In der Welt unterwegs

Interview | Ingo Petz
5. Oktober 2012, 19:04
  • Der neuseeländische Bestsellerautor Lloyd Jones: "Identität ist nie klar, aber in Neuseeland ist sie noch weniger klar als anderswo."
    foto: rowohlt-verlag

    Der neuseeländische Bestsellerautor Lloyd Jones: "Identität ist nie klar, aber in Neuseeland ist sie noch weniger klar als anderswo."

Der neuseeländische Schriftsteller Lloyd Jones über die Literatur seiner Heimat, Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse

Standard: In Ihrer Jugend waren Sie wie jeder neuseeländische Bub Rugbyspieler. Heute sind Sie Schriftsteller. Was hat der Schriftsteller vom Rugbyspieler gelernt?

Jones: Sport, Kunst und auch das Schreiben haben viel gemeinsam. Du musst immer wieder aufstehen, darfst dich nicht von blauen Flecken oder Niederlagen unterkriegen lassen. Beim Rugby musst du dir Entscheidungsräume erspielen. So ist es auch in der Kunst. Du musst dich ständig selbst motivieren und brauchst viel Disziplin. Disziplin habe ich beim Rugby gelernt. Ohne die könnte ich heute nicht schreiben.

Standard: Für ein Land mit lediglich rund 3,5 Millionen Einwohnern hat Neuseeland heute viele Schriftsteller. Als Sie anfingen, war die Schriftstellerei etwas, wovon man leben konnte?

Jones: Nein. Als ich aufgewachsen bin - das war in den Fünfzigern und Sechzigern - waren die Bibliotheken ein lebendiger Teil der Kultur in den Gemeinden. Als Kinder hatten wir Büchereikarten, mit denen wir Zugang zur Welt der Bücher hatten. Charles Dickens war der Größte für mich. Sport und Lesen gehörte von klein auf zu meinem Leben. Mein Vater arbeitete als Schweißer. Für ihn wäre es unvorstellbar gewesen, als Schriftsteller überleben zu können. Meine Muter förderte das Lesen. Als sie noch zur Schule ging, hatte ihr eine Lehrerin gesagt, dass sie eines Tages mal eine Schriftstellerin sein werde. Sie hatte wohl einen guten Aufsatz geschrieben. Das erzählte sie noch, als sie 70 war: Ich werde eine Schriftstellerin sein.

Standard: Hat sie denn jemals etwas geschrieben?

Jones: Als sie 70 war, hat sie mal einen Schreibkurs besucht. Aber das Ergebnis hat sie mir nicht gezeigt. Aber was ich noch sagen wollte. Das neuseeländische Verlagswesen war lange steinzeitlich. Es wurden in den Sechzigern nur eine Handvoll neuseeländischer Bücher veröffentlicht. Der Rest kam aus Großbritannien, von dem wir damals noch viel stärker abhängig waren. Schriftsteller wie Frank Sargeson konnten nur existieren, weil ein befreundeter Doktor ihm eine Krankheit bescheinigte und er so Geld vom Staat bekam. Wie auch Janet Frame. Heutzutage haben wir in Neuseeland Preise und Stipendien und ein Verlagswesen, das auch heimische Bücher verkauft. Dieser Betrieb hat nicht die Ausmaße wie der deutschsprachige Raum. Aber es hilft. Ich hätte ja nie erwartet, dass man mich hier für Lesungen bezahlt. Aber es gibt sogar Honorare. Unglaublich!

Standard: Ab wann hat sich ein Literaturbetrieb entwickelt?

Jones: In den Siebzigern begann eine Modernisierung. Damals lobte der Queen Elizabeth Arts Council Stipendien und Fördergelder aus. Die große Entwicklung gab es in den Achtzigern, als die großen internationalen Verlage wie Random House oder Penguin begannen, Filialen in Neuseeland aufzubauen. Es begann ein Jahrzehnt, in dem unglaublich viele Bücher veröffentlicht wurden. Die Verlage erhofften sich, auf dem neuseeländischen Markt ihre internationalen Bestseller zu verkaufen - was funktionierte. Aber es gingen kaum neuseeländische Bücher in die internationale Welt. Und überleben kann man als neuseeländischer Autor bis heute nur, wenn man es auf den internationalen Markt schafft.

Standard: Auch Sie veröffentlichten Ihr erstes Buch in den 80ern.

Jones: Ja, 1985, da war ich 29 Jahre alt. Ich wollte immer Schriftsteller werden, wusste aber nicht wie. Ich erinnere mich, dass ich mir auf einer Reise in San Diego ein Buch von Hemingway mit seinen Reportagen kaufte. Da ging mir ein Licht auf. Ich sagte mir: Du musst Reporter werden, dann wirst du schon zum Schriftsteller.

Standard: Manche halten den Journalismus für einen schlechten Weg in die Literatur.

Jones: Irgendwann muss man sich vom Journalismus emanzipieren. Aber mir hat der Journalismus geholfen, ein Auge für wichtige Details zu entwickeln. Erzählende Details, die Menschen charakterisieren oder Situation beleuchten. Das habe ich im Journalismus gelernt. Zudem passt der Beruf zu mir, weil ich es liebe, mir Landschaften zu erwandern, in denen meine Geschichten stattfinden. Ich mag es, in der Welt unterwegs zu sein. Alle meine Geschichten kommen nicht aus der reinen Fantasie. Sie haben einen Bezug zu irgendetwas, was ich erlebt oder gesehen habe.

Standard: Ab wann konnten Sie vom Schreiben leben?

Jones: Ich hatte mir nie vorstellen können, vom Schreiben leben zu können. Ich stand als Journalist schon um vier Uhr morgens auf, um an meinem Buch zu arbeiten. Danach ging ich zur Arbeit. Ich musste eine Familie ernähren. Aber ich musste auch schreiben. Als mein erstes Buch veröffentlicht wurde, war ich überrascht, sogar beschämt, als ich einen Scheck bekam. Alles Weitere hat sich entwickelt, wobei ich viel Glück hatte und großzügig gefördert wurde. Erst mit meinem Buch "Mister Pip", das 2007 erschien, habe ich Geld verdient, das mir ein halbwegs sorgenfreies Leben ermöglicht. Da war ich schon 52.

Standard: 2007 waren Sie als Stipendiat der neuseeländischen Regierung für ein Jahr in Berlin. Ist aus diesem Aufenthalt "Die Frau im blauen Mantel" entstanden, wo es um eine Afrikanerin geht, die auf der Suche nach ihrem Sohn als Flüchtling von Tunesien nach Berlin kommt.

Jones: Ohne Berlin wäre dieses Buch nie entstanden. Als ich nach Berlin kam, musste ich neue Wege in einer neuen Welt finden. Ein solcher Weg führte mich zum Alexanderplatz, wo Roma Musik machten und bettelten. Ich habe sie wochenlang beobachtet, auch die Leute, wie sie auf die Roma reagierten. Zeitgleich las ich in einer Zeitung die furchtbare Geschichte von 26 afrikanischen Flüchtligen, die im Mittelmeer trieben und von einem Fischerboot gefunden wurden. Auf dem Fischerboot kontaktierte man den Besitzer des Bootes, der in Malaga saß und die Crew anwies, die Flüchtlinge auf keinen Fall an Bord zu lassen, ihnen kein Wasser oder Essen zu geben. Sie seien ein Sicherheitsrisiko. Also zog das Boot diese armen Schweine nach Malaga, während sie sich ans Netz krallten. Und sie hatten mit Sicherheit noch nie das Meer gesehen. Die spanischen Behörden lehnten es ab, sie aufzunehmen und brachten sie wieder raus aufs Meer, wo sie schließlich von den Italienern aufgenommen und nach Lampedusa gebracht wurden. Aus dieser Nachricht entstand schließlich die Heldin meines Buches, die am Strand in Italien landet.

Standard: Diese Frau betrügt die Leute, die ihr helfen. Es wird also die Frage aufgeworfen, wie weit man selbst geht, um ein Ziel zu erreichen - in diesem Fall, den Sohn zu finden. Wenn man sich Ihre anderen Bücher ansieht, könnte man meinen, es ist immer die Frage nach Identität und wie sie sich konstituiert, die Sie interessiert.

Jones: Ja. In dem Fall dieses Buches: Die Frau hat keine Identität, sie hat kein Gesicht. Sie ist noch nicht mal die Herrin ihres Schicksals. Das liegt in den Händen von anderen. Aber durch unsere Meinungen, Geschichten und Haltungen über diese Frau geben wir ihr eine Identität, die aber sehr unwirklich, verschwommen und unglaubwürdig ist.

Standard: Als Neuseeländer kommen Sie aus einem klassischen Einwanderungsland, das unerkannt am Ende der Welt liegt.

Jones: Neuseeland liegt im Südpazifik, wohin wir Weiße durch die Kolonialisierung gekommen sind. In eine fremde Kultur. Neuseeland ist eine junge Nation, von klein auf wurdest du mit der Frage "Wer bist du?" konfrontiert. Heute zeigt sich ein noch viel bunteres Bild in Neuseeland. Es gibt mehr Einwanderer aus asiatischen Ländern. Identität ist nie klar, aber in Neuseeland ist sie noch weniger klar als anderswo.

Standard: Ist auch die neuseeländische Literatur in den vergangenen Jahren bunter geworden?

Jones: Ich wünschte, sie wäre vielfältiger geworden. Aber sie repräsentiert in keiner Weise die Zusammensetzung der Gesellschaft. Diejenigen mit europäischem Hintergrund dominieren die Literatur. Maori und Polynesier sind unterrepräsentiert - was auch daran liegt, dass das schriftliche Erzählen nicht in ihrer Tradition liegt. Ich denke, die Herausforderung für die Zukunft unserer Literatur ist es herauszuarbeiten, was der Unterschied zwischen einem britischen und neuseeländischen Roman sein kann. Wir leben an einem Ort, der seine Geschichte und Traditionen hat. Vielleicht kann die neuseeländische Literatur der Zukunft das stärker manifestieren.

Standard: Kann der Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse das befördern?

Jones: Das hoffe ich sehr. Wir müssen uns mehr fragen, wer wir sind, woher wir kommen, und wer wir literarisch sein wollen. So eine Präsentation mit weltweiter Beachtung kann so einen Prozess in Gang setzen.
(Ingo Petz , Album, DER STANDARD, 6./7.10.2012)

Lloyd Jones, 57-jähriger Schriftsteller, ist mit seinem Roman "Mister Pip" international bekanntgeworden. Der Roman wurde gerade von Andrew Anderson verfilmt. Auf Deutsch ist sein neuer Roman "Die Frau im blauen Mantel" (Rowohlt-Verlag) erschienen. Jones gehört zu den international bekanntesten Prosaschriftstellern Neuseelands.

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