Völkerverständigung über der Kitschgrenze

Patricia Petibon und das Orquesta Nacional de España gastierten in Wien

Wien - Schon als Kind habe sie sich von der spanischen Kultur angezogen gefühlt, erklärt Patricia Petibon im Booklet ihrer neuen CD Melancolía (Deutsche Grammophon / Universal Music). Praktischer- und auszugsweise fand sich dieser Text gleich auch im Programm des Wiener Konzerthauses, wo die Sopranistin - rote Haare, rotes Kleid - am Donnerstag gemeinsam mit dem Spanischen Nationalorchester gastierte.

"Übertreibung und Feinsinn sind hier untrennbar miteinander verbunden", stellt die Sängerin in besagtem Text fest, und auch ihre Eigenarten als Interpretin ließen sich mit diesen Worten ganz gut charakterisieren: Petibon verfügt über eine nicht allzu große, wenn auch in den vergangenen Jahren deutlich gewachsene Stimme, die es im Großen Saal nach wie vor nicht leicht hat - zumal wenn es darum geht, sich gegenüber einem großen und unter dem Dirigat von Josep Pons auch oftmals lauten Orchester Gehör zu verschaffen.

Anschmiegsame Phrasen

Sie besitzt dennoch eine große Tragfähigkeit und ungeheure Flexibilität im Piano, setzt ansatzlose und beinahe vibratolose Töne ein, modelliert anschmiegsame Phrasen. Und sie sendet dabei ein gerüttelt Maß an Emotionalität in den Saal, der man freilich stets anmerkt, dass die Intensität vor allem der Lust am Rollenspielen geschuldet ist und weniger einem individuellen Gefühlsstriptease.

Ihre Wehklagen rund um die Melancholie ließ sie also der Musik von Enrique Granados und Konsorten angedeihen; und damit der französisch-spanische Grenzgang fortgesetzt werde, spielte das Orchester eingangs Ravels Rapsodie espagnole und am Ende Debussys unvermeidliches La Mer - recht pompös grundiert, aber immerhin mit mancher Finesse und dem deutlichen Willen zu markanter Gestik.

Viel übertriebener Feinsinn drang auch aus den Melodías de la Melancolía von Nicolas Bacri, bei denen eine charmante Dame zu Recht ihrer Verwunderung über das Entstehungsjahr 2010 freien Lauf ließ: Viel eher klangen diese für Petibon komponierten Szenen, als ob jemand Gabriel Fauré beerben und mit aller Kraft auf die Tränendrüse drücken wollte.

Freilich sang Petibon auch dies betörend, aber zuweilen um des Betörens willen, was für besondere Feinspitze wohl auch verstörend sein kann. Einige wenige besonders verständige Musikfreunde verließen das Konzerthaus bereits in der Pause; der Saal tobte.  (Daniel Ender, DER STANDARD, 6./7.10.2012)

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