Menschen sind keine Pferdchen

Kolumne5. Oktober 2012, 18:54
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Der Markt neigt dazu, Arbeitsplätze und Chancen auf eine Weise umzugestalten, die niemand vorhersehen kann

Eine wiederkehrende Furcht seit Anbruch des Industriezeitalters ist, dass der technologische Wandel Massenarbeitslosigkeit auslöst. Neoklassische Ökonomen haben prophezeit, dass dies nicht passieren würde, weil die Menschen eine andere Arbeit finden würden, wenn auch nach einer Phase schmerzhafter Anpassung. Das hat sich im Großen und Ganzen als korrekt erwiesen.

Die zweihundert Jahre Innovation seit Beginn des industriellen Zeitalters haben den Bürgern in großen Teilen der Welt einen steigenden Lebensstandard verschafft, ohne dass die Arbeitslosigkeit tendenziell stark gestiegen wäre. Zwar gab es viele Probleme - insbesondere Phasen atemberaubender Ungleichheit und schrecklicher Kriege -, alles in allem leben die Menschen in großen Teilen der Welt aber länger, haben kürzere Arbeitszeiten und führen gemeinhin ein gesünderes Leben.

Unbestreitbar ist, dass sich der technische Wandel beschleunigt hat, mit der potenziellen Folge profunderer Verzerrungen. Der Ökonom Wassily Leontief äußerte 1983 seine Sorge, dass das Tempo des Wandels so schnell sei, dass viele Arbeitnehmer, die sich nicht anpassen können, schlicht nicht mehr benötigt würden - wie Pferde nach dem Aufkommen des Automobils. Angesichts steigender Löhne in Asien sind die Werksleiter inzwischen selbst in China auf der Suche nach Möglichkeiten, Arbeiter durch Roboter zu ersetzen.

Ein eigenartiges, aber lehrreiches Beispiel bietet uns die Welt des Profischachs. In den 1970er- und 1980er-Jahren hatten viele Angst, dass die Spieler ausgedient hätten, wenn Computer irgendwann besser Schach spielen würden als Menschen. Schließlich besiegte 1997 der IBM-Computer Deep Blue den damaligen Weltmeister Gary Kasparow. Kurz darauf fingen potenzielle Schachsponsoren an, sich gegen die damals üblichen millionenschweren Summen für die Ausrichtung von Schachturnieren zwischen Menschen zu sträuben. Ist nicht der Computer jetzt Weltmeister, fragten sie?

Die Topspieler verdienen im Schach heute immer noch gut, wenn auch weniger als zu Spitzenzeiten. Zugleich verdienen Spieler der zweiten Garnitur bei Wettkämpfen und Schauturnieren inzwischen real sehr viel weniger als in den 1970er-Jahren. Trotzdem ist etwas Seltsames passiert: Es bestreiten heute sehr viel mehr Menschen ihren Lebensunterhalt als Berufsschachspieler als je zuvor. Dank Computerprogrammen und Online-Partien gibt es in vielen Ländern gar einen Schachboom. Armenien und Moldau etwa haben Schach sogar per Gesetz im schulischen Lehrplan verankert. Infolgedessen erzielen heute tausende Spieler ein überraschend hohes Einkommen, indem sie Kindern Schach beibringen.

Natürlich sind die Faktoren, die den Markt für Schacheinkommen bestimmen, komplex, ich habe die Situation grob vereinfacht. Der springende Punkt jedoch ist, dass der Markt dazu neigt, Arbeitsplätze und Chancen auf eine Weise umzugestalten, die niemand vorhersehen kann.

Andererseits ist eine gewisse Zunahme der Arbeitslosigkeit aufgrund des technologischen Wandels durchaus wahrscheinlich, insbesondere in Europa, wo eine Vielzahl starrer Regelungen eine reibungslose Anpassung verhindert. Die hohe Arbeitslosigkeit der vergangenen Jahre jedoch dürfte in erster Linie auf die Finanzkrise zurückzuführen sein und irgendwann auf ihre historischen Vergleichswerte zurückgehen. Menschen sind keine Pferdchen. (Kenneth Rogoff, DER STANDARD; 6.10.2012)

Autor

Kenneth Rogoff ist Professor für Volkswirtschaft und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des IWF. © Project Syndicate, 1995-2012. Aus dem Eng lischen von Jan Doolan.

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