Frist gegen Frust in Kasachstan

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  • Kasachstans Talente lernen die brasilianische Schule.

  • Sebastian Prödl, Willi Ruttensteiner (damals eingesprungener Chef) und Christian Fuchs 2011 am Fuß des Baiterek-Turms in Astana. In einer kugelförmigen Struktur ganz oben auf dem Bauwerk mit mythologischen Anklängen findet sich ein Abdruck der Hand von Präsident Nasarbajew.
    foto: apa/jäger

    Sebastian Prödl, Willi Ruttensteiner (damals eingesprungener Chef) und Christian Fuchs 2011 am Fuß des Baiterek-Turms in Astana. In einer kugelförmigen Struktur ganz oben auf dem Bauwerk mit mythologischen Anklängen findet sich ein Abdruck der Hand von Präsident Nasarbajew.

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    grafik: apa

Nach ernüchternden Erfahrungen denkt man bei Österreichs nächstem Gegner nun in längeren Zeiträumen. Deutsche und brasilianische Expertise soll helfen, den Traum von einer Endrunden-Teilnahme zu verwirklichen

Wien/Astana - Seit zehn Jahren nimmt Kasachstan nun schon an Ausscheidungen der UEFA teil und ist trotzdem die große Unbekannte geblieben. Die sehr große Unbekannte: Die zentralasiatische Republik, gegen die nun im Rahmen der WM-Qualifikation ein ÖFB-Doppel ansteht (Freitag away, Dienstag darauf Happel), ist der neuntgrößte Staat der Erde und überhaupt deren größtes Binnenland. Zwölf Prozent des Territoriums befinden sich angeblich in Europa, der Großteil des in Österreich verbrauchten Erdöls blubbert daraus hervor.

Bis auf die aus russlanddeutschen Familien stammenden Heinrich Schmidtgal vom deutschen Bundesliga-Aufsteiger Fürth und Konstantin Engel vom dortigen Zweitligisten Cottbus sind alle Kaderspieler in der heimischen Premjer-Liga engagiert. 14 Mannschaften, die weit reisen müssen, um einander zu treffen, spielen zwischen März und November in einem Play-off-Format um den Titel. Spieler bei Spitzenklubs verdienen im Durchschnitt etwa 11.500 Euro pro Monat, Star-Gehälter können sich bis auf das Doppelte dieses Betrags belaufen.

Gruppologie und Kehrtwende

Seit einigen Jahren setzt man auf nationaler Ebene auf Know-how aus dem Ausland, derzeit ist der erfahrene Tscheche Miroslav Beránek als Teamchef am Ruder. "Unsere Gruppe kann man dreiteilen", sagt er. "Die erste besteht aus Deutschland, die zweite aus Österreich, Schweden und Irland. Wir und die Färöer sind die dritte." Sein Ziel sei es, den Abstand zwischen Untergruppe zwei und drei zu verkleinern, möglicherweise gar zu überbrücken.

Nachdem Ex-Teamchef Arno Pijpers vor einigen Jahren mit seinen Apellen für Nachhaltigkeit noch auf taube Ohren gestoßen war - er wurde 2008 entlassen -, scheint sich die Qasaqstannyng Futbol Federazijassy, der 1992 gegründete Fußballverband des unabhängigen Kasachstan, nun eines Besseren besonnen zu haben: Mittels eines an deutschen Richtlinien orientierten Zehnjahresplans soll der Nachwuchsbereich entwickelt werden. DFB-Experten führen gar die Oberaufsicht über das Vorhaben, bei jedem Erstliga-Verein eine Jugend-Akademie zu installieren.

Das brasilianische Projekt

2009 wurden 26 Jugendliche vom Verband ausgewählt, um an der dem brasilianischen Verein Olé Brasil FC angegliederten Akademie eine umfassende Ausbildung zu genießen. Nach dem Ende des dreijährigen Lehrgangs gründete die Kasachische Agentur für Sport und Körperkultur eigens den FC Bayterek, bei dem die Talente nun in der zweithöchsten Leistungsklasse Erfahrung sammeln sollen.

2012 brach bereits eine weitere Tranche von Hoffnungsträgern gen Ribeirão Preto auf. Auch der Langzeitpräsident (seit der Staatsgründung 1991 im Amt) und lupenreine Demokrat Nursultan Nasarbajew soll dem bemerkenswerten Projekt gewogen sein. Frucht all der Anstrengungen soll die ersehnte Teilnahme an einer Endrunde innert der nächsten Dekade sein.

Der erste Traum von der WM

Der Niederländer Pijpers, der seinen Job in Kasachstan 2005 begonnen hatte, war den anspruchsvollen Verbandsgranden noch zu wenig ambitioniert gewesen. Diese sahen ihre Auswahl nach einer sehr respektabel absolvierten Qualifikation für die EM 2008, in der mit dem 2:1-Sieg gegen Serbien auch der bisher wertvollste Erfolg in der ballesterischen Historie des Landes gelang, schon bei der Weltmeisterschaft in Südafrika zaubern. 

Pijpers hatte gewagt, die überzogenen Erwartungen zu bremsen. Das kostete ihn den Kopf. "Sie wollen Erfolg. Wenn du ihnen sagst, dass es dafür zehn, fünfzehn Jahre Entwicklungsarbeit braucht, sind sie nicht mehr interessiert", berichtete der Niederländer in einem Gespräch mit der BBC über die damaligen Umstände.

Dem Realismus eine Chance

Seither scheint aber der Realismus eine Chance bekommen zu haben. Wohl auch deshalb, weil in den Folgejahren eher Rückschritte zu konstatieren waren. Die Qualifikation zur EM 2012 beendeten die aktuell auf Platz 147 der FIFA-Weltrangliste verräumten Kasachen mit nur einem Sieg als Gruppenletzter noch hinter Aserbaidschan. In deren Verlauf wurde Pijpers' Nachfolger, der Deutsche Bernd Storck, von Beránek abgelöst - doch auch der konnte das Steuer nicht mehr herumreißen.

"Wir wollen uns wie die europäischen Länder entwickeln", sagte kürzlich Generalsekretär Sajan Chamitzhanow in einem Interview mit der Zeitung "Novoje Pokolenije". Das schließe die Angleichung der Transferperioden ebenso ein wie verstärkte Anstrengungen um Vorbereitungsspiele gegen europäische Gegner auf Vereinsebene.

Während sich im letzten Jahrzehnt der FK Aktobe mit vier Titeln zum erfolgreichsten Klub des Landes entwickelte, gilt aus historischer Sicht der FK Kairat Almaty als renommiertester Vertreter des kasachischen Fußballs. Kairat war zu Zeiten der Sowjetunion dessen einziger Vertreter in der Topliga der UdSSR, wo man sich insgesamt 24 Saisonen halten konnte. Ein siebenter Platz 1986 war das höchste der Gefühle. Kairats Glanz ist allerdings verblasst, in der jüngeren Vergangenheit steht eher Abstiegskampf auf der Tagesordnung. 2011 gab John Gregory (Ex-Aston-Villa) auf Kairats Bank den ersten englischen Coach in Kasachstan, doch der Mann hielt sich nicht einmal ein Jahr lang.

Ein Teamchef, zwei Jobs

Der 52-jährige Beránek hatte 2002 mit Tschechien die U21-Europameisterschaft gewonnen und war 2004 als Assistent von Karel Brückner mit den Großen bis ins Halbfinale vorgestoßen. 2007 führte er Debrecen zur ungarischen Meisterschaft. Beránek verweist auf die guten Leistungen kasachischer Klubs in der laufenden Europacup-Saison. Meister Schachtjor Karaganda scheiterte in der zweiten Qualifikationsrunde zur Champions League ebenso knapp an Slovan Liberec wie Ordabasy Schymkent in der Europa League an Rosenborg Trondheim. Erst Tore in der letzten Minute hatten jeweils das Aus besiegelt.

Fortschritte seien unübersehbar, meint Beránek, der selbst seit Mai 2012 neben dem Nationalteam auch den hauptstädtischen FK Astana betreut. In dessen 30.000 Zuschauer fassender Arena, bestückt mit Kunstrasen und einem beweglichen Dach obendrauf, wird Österreich am Freitag zu bestehen haben. 2009 aus zwei klammen Klubs aus Almaty zusammengeschustert, folgte - auch auf Wunsch der geldgebenden Eisenbahngesellschaft Kasachstans - flugs der Umzug in die mehr als 1.000 Kilometer entfernte Metropole. So etwas kann in autoritären Modernisierungsgesellschaften ganz schnell gehen.

Wie in der Stadt üblich, ist auch das Stadion ein architektonisches Statement. Astana wird seit seiner 1997 erfolgten Erhebung zur Hauptstadt in einer grandiosen Geste zur Metropole ausgebaut, erneut zulasten des bisherigen Schwergewichts Almaty. Es liegt im Zentrum der windigen kasachischen Steppe, heißt zu Deutsch Hauptstadt und gilt als zweitkälteste Kapitale der Welt. In dieser Disziplin allein geschlagen vom mongolischen Ulaanbaatar.

Sein und Bewusstsein

"Wir sind Außenseiter, wollen aber nicht so spielen", fasst Beránek in Worte, wie er die anstehenden Aufgaben mit seiner Mannschaft anzupacken gedenkt. Im ersten Spiel der Kampagne gegen Irland klappte das schon ganz gut. "Ein Unentschieden akzeptieren wir nicht", hatte Kapitän Kairat Nurdauletow selbstbewusst vor dem Clash mit den Trapattoni-Boys gemeint. Musste er dann auch nicht, denn was herhauskam, war ein 1:2. Allerdings ein höchst unglückliches. Nachdem Nurdauletow höchstselbst für die Führung gesorgt hatte, sah lange alles nach einem Erfolg aus, ehe der Fluch der letzten Minuten die Kasachen erneut ereilte: Keane (89.) und Doyle (90.) stellten die Angelegenheit auf den Kopf.

Auch die bisherigen Vergleiche mit Österreich verliefen relativ eng. 2011 waren ein 2:0 in Salzburg und ein 0:0 in Astana zu vermelden. Marcel Koller weiß: "Kasachstan wird nicht locker." (Michael Robausch, derStandard.at, 9.10.2012)

Kasachischer Kader:

Tor: Anton Tsirin (Akschaijk/1 Länderspiel/2 Gegentore), Andrej Sidelnikow (Aktobe/11/-18), Aleksandr Mokin (Schachter Karaganda/13/-30) 

Abwehr: Michail Roschkow (Astana/13/0), Kairat Nurdauletow (Astana/25/3), Muchtar Muchtarow (Ordabasy/11/0), Mark Gurman (Kairat Almaty/7/0), Aleksandr Kirwo (Schachter Karaganda/22/0), Konstantin Engel (Energie Cottbus/2/0), Wiktor Dmitrenko (Astana/2/0) 

Mittelfeld: Marat Chairullin (Aktobe/6/0), Anatoli Bogdanow (Tobol Kostanaj/2/0), Ulan Konisbajew (Astana/9/1), Waleri Korobkin (Astana/1/0), Baujrschan Islamchan (Taras/4/0), Baurschan Dscholtschijew (Tobol Kostanaj/2/0), Dmitri Schomko (Irtisch/1/0), Asat Nurgalijew (Sunkar Kaskelen/12/0), Pawel Schabalin (Irtisch/2/1), Heinrich Schmidtgal (Greuther Fürth/9/0), Marat Schachmetow (Astana/7/0) 

Angriff: Sergej Ostapenko (Astana/35/6), Tanat Nusserbajew (Astana/13/1), Sergej Gridin (Schachter Karaganda/9/2), Daurenbek Taschimbetow (Ordabasy/4/3)

Bisherige Resultate in der EM-Qualifikation:

Kasachstan - Irland 1:2 (1:0) Astana, Tore: Nurdauletow (37.) bzw. Keane (89./Elfmeter), Doyle (90.)

Schweden - Kasachstan 2:0 (1:0) Malmö, Tore: Elm (37.), Berg (93.)

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