"Ich habe nie eine Wahl verloren"

Interview5. Oktober 2012, 18:27
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Der Herausforderer von Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez, Henrique Capriles, will nach seinem Sieg korrupte Beamte entlassen. Enteignungen könnten rückgängig gemacht werden, sagte er Sandra Weiss

Standard: Wie ist Ihre Bilanz der bolivarischen Revolution?

Capriles: Ich habe bei meinen Besuchen in mehr als 300 Gemeinden viel Frust über die Ineffizienz dieser Regierung erlebt. Nach 14 Jahren unerfüllter Versprechen ist die Zeit abgelaufen. Nach 14 Jahren sagt diese Regierung, dass es nicht wichtig ist, Wasser, Strom oder Sicherheit zu haben, sondern dass das Wichtigste die Revolution ist. Diese Regierung fing mit guten Absichten an, aber ihr Kandidat wurde trunken von der Macht.

Standard: Und wie garantieren Sie, dass Sie nicht ebenfalls den Verlockungen der Macht erliegen?

Capriles: Je mehr Macht man hat, desto mehr Verantwortung. Man darf die Demut nicht verlieren, und man muss sich bewusst sein, dass die Macht endlich ist. Deshalb bin ich auch ein Gegner der unbegrenzten Wiederwahl von Präsidenten. Eine einzige Wiederwahl ist ausreichend.

Standard: Caracas ist eine der gewalttätigsten Städte der Welt. Was wollen Sie dagegen machen?

Capriles: Die Justiz muss effizi enter und transparenter werden. Dass Richter sich korrumpieren oder für ein politisches Projekt vereinnahmen lassen, muss beendet werden. Unser Sicherheitsproblem ist hausgemacht, und die Kriminellen müssen entwaffnet werden. Wir müssen auf Prävention setzen, also mehr in Sport, Bildung und Kultur investieren. Dann brauchen wir 100.000 neue Polizisten.

Standard: Wie wollen Sie die Korruption bekämpfen?

Capriles: Mit hartem Durchgreifen. Diese Regierung belohnt Korrupte mit Botschafterposten oder anderen öffentlichen Ämtern. Ich werde keinen der korrupten Verantwortlichen dieser Regierung auf seinem Posten lassen. Der Erste, der gehen muss, ist Erdölminister Rafael Ramírez, und ich bin sicher, dass im staatlichen

Standard: Was passiert mit den Farmen und Betrieben, die unter Chávez enteignet wurden?

Capriles: Die Enteignungen waren ein wirtschaftliches Desaster. Manche Firmen sind pleite, andere bezahlen ihre Arbeiter nicht, dritte produzieren nur noch einen Bruchteil ihrer Kapazität. Jeden Fall muss man einzeln prüfen und dann entscheiden, ob reprivatisiert wird oder was es sonst für Lösungen gibt.

Standard: Umfragen sagen ein knappes Ergebnis vorher, und manche zweifeln, ob der Unterlegene das Ergebnis anerkennen wird.

Capriles: Hier will niemand ein Abenteuer, aber wenn die Regierung das Resultat nicht anerkennt, wird sie sich gegen das Volk stellen. Ich habe nie eine Wahl verloren, aber ich habe sie mir auch nie stehlen lassen. Ich meinerseits werde den Willen des Volkes akzeptieren und hoffe, dass auch die Regierung sich verpflichtet, am Wahltag keine Gewalt zu provozieren und dafür zu sorgen, dass es vor den Wahlzentren keine Aufrührer und Propaganda gibt. (DER STANDARD, 6.10.2012)

Zur Person: Henrique Capriles Radonski (40) ist Gouverneur des venezolanischen Bundesstaates Miranda und gemeinsamer Kandidat des Oppositionsbündnisses Mesa de la Unidad Democrática für die Präsidentschaftswahl am Sonntag. Er ist der Enkel einer jüdischen Polin, die vor dem Holocaust nach Venezuela floh.

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    Henrique Capriles Radonski greift nach den Sternen: Gewinnt der Unternehmersohn die Wahl am Sonntag, wäre er der jüngste Präsident Venezuelas.

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