es ist vermutlich sinnlos, alle Inhaftierten nach dem Gießkannenprinzip intensiv therapeutisch zu betreuen. Ideal wäre eine Differenzierung in Täter, bei denen hauptsächlich die Persönlichkeit das Delikt bewirkt hat, und in solche, bei denen hauptsächlich die Umstände zur Tat geführt haben. Das heißt, es ist danach zu trennen, wie weit das Motiv in der Persönlichkeit, in der Situation oder aber in beidem liegt.

derStandard.at: Was bedeutet das konkret für den Strafvollzug?

Kastner: Je mehr eine Tat persönlichkeitsmotiviert ist, desto problematischer ist die Person und umso kritischer muss man die Prognose sehen. Besonders solche Täter sollten therapeutisch erreicht werden. Es hat keinen Sinn, deliktpräventive Therapiegruppen für einen Menschen einzurichten, der sich beispielsweise immer wieder mit seiner Frau gestritten hat, und beim letzten Streit schlägt sie auf ihn ein, er schlägt zurück, sie fliegt hin und ist tot. In solchen Fällen brauche ich nicht wirklich lange therapeutisch zu intervenieren.

derStandard.at: In der "Fußfesseldebatte" rund um einen Sexualstraftäter in Salzburg hat sich gezeigt, dass erhebliche Teile Bevölkerung und besonders Boulevardmedien nicht gerade zimperlich sind, wenn es darum geht, straffällig gewordene Menschen an den öffentlichen Pranger zu stellen. Sollte sich eine Gesellschaft nicht auch auf andere Art und Weise für ihre Verbrecher zuständig fühlen?

Kastner: Wenn wir einigermaßen intelligent wären und wirklich etwas für unseren Schutz tun würden, dann müssten wir berücksichtigen, dass die meisten Straftäter nach Strafende entlassen werden und es einen massiven Einfluss auf die prognostischen Faktoren hat, wie wir diesem Menschen dann begegnen. Wenn er uns als ablehnende Mauer wahrnimmt, dann sieht er möglicherweise überhaupt keinen Grund, sich zum Wohle dieser Mauer rechtschaffen zu verhalten.

Der Vertrag, den die Gesellschaft mit dem Rechtsbrecher schließt, beeinflusst ja maßgeblich, wie er dann weitertut. Und wenn ich jetzt einen Vertrag schließe, bei dem ich sage: "Wir fordern alles von dir, liefern aber gar nichts", dann ist das einseitig, und einseitige Verträge halten und funktionieren nicht. Das sind Knebelverträge, und die führen selten zu einer guten Compliance.

derStandard.at: Was halten Sie von der Utopie "Eine Welt ohne Verbrechen"?

Kastner: Das ist ein völliger Blödsinn. Wenn jemand denkt, dass eine Gesellschaft von allen suspekten und deklariert kriminellen Elementen "gesäubert" werden kann, dann träumt er von warmen Eislutschern im Dezember. Das ignoriert auch, dass es grundmenschlich ist, Grenzen zu überschreiten und auch Grenzen des anderen zu überschreiten.

Nicht umsonst gibt es Verhaltenskodizes von Anbeginn der Überlieferungen an. Nichtfreundliche Anteile sind ja in jedem Menschen zu finden. Deshalb ist es auch ein unrealistisches Wunschdenken, zu sagen: "Man kann das jetzt freiräumen, und dann hat man die saubere, deliktfreie Gesellschaft." Das ist naiv, blind und ziemlich realitätsfremd.

derStandard.at: Kann es überhaupt Verbrechensprävention geben?

Kastner: Es kann keine gezielte, aber sehr wohl eine allgemeine Prävention geben. Idealerweise setzt diese möglichst früh an und besteht aus einer tauglichen Erziehung, die Kinder zu sozialisierten Wesen heranwachsen lässt. Und zwar zu solchen, die andere Menschen auch wahrnehmen. (Günther Brandstetter, derStandard.at, 8.10.2012)

Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 1997 ist sie Gerichtspsychiaterin und seit 2005 Chefärztin der forensischen Abteilung der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz sowie Gerichtsgutachterin im Bereich Strafrecht. 2012 veröffentlichte sie "Schuldhaft. Täter und ihre Innenwelten" im Verlag Kremayr & Scheriau.

Zum Thema

"Ob jemand fanatisch wird, ist eine persönliche Angelegenheit"

Bürgerkommission: Antidepressiva machen Menschen zu Mördern

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 29
1 2
Die höhe der Kriminalitätsrate in einer Gesellschaft hängt grob gesagt von einer Frage ab, und zwar:

Wie hoch sind meine Chancen in der jeweiligen Gesellschaft, dass ich mit Kriminalität besser dastehe und weiterkomme als die anderen Menschen.
Risken und Chancen für Gewinn werden bewusst aber auch unbewusst verglichen.

Dieser Abgleich schaut natürlich für jeden etwas anders aus.
(z.B. ein sportlicher Mann hat bei Gewaltkriminalität bessere Karten, es gibt Menschen, die risikofreudiger sind usw...)
Die Chancen werden mit einer gut funktionierenden
Polizei und Justiz verringert, oder mit einer bewusst hellwachen Einstellung der Bevölkerung gegenüber Kriminalität usw... usw..

Eine andere wichtige Punkt ist die genetische Veranlagung, dass kann man nicht leugnen.
(es gibt ein fixer Prozentsatz, der sich nicht ändert)

Die Aussagen über die Gemeinsamkeit der Täter, Selbstbezug, sind interessant

Das dürfte bei jugendlichen Straftätern ein Aspekt sein, der zuwenig beachtet wird. Ein Bewährungshelfer in meinem Bekanntenkreis hat das niemals erwähnt, Schuld waren immer die desolaten Verhältnisse etc. und die Opfer waren nie ein Thema.

Lebenserfahrene wissen um die sogenannten Innenwelten von Straftätern

Die Autorin hat recht - es wird immer Leute geben, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die Justiz macht es den Straftätern einfach, und zwar mit milden Strafen oder Freigängen. Wie oft werden Täter gerade hier rückfällig. Im Roman "Antiquitätenmarder ... noch lebe ich!", ist von einer Straftatenwelle die Rede, mit der die Ermittler nicht fertig werden. Freilich handelt es sich hier um eine neue Art von Verbrechen - nichtsdestotrotz - der Autor greift auf wahre Begebenheiten zurück – ohne Gewaltverherrlichung.
Was z. B. erfundene Massenmorde betrifft, werden sie zuguterletzt wahr – irgendwann. Aktenzeichen z. B. XY inszeniert Einschaltquoten durch filmische Nachstellung – durchaus interessant für "Nachwuchsgangster" ...

Täterinnen, oder?

Gewinnspiel bitte :)

Ich hatte beruflich schon sehr viel mit Straftätern zu tun - in Form von Freigängern, die für Betriebe angeheuert werden - und weiß daher, dass die meisten völlig normale Menschen sind, die man jeden Tag auf der Straße trifft, wenigsten erkennt man als Kriminelle auf den ersten Block.
Zu welchen ich jedoch unbedingten Abstand halte, sind Kinderschänder und Vergewaltiger. Leider werden solche Delikte bei uns viel milder bestraft als solche, wo es um Geld geht.

Haben sie Angst dass einer davon sie vergewaltigt?

Nein, aber ich verabscheue solche Neigungen bzw. Gewalttätigkeit!

Also nur sexuelles!

Und Diebe, Räuber, Mörder, Betrüger die alte Omas um ihr erspartes bringen, Heiratsschwindler, etc. verabscheuen sie nicht.

Mein Posting ist hier scheinbar nicht durchgekommen, obwohl schon vor zwei Tagen geschrieben.
Ich sagte darin, dass Sie wohl nicht lesen können, denn ich sagte deutlich, dass ich GEWALTTÄTER verabscheue und damit sind keineswegs nur Sexualdelikte gemeint, sondern genauso brutaler Raub, Entführung, Mord, eben alles, wo es um Leib und Leben geht bzw. gefährdung der Gesundheit eines anderen Menschen.
Finanztäter erschrecken mich da viel weniger wie etwa Heiratsschwindler (braucht ja erst mal Dumme, die drauf reinfallen), Erbschleicher, Steuerhinterzieher etc.

Weil Vergewaltigung, eine Verletzung sowohl der körperlichen Integrität und Selbstbestimmung und ziemlich empfindlicher Teile im Inneren des Körpers, eher Mord, Totschlag und anderer schwerer Körperverletzung nahesteht als einem Raub.
Ist das wirklich so schwer verständlich, dass man von Leuten, die einfach brutal und bösartig zu anderen Leuten der Brutalität und Bösartigkeit wegen sind, Abstand halten will?

Bei Vergewaltigung geht es nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse...Es geht um Dominanzbestrebungen, den anderen kleinmachen, es geht manchmal sogar ums "outbreeding" und um eine widerliche, aber auch in Ö oft existente Einstellung, dass die Körper von anderen Menschen selbstverständlich für einen da sind.

Keine Ahnung, WER Ihnen für diesen wunderbaren Beitrag Rot gegeben hat, wohl der selbsternannte Gott, der sich ja bekannterweise ständig für Gewalttäter einsetzt.... Schrecklich!

serh nettes Interview, danke!

Bald wird sie K n a s t n e r heissen...

"Ideal wäre eine Differenzierung in Täter, bei denen hauptsächlich die Persönlichkeit das Delikt bewirkt hat, und in solche, bei denen hauptsächlich die Umstände zur Tat geführt haben. Das heißt, es ist danach zu trennen, wie weit das Motiv in der Persönlichkeit, in der Situation oder aber in beidem liegt."

Das halte ich für einen äusserst klugen Ansatz.

Sehr interessantes Interview! Das Buch werde ich vielleicht kaufen. Besonders beeindruckt mich der Wunsch nach einer "Differenzierung in Täter, bei denen hauptsächlich die Persönlichkeit das Delikt bewirkt hat, und in solche, bei denen hauptsächlich die Umstände zur Tat geführt haben". Das halte ich für sehr wichtig, in der Praxis findet es aber leider noch sehr selten statt. Insbesondere die Medien könnten da viel zur Aufklärung beitragen.

Die Ablehnung von Straftätern hängt wohl auch damit zusammen, dass sie als Gefahr für die Gesellschaft gesehen werden und man Angst vor ihnen hat- z.B. werden ja Sexualverbrecher nicht selten zu Wiederholungstätern, und auch bei Gewalttätigen ist eine erneute Gewaltanwendung nicht auszuschließen.

Ich würde zu jemanden, der derartige Verbrechen begangen hat, auch Distanz halten. Bei Taten wie Unterschlagungen u.ä., die mich aus praktischen Gründen nicht persönlich betreffen können, wäre ich wohl weniger skeptisch.

Unser Wirtschaftssystem ...

... und alle, die dieses unterstützen, sind eine Gefahr für die Gesellschaft. Und zwar eine selbstmörderische Gefahr. Ich versuche, größtmögliche Distanz zu den "normalen" Leuten zu halten, ob zu jenen in den Gefängnissen, oder jenen in freier Wildbahn. Fast alles Trottel ...

laber, laber, blabla, gähn, schnarch

gar keine Hanfbäuerin dabei?

Ich bin sehr beeindruckt von dem Interview.

Und wenn ich Geld hätte, würde ich das Buch jetzt sofort bestellen.

Interessant wäre auch noch die Frage nach den politischen Delikten. Da kann man ja mit ziemlich wenig Aufwand ziemlich lange hinter Gitter kommen. Z. B. Wehrpflichtverweigerung: 1 Jahr, Gutheißen einer Straftat: 3 Jahre, etc.

umso mehr ich vom Interview las...

...umso mehr hat es mir gefallen. Besonders den letzten Absatz würde ich gerne unterstreichen!

wohtuend

ja, finde ich auch, sehr wohltuend dieser blick aus der praxis. leider ist das thema - v.a. auch wenn es um psychisch beeinträchtigte täterInnen geht - in österreich noch viel zu sehr tabuisiert. es sollte dazu viel mehr öffentliche diskussion geben um ängste und vorurteile abzubauen. diese anlassbezogene boulvard-hetze ist dem sicher nicht zuträglich.

Täterinnen und ihre Welten?
Ich hab mich schon so ans Binnen-I gewöhnt. Jetzt frag ich mal forsch, wo denn die Täterinnen sind.

Vielleicht lautet der Untertitel des Buches ja deshalb: Täter und ihre INNENwelten

Posting 1 bis 25 von 29
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.