Deserteursdenkmal: Standort lange Bank?

5. Oktober 2012, 19:54
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Zur Haltung der Stadt Wien aus Sicht der Projektbetreiber

Man sei von der Sinnhaftigkeit des Vorhabens "überzeugt" und mit seiner Umsetzung "völlig im Plan" ließ Kulturstadt Mailath-Pokorny im Standard (2. 10.) ausrichten.

Schön, dass wenigstens der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny glaubt, dass das Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz "völlig im Plan" sei.

Wir sehen das anders. Nicht zuletzt deshalb, weil wir in den vergangenen zwei Jahren bei jeder einzelnen Projektkommissions- und Arbeitsgruppensitzung zur Frage des Deserteursdenkmals anwesend waren. Allen diesen Terminen war eines gemeinsam: der fehlende Zug zum Tor. Seit zwei Jahren halten uns die politischen Entscheidungsträger hin.

Und überhaupt: welcher Plan? Der Stadtrat spricht zwar gern davon, dass das Denkmal noch im Jahr 2013 enthüllt werden soll, hüllt sich selbst aber in vielsagendes Schweigen, was verbindliche Umsetzungs-, Budget- und Zeitpläne betrifft. Alle inhaltlichen Vorarbeiten sind seit April 2012 abgeschlossen. Seither liegt das Projekt auf Eis, weil die Politik ihre Verantwortung nicht wahrnimmt und sich um die Standortentscheidung drückt, von der aber das gesamte weitere Vorgehen abhängt. Wo bleibt der Gestaltungswettbewerb, das Ausschreibungsprozedere, der ästhetisch-konzeptive Diskurs, das historisch-inhaltliche Arbeiten mit den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern?

Der Helden- hat sich in den letzten Monaten zu einem Spielplatz divergierender Interessen entwickelt. Die Begehrlichkeiten reichen von der Umgestaltung der Krypta im Äußeren Burgtor über den Wunsch nach Autofreiheit bis hin zur Errichtung eines Tiefspeichers für die Nationalbibliothek. Die Gemengelage ist dermaßen verworren, dass mit einem Ende der Verhandlungsprozesse über die Zukunft des Heldenplatzes in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist.

Darüber hinaus kommt die Integration des Deserteursdenkmals in das Ensemble des Burgtors für das Personenkomitee nicht in Frage, da es kein gemeinsames Gedenken an Wehrmachtssoldaten und Wehrmachtsdeserteure geben kann.

Das Personenkomitee spricht sich daher für eine pragmatische, aber würdige Lösung aus, die auch zügig umgesetzt werden kann, und fordert die Errichtung des Deserteursdenkmals auf dem Ballhausplatz, in der Einbuchtung des Volksgartens zwischen Bundeskanzleramt und Präsidentschaftskanzlei. Das Grundstück befindet sich im Eigentum der Stadt Wien, war schon mehrere Male als Denkmalsstandort vorgesehen und erfüllt auch hinsichtlich des Symbolcharakters alle Anforderungen an eine Republik, die ihre vergangenheitspolitische Verantwortung ernst nimmt.

Diesen Ernst lässt die Stadt Wien derzeit vermissen. Völlig unverständlich, wenn man sich das Alter der letzten Überlebenden und das jahrzehntelange Versagen Österreichs in dieser Frage vor Augen führt. (Thomas Geldmacher, DER STANDARD, 6.10.2012)

Thomas Geldmacher, Obmann des Personenkomitees "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz"

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