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vergrößern 600x600Christoph Rothenbuchner als 'Clavigo' im Schauspielhaus Graz.
Graz - "Es ist nichts erbärmlicher in der Welt als ein unentschlossener Mensch", sagt Clavigos Freund und schlechter Berater Carlos. Sein Satz klingt nach dem Besuch von Goethes Trauerspiel "Clavigo", das am Freitag auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses Premiere hatte, noch nach. Denn er gilt heute wie vor 238 Jahren.
Doch der Rest des Dramas, das sich um ein gebrochenes Eheversprechen entspinnt, das der zum Starjournalisten avancierte Clavigo seiner Geliebten gab, ist schwierig ins Heute zu übersetzen. Für die Karriere auf Liebe verzichten? Standesdünkel, Familienehre? Das staubt schon sehr.
Vielleicht lässt deswegen Alexandra Liedtke wiederholt dichten Staub ins Publikum blasen, was übrigens für Asthmatiker und Kontaktlinsenträger ein Problem werden kann. Humor, auch schwarzen, beweist Liedtke jedenfalls an diesem Abend durchaus: etwa wenn sie die vor unglücklicher Liebe kranke Marie (Seyneb Saleh) mit ihren morbiden Puppen spielen lässt oder wenn ihre Schwester Sophie (Anna Rot) die eigene Aufgeregtheit über die Rückkehr des potenziellen Schwagers in Aufruhr versetzt. Beide Frauen geben mit ihren ersten Auftritten am Haus einen guten Einstand.
Doch bei Clavigo ist man etwas ratlos. Dass der junge Christoph Rothenbuchner das Zeug zu einem richtig guten Schauspieler hat, konnte man schon in der vorangegangen Saison sehen. Doch wen soll er mit dieser lächerlichen blonden Kurt-Cobain-Perücke spielen? Den verunsicherten, aber eigentlich aufrichtig liebenden Clavigo? Oder die eitle, berechnende Edelfeder (die er groß und weiß tatsächlich bei sich trägt wie einen zu heiß gewaschenen Engelsflügel), die manchmal weinerlich um Vergebung bittet und dann wieder jähzornig davonlaufend einfach nur unsympathisch bleibt. Die Regie beantwortet das bis zum Schluss nicht.
Mit Carlos hat man es da leichter. Er ist ein böser Intrigant, wie es ihn immer schon gab, und einer, der Frauen als bloßes Statussymbol sieht. Es ist kein Problem diese Figur in die Gegenwart zu holen. Auch wenn ihn Simon Zagermann leider gar aufdringlich als Glamour-Punk verziert.
Es könnte ein schöner Balanceakt sein, den Liedtke da vollzieht - in einem wunderbaren Bühnenbild von Falko Herold, das von Anfang an aussieht wie die verkaterten, glitzernden Reste einer für immer beendeten Party, einer zwischen trashiger Ironie und einem ernsthaften Versuch, diesen Figuren in ihre gequälten Seelen zu blicken. Doch leider gerät bei diesem Balanceakt immer wieder etwas ins Straucheln.
Ein kompletter Absturz ist es aber nicht. Apropos Absturz: Am Ende stürzt sich Marie von ihrer mehrstöckigen Hochzeitstorte, die per Fußschaltung zum Karussell wird und auf der ein wie von naiver Kinderhand gemaltes "C+M" aus Zuckerguss klebt, in den Tod. Auch eine Möglichkeit. Dass auch Clavigo vom wütenden Halbbruder Maries, den Simon Käser als Ostmafiapaten gibt, ermordet wird, bekommt man nur noch vorgelesen. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 8.10.2012)
Nächster Termin: 10. 10.
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