Mit Milch

  • Nicht um den luftleeren Raum, aber darum, was von oben kommt, drehen sich die Texte des diesjährigen FM4-Literaturwettbewerbs Wortlaut.
    foto: fm4

    Nicht um den luftleeren Raum, aber darum, was von oben kommt, drehen sich die Texte des diesjährigen FM4-Literaturwettbewerbs Wortlaut.

"Von oben" lautete das Thema des diesjährigen FM4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Insgesamt 900 Texte wurden eingereicht, gewonnen hat den Bewerb - es war eine knappe Entscheidung - Tim R. Zazzara mit dem hier veröffentlichten Text

Aber Frazek wollte mich nicht aufgeben. Er hatte so eine Theorie, er sagte, dass die Menschen zwar etwas wollen, aber in Wirklichkeit etwas anderes. Vielleicht auch, weil ich nur noch ein Strich war und er sich genug Fett für drei Winter angefressen hatte, aber das tut nichts zur Sache.

Der eigentliche Plan war, so lange im Bett liegen zu bleiben, bis ich tot bin. Das war, bevor Frazek an einem Mittwochnachmittag im Zimmer stand, blondbraune Klobürste als Frisur, schwarzes T-Shirt, auf dem "Scheißen ist Arbeit" stand, und ich ihm sagen musste, ich ihm aufrichtig und ehrlich und ohne Übertreibung sagen musste: Verpiss dich, du Ausgeburt der Hölle, verpiss dich und komm nicht wieder.

Aber er war mit einer krankhaften Hartnäckigkeit verflucht, von Natur aus unfähig, lockerzulassen. Über O. Frazek bin ich überhaupt auf diese ganze SM-Schiene gekommen. Er selbst hatte für Fetische nichts übrig.

"Das ist wie in einem Drogenkartell", sagte er, "oder in der katholischen Kirche. Die ganz oben sind immer clean."

Ich mochte lieber den Blick durch das Glas, ich meine davor, denn damals stand das Fenster noch an meinem Bett. Ich konnte rausschauen und sah sich abwetzende Gummisohlen, reißenden Stoff und sich voneinander trennende Schnürsenkel. Fleißige Bienenmenschen in Arbeitskostümen. Ich zählte die Schritte, heute schon 10.000, und das nur vor meinem Fenster, und manchmal guckte einer geschäftig zu mir hoch und ich musste kichern, weil die Leute glaubten, dass sie mich abhängen, aber sie kamen genauso wenig vom Fleck wie ich.

Das war, bevor Frazek kam. Frazek hatte nämlich einen Job. Er sagte: Mach denselben Job wie ich, das sagte er, weil da macht man 3200 Euro im Monat steuerfrei. Fast fürs Nichtstun.

Seine Professionalität war beachtlich. Er kaufte die Fotos bei einem Geschäftspartner in Budapest. Eine gute Mischung bei den Motiven war Pflicht, mindestens dreißig mit normal bekleidetem Model, mindestens dreißig in aufreizenden Posen und/oder leichter bekleidet, damit man variieren konnte. Der Hintergrund war weniger wichtig, den änderte er mit dem Bildbearbeitungsprogramm. Einem Sklaven, aber Frazek nannte sie Kunden, einem Kunden also hatte er eine komplette Fotostrecke geschickt, in der seine fiktive Herrin eine ebenso fiktive zweiwöchige Reise in die Toskana unternahm, samt dem obligatorischen Pisaturm-Stemm-Schnappschuss.

Mit mir hatte er Größeres vor. Ich musste raus aus dem Bett, weg vom Fenster und in die Sprachtherapie, drüben im Gemeindezentrum. Da traf ich Rita, obwohl ich genauso gut Jürgen sagen könnte. Und Frau Grossmann, die hasste mich. Sie war Sprecherzieherin Dipl. und ich glaube, insgeheim hasste sie uns Tunten alle, einfach weil sie einer von diesen Regenjoggern war, einer von diesen Menschen, die sich in ihrer Benachteiligung suhlen, und sie nicht wollte, dass wir die Seiten wechseln und nachher genauso benachteiligt sind wie sie.

Das hatte ich längst hinter mir. Ich hatte so ziemlich alles hinter mir, außer im Bett liegen, rauchen und Käseravioli weichkochen. Ab und zu aß ich den einen oder anderen Ravioli auch, im Bett liegend, weil das Leben gar nicht so schlecht war, wenn man ein Kissen unter dem Kopf hatte und allein war, draußen klapperte ein eiliger Damenschuh vorbei, ich prostete mit kaltem Ravioliwasser auf die Entschleunigung, was sag ich, auf die Vollbremsung, die mein Leben hingelegt hatte. Das war davor, meine ich.

Denn nachdem Frazek kam, lag ich weniger oft im Bett, da übten wir mit Frau Grossmann (die uns insgeheim hasste), lalala und lololo, sie malte das Vokaldreieck in die Luft und dann mussten wir auf unsere Beinstellung achten, immer auf die Beinstellung, weil man mit dem ganzen Körper spricht, und wir versuchten, unsere Bässe und Baritöne in die Höhe zu schrauben, aber Frau Grossmann wackelte dann immer mit dem Kopf und sagte: Mickey Mouse hat hier nichts verloren! Und dass es nicht auf die Höhe, sondern auf die Stimmfärbung ankommt.

Dann, das war so ungefähr März, stand Rita plötzlich in meinem Zimmer. Ich bot ihr ein Bier an, aber sie wollte nur Tee, ich hatte keinen im Haus, Frazek natürlich noch weniger, ich lief rüber zum Discounter, kaufte einen Hunderterpack, und sie schlürfte die Tasse mit gespreizten Fingern leer, weil sie dachte, Mädels machen das so. Sie kam dann öfters. Nachmittags saßen wir vor dem Fenster und guckten den Passanten zu. Sie hatte kein Problem damit, wenn ich mich an den Eiern kratzte, aber jedes Mal, wenn ich "Scheiße" sagte, hüstelte sie und versuchte, rot zu werden. Dann weinte sie ein bisschen, weil Frazek reinkam und fragte, was der fette, haarige Mann in Frauenkleidern auf meinem Bett macht, und ich zu Frazek, er soll seine verdammte Fresse halten und gehen, und zu Rita, sie soll ihre verdammte Fresse halten und bleiben.

Manchmal sah sie mir beim Arbeiten zu. Ich war Profi, und meine zweite Stimme wurde langsam richtig gut. Ich weiß nicht, ob ich Rita überhaupt interessierte. Vielleicht kam sie nur wegen Jasmin. Jasmin saß auf dem Boden und hielt die lackierten Fußnägel in die Webcam oder drohte einem Kunden fürchterliche Strafen an, die ich (nicht zuletzt aufgrund der Entfernung) gar nicht wahrmachen konnte oder wollte. Rita saß auf dem Bett, ahmte jede meiner Gesten nach und murmelte die Sätze leise vor sich hin. Sie stellte auch Fragen. Wie ich es hinkriege, die Arme "so weiblich" zu verschränken, keine Ahnung, Naturtalent, sagte ich, oder wie man am besten Haare entfernt oder über Kosmetika oder den richtigen Hüftschwung, bis ich ihr sagte, dass ich hier arbeite und dass sie sich verpissen soll, ehrlich, dass sie sich verpissen soll, wenn sie während meiner Arbeitszeiten quatscht, aber plötzlich. Danach kam Rita nicht mehr.

Das war Mai und ungefähr die Zeit, wo ich aufhörte, ins Gemeindezentrum zu gehen - meine Stimme war gut genug - und dann hörte ich ganz auf zu sprechen und dann kam der Tag, wo ich die Webcam in den Schrank sperrte und die Frauenkleider wegschmiss, und dann stand Frazeks grinsendes Gesicht wieder bei mir im Zimmer, aber diesmal besorgt, und er sagte: Mach den Job weiter, du bist die beste Domme diesseits der Donau, ich besorg dir Kunden, die zahlen fürs Ignoriertwerden, ich besorg dir Schwerstabhängige, 5000 sind drin, zieh das durch, 5000 geile, glänzende Münzchen, sagte er - ich schätze, er stand auch auf Verbalerotik der finanziellen Sorte.

Ich eroberte lieber mein Bett zurück. Ich schleppte es wieder ans Fenster, es wurde Sommer, die Köpfe nahmen zu. Sie waren noch schneller als früher, ich noch langsamer, aber es hatte seinen Reiz verloren. Ich fing an, sie mit Bierdosen und Erdnusspackungen zu bewerfen, und dann stand die Polizei in der Küche und nahm Frazek und seinen Computer mit, was gut war, weil er mir nicht mehr auf die Nerven ging. Ich kochte weiter Ravioli, die landeten auch auf der Straße, und jetzt, wo Frazek weg war, merkte ich gar nicht, wie dünn ich bin, was Vorteile hat. Abends malte ich mit den Fingern Scherenschnitte an die Decke. Es kam immer nur ein hässlicher Köter heraus.

Irgendwann war die Sonne weg und es fing zu regnen an, dann fiel der erste Schnee und Rita stand wieder im Zimmer. Sie hatte das mit der OP nicht durchgezogen, weil sie wieder Männerkleider trug.

Ich sagte ihr, dass jetzt ungefähr Dezember sein müsste, plus minus einen Monat, und dass der Plan ist, im Bett zu bleiben, bis ich weiß, warum alle so schnell rennen, und jetzt hau ab, aber zackig.

Sie guckte den Boden an und fragte, ob ich Tee habe.

Da musste ich aus dem Bett raus und sie fragen, was sie eigentlich glaubt und was das mit uns soll. Selbst wenn wir so etwas wie Freundschaft deklarieren müssten, wüssten wir nicht einmal, ob wir uns als Kumpel oder Süße ansprechen sollen, oder was auch immer, und überhaupt, ich mache das nur beruflich, und nicht mal das mehr, und ob du dich jetzt endlich verpissen würdest, fragte ich, ob du dich nicht ein für alle Mal verpissen würdest, und Zucker oder Milch in den Tee?

Sie sagte, mit Milch, wenn's recht ist.

Ich lief rüber zum Discounter.
(Tim R. Zazzara, Album, DER STANDARD, 6./7.10.2012)

Tim R. Zazzara, geb. 1983, Studium der Slawistik und Politikwissenschaft in Regensburg. Lebte in Italien, Tschechien und Deutschland. Dies ist seine erste literarische Veröffentlichung.

Die Texte der zehn Autoren, die es auf die Wortlaut-Shortlist schafften, erscheinen dieser Tage unter dem Titel "Wortlaut 12. von oben" (Herausgegeben von Zita Bereuter und Martina Bauer) im Luftschacht-Verlag in Buchform.

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