"Mein Großvater wollte niemals um einen Pass bitten"

  • Die israelische Regisseurin Yael Ronen im Grazer Schauspielhaus, wo sie in "Hakoah Wien" ab nächster Woche viel von ihrer Familiengeschichte erzählt. Und von der "Ambivalenz mehrerer Identitäten".
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    foto: lupi spuma

    Die israelische Regisseurin Yael Ronen im Grazer Schauspielhaus, wo sie in "Hakoah Wien" ab nächster Woche viel von ihrer Familiengeschichte erzählt. Und von der "Ambivalenz mehrerer Identitäten".

Die israelische Regisseurin Yael Ronen zur Uraufführung ihres Stücks "Hakoah Wien"

Graz - Familie, Emigration, Nationalgefühl, Fußball und Männlichkeit: Das sind die Themen, um die sich das Stück Hakoah Wien der israelischen Regisseurin Yael Ronen drehen wird. Es wird nächste Woche am Schauspielhaus Graz uraufgeführt.

Die 37-Jährige wurde mit den Stücken Third Generation (2008) und The Day Before the Last Day (2011), beides Koproduktionen der Berliner Schaubühne mit dem Habima National Theater aus Tel Aviv, international bekannt. Ihr neues Stück hat viel mit ihrer Familiengeschichte zu tun.

"In unserer Familie sind alle am Theater, außer die Katze und mein dreijähriger Sohn", erzählt Ronen dem Standard lachend. Ihr Vater, Ilan Ronen, ist der künstlerische Leiter des Habima Theaters in Tel Aviv, Bruder Michael Ronen ist Regisseur, die Mutter war Schauspielerin, und Ronens Ehemann ist Schauspieler.

Doch die Geschichte, die Hakoah Wien erzählt, geht eine Generation zurück. Sie spielt in den 1930er-Jahren, als ein junger Wiener Zionist namens Fröhlich davon träumt, nach Tel Aviv zu gehen. Und sie verschränkt sich mit der Geschichte des Enkels, einem Israeli, der 2012 dem Militärdienst entkommen und österreichischer Staatsbürger werden will.

Tatsächlich hießen Ronens Urgroßeltern Fröhlich (was auch die Bedeutung von Ronen auf Hebräisch ist) und lebten als Pelzfabrikanten in Wien. Einer ihrer Söhne, ein Athlet (kein Fußballer) des jüdischen Sportklubs Hakoah, war glühender Zionist.

Das war Ronens Großvater. "Seine Idee, in die Wüste zu gehen, war für seine Eltern eine lächerliche Hippie-Fantasie", sagt Ronen, "sie wollten, dass er das Geschäft übernimmt." Dass er 1936 ging und auch seine sechs Geschwister, später seine Eltern folgten, rettete die ganze Familie.

Im Stück tritt Ronens Bruder, der Regisseur Michael, ausnahmsweise als Schauspieler auf. Denn er ist der Enkel, der - wie auch Yael und Ilan Ronen - heute einen österreichischen Pass hat. Man wartete damit, bis der Großvater gestorben war. "Das Seltsame daran ist", sagt Yael Ronen, "dass mein Großvater jedes Jahr in Österreich auf Urlaub war, aber niemals um einen Pass bitten wollte. Ich hingegen bin seit einigen Jahren Österreicherin und bin heuer das erste Mal hier."

Graz findet die Regisseurin "sehr entspannt, es hat schon fast italienisches Flair und erfüllt keines der negativen Klischees, die ich kannte". Welche waren das? Juden mit deutschen oder österreichischen Wurzeln, den Jeckes, sage man in Israel nach, "dass sie überordentlich und arrogant sind und sich etwas auf ihre Kultur, ihre Musik einbilden, auch wenn sie nichts mit Deutschland und Österreich zu tun haben wollen" , erklärt Ronen.

"Die Ambivalenz solcher Identitäten in einem" faszinieren Ronen. Sie besuchte auch den S. C. Hakoah in Wien und das Haus, das die Fröhlichs einst bewohnten. Dort traf man auf einen Mann, der sich an die Familie erinnern konnte. "Er war in den 1930ern ein Bub. Ich kann nicht Deutsch, aber mein Bruder hat mit ihm gesprochen, es war berührend."

Auch sie denke manchmal an Emigration: "Mein Mann ist palästinensischer Israeli. Wir leben zwar in der linken Künstler-Blase Tel Aviv, aber man fragt sich halt, ob man ein Kind im Klima eines drohenden Krieges aufziehen will."      (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 6./7.10.2012)

Schauspielhaus Graz, ab 13. 10.

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3 Postings
... ist zwar schon etwas älter, das Interview

aber krass finde ich den lapidaren Satz: "ich war dieses Jahr zum ersten Mal hier, obwohl ich einen österreichischen Pass habe.."
Fragt sich, wieso dann alle Einwanderer derartig gepiesackt werden in Österreich bevor sie überhaupt wenigstens mal Aufenthaltserlaubnis erhalten, aber da --- KEIN PROBLEM!! gerade als Theaterautorin wäre mir diese Diskrepanz außerordentlich peinlich und würde ich, darauf angesprochen, auch ein politisches Statement geben.

Oder: bei uns sind alle beim Theater ... ach wie lustig!

Aber dies gehört wohl zur "Tel-Avis-Intellektuellenblase": Hauptsache mir gehts gut. Sehr unangenehem, wirklich unangenehm so ein Auftritt. Als ginge es in künstlerischen oder intellektuellen Berufen nicht auch um etwas anderes...

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