Probleme einer Mammutmolkerei

  • "Wir sind noch einmal davongekommen": Tobias Voigt als Spielleiter.
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    foto: nö landestheater / sepp gallauer

    "Wir sind noch einmal davongekommen": Tobias Voigt als Spielleiter.

Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" am Landestheater Niederösterreich

St. Pölten - Die ersten 20 Minuten der Ära Bettina Herings am Landestheater Niederösterreich gehören einem Philosophen. Schauspieler Martin Wuttke - grauer Anzug, das Haar nach hinten gekämmt - betritt die Bühne durch einen Vorhangspalt. Seine erste Handlung ist bereits ein kleiner Skandal: Wuttke zündet sich eine Zigarette an.

Sein Vortrag stammt aus der Feder des Theatermachers René Pollesch. Im Leben, deklamiert der nicht recht erfreut wirkende Star, sei alles eine Frage der Beleuchtung. Die Pollesch-Thesen, kurz zusammengefasst: Ohne Gefahr gebe es keine Schönheit, ohne moralisch verwerfliches Handeln (Tabakrauchen!) keinen Genuss.

Bestimmt wurde in einem Saisonvorspiel auf dem Theater noch nie der Begriff "Heterotopie" verwendet. Wuttke entledigt sich seiner Vortragspflicht mit Emphase, wühlt aber auch in den Textblättern. Auswendiges Texthersagen ist schließlich etwas für Darstellungsbeamte. Ein witziger Diskurs im Sinne des Spielzeitslogans: "Mit subversivem Humor zur Gegenwartsbewältigung". Ein schöner Punkt auch auf einem noch gar nicht gesetzten "i". Dieses steuerte Regisseurin Daniela Kranz bei, die sich des lange vernachlässigten Thornton-Wilder-Stückes Wir sind noch einmal davongekommen annahm.

Wilder (1897-1975) packt darin die großen Existenzialien an. Im ersten Akt melkt die amerikanische Kleinstadtfamilie der Antrobus noch ihr Mammut. Den Einbruch der Eiszeit kann Mr. Antrobus (Michael Scherff) leider nicht verhindern, obwohl er das Rad erfindet und sich um die Einführung neuer Buchstaben im Alphabet verdient macht.

Pulitzer-Preisträger Wilder gibt sich in diesem Lehrstück als All-American Gegen-Brecht zu erkennen. Das Stubenmädchen der Antrobus (Franziska Hackl) fällt gerne aus der Rolle und appelliert direkt an das Publikum. Ein überforderter Spielleiter (Tobias Voigt) greift ein, wenn Teile des Ensembles angeblich an Magen-Darm-Verstimmung erkrankt sind. Auf der Bühne, der Trommel einer Waschmaschine nachgebildet, herrscht Konfusion. Man spürt den philosophischen Anspruch, Wohl und Wehe der menschlichen Gattung zu erörtern. Zugleich mokiert sich das Theater auch ein bisschen über sich selbst.

In St. Pölten blitzt The Skin of Our Teeth (so der Originaltitel) blendend weiß und herzerfrischend zynisch. Trotzdem erlahmt das Interesse an Familie Antrobus fast im Nu. Die Schauspieler einigen sich rasch auf eine mittlere Betriebstemperatur und agieren gemäßigt übertrieben.

Rasch wird unklar, ob sich Wilder bloß in den Sphären vergriffen hat - oder ob eine hübsch weiß lackierte Bühnenzentrifuge nicht einfach zu klein ist für die Darstellung von Verrat, Mordgier und Besserwisserei.

Den Schauspielern gebührt Lob. Mister Antrobus (Scherff) gibt den Urvater, den Menschheitspräsidenten und den Kriegsheimkehrer als abgekämpften Vertretertyp. Seine Gemahlin (Babett Arens) irrlichtert als Hausmütterchen durch eine Szenerie, von der man sich eine intensivere Ausstrahlung von Gefahr durchaus gewünscht hätte.  (Ronald Pohl, DER STANDARD, 8.10.2012)

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