Mostar: Die Stadt, die keinen Bürgermeister wählen darf

Reportage7. Oktober 2012, 18:28
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In Mostar wurde keine neue Lokalverwaltung gewählt, weil sich Bosniaken und Kroaten nicht auf ein Wahlgesetz einigten

Emine und Husein Karabeg umarmen sich ganz fest, so als könnten sie sich trotz der vielen Ehejahre noch verlieren. Die 89-Jährige und der 90-Jährige haben in ihrem Leben nur noch einen Wunsch: "Jedinstvo - Einheit". Frau Karabeg schreibt das Wort auf den Zettel und wirft ihn in die "Wahlurne". Der Begriff "Einheit und Brüderlichkeit" wurde 1941 von Josip Broz Tito als Motto des jugoslawischen Volksbefreiungskampfes geprägt. "Brüderlichkeit" traut sich Frau Karabeg offenbar gar nicht mehr zu wünschen. Sie kann sich aber noch gut an die Zeit erinnern, als die Stadt noch nicht geteilt und es normal war, gemeinsam diesseits oder jenseits der Neretva im Café zu sitzen.

Die meisten Menschen in Mostar sehnen sich nach Normalität, an der es hier tatsächlich fehlt. Während in ganz Bosnien-Herzegowina am Sonntag Bürgermeister und Gemeinderäte gewählt wurden, blieben die Wahllokale hier geschlossen. Die Parteien konnten sich nicht auf eine Neuregelung der Wahlsprengel einigen. Das bisherige Wahlgesetz ist verfassungswidrig, weil die Einwohnerzahl der sechs Viertel, aus denen die Stadträte entsendet werden, zwischen 7000 und 30.000 variiert.

Stefica Galic hat auf dem Spanischen Platz "improvisierte Wahlen" organisiert, "um dagegen zu protestieren, dass wir unser Menschenrecht zu wählen hier nicht wahrnehmen können". Die Willensbekundungen der Bürger will sie später in die Stadtverwaltung tragen. Drei junge Frauen mit großen Sonnenbrillen flanieren vorbei. Sie sind gerade 18 Jahre alt geworden. "Wir dürften jetzt wählen und können es nicht", sagt Selma M. und schreibt trotzdem das Kürzel einer Partei auf einen Zettel.

Es ist einer dieser spätsommerlichen Tage, wo der Himmel über den grauen Bergen der Herzegowina aussieht wie das Meer. 17 Jahre nach dem Ende des Kriegs wird in der Stadt weiter gestritten, als könne man doch endgültig klären, wer gewonnen hat. In der Zwischenzeit verlieren die Bürger. Die Mistkübel quellen über. Trotz eines einheitlichen Stadtstatuts seit 2004 bleibt die Stadt geteilt. Die Neretva trennt Bosniaken und Kroaten, die meisten Serben wurden vertrieben. Es gibt zwei Müllabfuhren, unterschiedliche Schulen für Bosniaken und Kroaten.

Mostar, die Stadt, wo es in jugoslawischer Zeit die meisten Mischehen gab, ist seit dem ethnischen Konflikt, der 1994 mit dem Abkommen von Washington beendet wurde, unversöhnt. Nach den Lokalwahlen 2008 hatte die Stadt 14 Monate lang keinen Bürgermeister. Der Hohe Internationale Repräsentant Valentin Inzko musste eingreifen, da die Angestellten der Stadt ohne Budget nicht mehr bezahlt werden konnten.

Alte Parteien an der Macht

"Es sind noch immer die alten Parteien an der Macht", sagt die 43-jährige Maja S. "Die wollen beweisen, dass der Krieg irgendeinen Sinn hatte. Und wir anderen sind zu leise." Ein Mann geht an Frau Galics " Wahlurne" vorbei, und schimpft: "Ach, diese Verrückte aus Ljubuski!" Als Mitte Juli in Ljubuski, dem Heimatort von Frau Galic, ein Film über ihren verstorbenen Mann gezeigt wurde, der im Krieg viele bosniakische Familien aus einem Gefangenenlager gerettet hatte, demonstrierten nationalistische Kroaten. Männer skandierten Lieder der nationalistischen Band Thompson vor Galics Haus. Sie selbst wurde von einer Frau in aller Öffentlichkeit blutig geschlagen. Die Polizei schützte sie nicht. "Ich gebe aber nicht auf", sagt Galic und stellt sich hinter die Urne. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 8.10.2012)

  • Trügerische Idylle: Mostars wiederaufgebaute Brücke mit Springer.
    foto: amel emric/ap/dapd

    Trügerische Idylle: Mostars wiederaufgebaute Brücke mit Springer.

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