Freiheitshungrige Operngeschöpfe

7. Oktober 2012, 19:31
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Premiere von Giacomo Puccinis Oper "Manon Lescaut": Regisseur Stefan Herheim lässt den Komponisten fantasievoll am Schicksal seiner Figuren teilhaben. Großer Applaus

Graz - Lady Liberty, jene Freiheitsstatue, die New-York-Besucher begrüßt, war ja ein Geschenk aus Frankreich. Und Frédéric-Auguste Bartholdi war der Schöpfer dieser Monsterskulptur, welche Libertas, die römische Freiheitsgöttin, darstellt. Tatsächlich sieht man in dem kleinen Pariser Atelier - voll der Liberty-Modelle - zu Beginn von Puccinis "Manon Lescaut" auch einen grübelnden Mann sitzen, der auffällig dem jungen Bartholdi ähnelt.

Bei Regisseur Stefan Herheim heißt er allerdings Renato Des Grieux (kraftvolle Vokalperformance: Gaston Rivero) und ist jener in Manon vernarrte Jüngling, der seine zwischen Luxus- und Liebessehnsucht zerrissene Angebetete letztlich nicht vor einem letalen Ende in den USA bewahren kann. Wobei: Sein Skulpturwerk ist hier schon über Modellgröße hinausgewachsen; markante Teile der Skulptur prägen das gesamte Bühnenbild dieser eigenwillig-eleganten Produktion.

Dass dem so ist, hängt nach Herheims Lesart wohl nicht nur damit zusammen, dass sich die Oper in Paris abspielt und Manon schließlich in die Neue Welt verschifft wird. Die Wahl von Lady Liberty als zentrales optisches Symbol rührt auch daher, dass Opernfiguren - in einer surrealen Regievolte - gleichsam freiheitsdürstend aus dem Stück herauszutreten versuchen. Hierzu jedoch erhebt der Komponist seine Einwände.

Komponist leidet mit

Herheim führt den jungen Giacomo Puccini (Janos Mischuretz) als stumme Opernfigur ein, die zwar Konflikte und Seelenwehwehchen seiner Geschöpfe miterleidet, letztlich jedoch unerbittlich alles Figurenflehen nach einem gütigeren Verlauf der tragischen Geschichte abschmettert und sehr bestimmt auf die Erfüllung der komponierten Opernpflicht drängt.

Herheims Deutung ist also voll von mitgestaltender Subjektivität. Alles inszenatorische Fantasieren und Extrapolieren des eigenen Ideenkosmos wird jedoch diszipliniert und legitimiert durch eine handwerkliche Bewusstheit, die an keiner Stelle Routine und Zufall gestattet. Es ist wie immer bei Herheim: Der Dialog zwischen optischen und szenischen Elementen produziert ein Gesamtkunstwerk voll energetischem Zauber. Und: An Szenedetails ist immer die Anbindung an die musikalischen Vorgänge zu erkennen.

Manon ist hier zunächst ein aus der Tafel mit dem Datum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung herausschlüpfendes Rokokogeschöpf, das später auch gerne kostbare Pariser Roben des 19. Jahrhunderts trägt. Sie ist Des Grieux zugetan, doch entwickelt sie bei Herheim auch eine Beziehung zu Puccini, die schließlich in eine Schmuserei mündet. Gal James singt formidabel, schafft es, die expressiven Passagen ebenso mit Glanz auszustatten wie die intimen. Und jederzeit lässt sie spüren, wie genau Herheim an einer höchst artifiziellen gestischen Stilistik gearbeitet hat.

Auch das Gesamtensemble, bestehend unter anderem aus Javier Franco (als Lescaut), Wilfried Zelinka (als Geronte de Ravoir) und Taylan Reinhard (als Edmondo und Tanzmeister), fügt sich gut ins Konzept. Und schließlich das Orchester: Unter Dirigent Michael Boder entfaltet es Energie und klangliche Differenzierung. Es deckt hie und da Sänger ein bisschen zu, liefert aber in Summe eine Performance von hoher Präsenz. In Graz hat die Produktion, die im März 2013 an die Semperoper Dresden geht, gefallen. Auch Herheim blieben die üblichen Buhblessuren erspart.  (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 8.10.2012)

Grazer Opernhaus: 10., 17. und 21. 10.; 4., 8., 18. und 24. 11., 14. und 20. 12., 19.30

  • Komponist Puccini (Janos Mischuretz, li.) sieht seinen Figuren beim Leiden zu: Es sind Gaston Rivero (Renato Des Grieux) und Gal James (Manon Lescaut).
    foto: grazer oper / karl forster

    Komponist Puccini (Janos Mischuretz, li.) sieht seinen Figuren beim Leiden zu: Es sind Gaston Rivero (Renato Des Grieux) und Gal James (Manon Lescaut).

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