Wider die National-Untugend Neid

Kommentar7. Oktober 2012, 18:26
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Würden alle Einkommen offengelegt, könnte man offen über Gerechtigkeit reden

Dass Frauen für gleichwertige Arbeit weniger bezahlt bekommen als Männer, ist eine der zentralen Ungerechtigkeitsvermutungen unserer Gesellschaft. Gestützt wird sie durch zahlreiche Studien, die die Ungleichbehandlung in Prozentwerten darzustellen versuchen.

Dass diese Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, darf man ihnen nicht vorwerfen: Sie stützen sich ja alle auf eine sehr unsichere Datenlage. Denn in Österreich wird ein besonders großes Geheimnis daraus gemacht, wie hoch das eigene Einkommen ist. Da geht Datenschutz über alles.

Wenn Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek nun darauf drängt, die Einkommen wenigstens innerbetrieblich transparenter zu machen, rührt sie an einem österreichischen Tabu - und ganz verlässlich treten die Vertreter der Wirtschaft auf den Plan, um die Tradition von Mauschelei und Geheimniskrämerei zu verteidigen.

Dabei ist der Vorschlag der Ministerin ohnehin sehr bescheiden: Sie will anonymisierte Vergleiche nach Verwendungsgruppen - damit Frauen selbst einschätzen können, ob und wie sehr sie unter jenem Wert bezahlt werden, der für männliche Kollegen ausbezahlt wird.

Ob das ausreicht, muss bezweifelt werden: Es geht ja nicht um irgendwelche Durchschnittswerte, sondern um konkrete Leistungen an konkreten Arbeitsplätzen - und um die konkrete Bezahlung dieser Leistung an konkrete Personen.

Der ÖGB war in dieser Hinsicht schon einmal mutiger: Vor 17 Jahren hat der damalige Präsident Fritz Verzetnitsch - selbst gelegentlich Zielscheibe von Privilegien-Vorwürfen - vorgeschlagen, man solle am besten alle Einkommenssteuerbescheide offenlegen. Applaus bekam er damals nur von den Grünen und vom linken Flügel der SPÖ.

Passiert ist nichts.

Die Argumente gegen eine Transparenz aller Einkommen waren damals wie heute dieselben: Wenn jeder von jedem anderen wüsste, was er oder sie verdient, gäbe es unnötigen Neid. Das wäre zweifellos der Fall, wenn die Einkommen wirklich ungerecht verteilt wären.

Aber das wird von den Vertretern der Wirtschaft ohnehin bestritten. Und wenn es doch vorkommt, dann kann man die Unterschiede zwischen den Einkommen von Herrn Geschäftsführer X und Frau Abteilungsleiterin Y entweder sachlich begründen oder eben abbauen.

Ja, sicher: Dann würde auch offensichtlich, um wie viel ein Generaldirektor mehr verdient als eine Supermarktkassierin. Man könnte überblicken, wie wenig Berufsanfänger bekommen, und könnte ermessen, ob die Klage über die angeblich so teuren älteren Arbeitnehmer durch deren individuelle Einkommen belegbar ist.

Das ist allemal besser als die gegenwärtige Situation: Am schlimmsten ist der Neid ja dann, wenn man nicht genau weiß, was man eigentlich neidet.

Schon der Verdacht, dass der Nachbar zu viel bekommen haben könnte, schürt Missgunst; gibt es dafür dann auch noch Indizien, steigt der Neid ins Unermessliche. Wird die Frage aber sachlich geklärt, verliert der Neid die Grundlage. Wenn alle Einkommen und sonstigen Zuwendungen offenlägen, könnte man emotionslos darüber reden. Man könnte Ungleichheiten abstellen (oder müsste sie stichhaltig begründen), nicht nur die zwischen Männern und Frauen - und die National-Untugend Neid endlich ablegen. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 8.10.2012)

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