Exzerpte und Schwarten

Bert Rebhandl
5. Oktober 2012, 17:49
  • Navid Kermani 2011 in Wien anlässlich einer "Dein Name"-Lesung im Akademietheater.
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    foto: apa/herbert neubauer

    Navid Kermani 2011 in Wien anlässlich einer "Dein Name"-Lesung im Akademietheater.

Von 10. bis 14. Oktober findet die Frankfurter Buchmesse statt. Über einen neuen Typus Schriftsteller am Beispiel des nächsten Kleistpreisträgers Navid Kermani. Ein Porträt

Neulich war Navid Kermani in Syrien. Er kam mit einem Journalistenvisum, um einen Bericht für "Die Zeit" zu recherchieren. Mit den Taxifahrern, die ihn an Checkpoints vorbei in die ärmeren und vorwiegend sunnitischen Viertel von Damaskus brachten, sprach er vermutlich Arabisch, auch wenn er auf diesen Aspekt seiner Recherchen in dem vergangene Woche veröffentlichten Bericht nicht ausdrücklich eingeht.

In einer Szene, die eine etwas ausführlichere Beschreibung verdient hätte, drängen sich vier Soldaten in das Taxi, in dem Kermani unterwegs ist. Sie sind, so behauptet der Fahrer später, Angehörige der "Shabiha", jener berüchtigten Miliz, die für die vielen Verbrechen in der unübersichtlichen Situation des syrischen Aufstands verantwortlich gemacht wird.

Dass sie ihn offensichtlich nicht als Journalisten erkannten, hat mit der Herkunft von Kermani zu tun. Seine Eltern kamen aus dem Iran nach Deutschland, er selbst wurde in Siegen geboren, also in der tiefen westdeutschen Wohlstandsprovinz. Er steht für die Erfolge der Bildungsgeschichte der Bundesrepublik, aufgrund seiner Herkunft steht er aber eben auch immer noch, wie er es selbst mit sarkastischer Pauschalität immer wieder zum Ausdruck bringt, für den Islam.

Im November wird er in Berlin mit dem Kleistpreis ausgezeichnet werden, die Laudatio wird der CDU-Politiker Norbert Lammert halten. Dass ein Kriegsreporter einen Literaturpreis bekommt, oder umgekehrt: dass ein Schriftsteller aus Krisenregionen berichtet, ist für deutschsprachige Verhältnisse an sich schon ungewöhnlich genug, wo man den reisenden und investigierenden Schriftsteller vom Typus eines Jonathan Littell oder William T. Vollman noch immer häufig unter die Kategorie Abenteurer rechnet und damit eher auf die Seite Karl Mays schlägt. Doch im Falle Kermanis ist die Sache sogar noch vielschichtiger. Er hat auch noch eine wissenschaftliche Karriere als Orientalist, und mit seinen beiden aktuellen Buchveröffentlichungen dieses Herbsts betätigt sich er sich als Intellektueller ("Vergesst Deutschland!") und als Literaturtheoretiker ("Über den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe").

Vorzeichen der Fiktionalität

Grund genug also, sich diesen Mann mit den vielen Talenten einmal genauer anzusehen und ein wenig zu überlegen, ob sich hier vielleicht ein neuer Typus des literarischen Intellektuellen ausmachen lässt, einen, der nicht von seiner Schreibkompetenz auf gesellschaftlichen Durchblick kommt, sondern der biografisches, akademisches, kulturelles Wissen in neue Genres einbringt.

Ich hätte Navid Kermani dazu gern auch ein paar Fragen gestellt, aber zu einem Interview kam es aus terminlichen Gründen nicht, über ein paar E-Mails gelangten wir nicht hinaus. Diese Woche ist Kermani in Kairo, wenn er in Deutschland ist, dann zuerst einmal in Köln, wo er seinen Hauptwohnsitz hat. Seine Zuneigung zu dem krisengeschüttelten lokalen Fußballclubs 1. FC Köln hat er in einem Text für eine Lokalzeitung einmal spielerisch mit seiner schiitisch geprägten Affinität zu einer Kultur der Niederlage erklärt.

Dass es zu einer Gelegenheit, mit ihm ein Gespräch zu führen, nicht kam, ist aber nicht weiter schlimm. Denn seit einem Jahr ist ja sein großer Roman "Dein Name" auf dem Markt, und darin erfahren wir eine ganze Menge über die Person Navid Kermanis. Wir erfahren vielleicht sogar mehr, als manchen Leserinnen und Lesern lieb sein mag, auf jeden Fall aber mehr, als Autoren gewöhnlich von sich verraten.

Zum Beispiel erfahren wir dort, unter welchen Umständen und auf welchem wackligen Schreibtisch seine zweite Tochter gezeugt wurde. Zwar steht diese Information unter dem Vorzeichen der Fiktionalität, denn die Hauptfigur des Romans ist nicht einfach Navid Kermani, sondern ein "Sohn, Enkel, Vater, Mann, Liebhaber oder Freund, hin und wieder Romanschreiber, regelmäßig Berichterstatter, dann wieder Orientalist, ein Jahr lang Nummer zehn, an einigen Stellen Navid Kermani", der allerdings mit dem richtigen Navid Kermani eine Menge gemein zu haben scheint. Ob er das "strukturelle Minus" auf seinen Bankkonten, von dem wir zwischendurch auch in Kenntnis gesetzt werden, durch den 1200 Seiten starken Roman ausgleichen konnte, darf bezweifelt werden. Anschaulich beschreibt Kermani, wie mit dem auch geschäftlichen Erfolg das Leben immer komplizierter wird und die Einkünfte nicht zuletzt dafür draufgehen, Umstände zu schaffen, unter denen er überhaupt zum Arbeiten kommt.

Bezeichnenderweise sind denn auch seine beiden Bücher in diesem Herbst anlassbezogen, sie entstammen auf eine sehr unmittelbare Weise dem Literatur- und Debattenbetrieb, in dem die Nachfrage nach seinen Beiträgen im Lauf der vergangenen Jahre kontinuierlich gestiegen ist.

Die "patriotische Rede" "Vergesst Deutschland!" ist die erweiterte Fassung einer Rede, die er in diesem Jahr auf den Hamburger Lessingtagen gehalten hat. Der Band "Über den Zufall" enthält die Poetikvorlesungen, die er während der Entstehung des Romans "Dein Name" über eben diese Entstehung hielt und in denen er den "Roman des Romans, den ich schreibe", schreibt.

Mit derlei Selbstreflexivität findet man nicht leicht ein Publikum, doch Kermani kleidet seine Gedanken über das Erfinden von Geschichten eben selbst in Geschichtenform. Dazu zählt die (erfundene) Anekdote, aus der wir erfahren, wie er auf den Schriftsteller Jean Paul kam, den wahrscheinlich interessantesten Geheimtipp aus den Jahren, als die deutsche Klassik sich in das bürgerliche 19. Jahrhundert schickte.

Jean Paul machte sich in seinen Romanen wie "Siebenkäs" oder "Hesperus" nicht nur ständig darüber Gedanken, wie er seinen Einfallsreichtum in den Grenzen fiktionaler Plausibilität halten konnte. Er dachte sich auch abgründige Autorenpositionen aus, in denen er sich selbst als erfundene Figur in seine Geschichten hineinversetzte und gewissermaßen von innen heraus deren Realitätsbezug gewährleistet - es könnte ja auch alles erfunden sein. (Ist es ja auch.)

Kermani vermag sich für Jean Paul genuin zu begeistern. Und zwar so sehr, dass er, als wir das Interview bereits abgesagt hatten, doch noch eine schriftliche Antwort auf meine Frage schickte, ob man denn mit der Poetologie eines solchen literarischen Spiegelfechters auch in Syrien etwas anfangen könne. "Jean Paul hilft grundsätzlich, eine Situation voll widersprüchlicher Gleichzeitigkeiten angemessen zum Ausdruck zu bringen."

Das stimmt, aber das ließe sich mit einem gewissen Grad auch über Goethe oder sogar über Hubert Fichte sagen. Doch nur bei Jean Paul findet sich jene expansive Romanform, die im Grunde auf die ganze Wirklichkeit zielt und sich nur widerstrebend den Grenzen des Formats (Roman, Buch, Text) bescheidet.

Dieses Widerstreben hat Kermani in Dein Name immerhin nach 1.200 Seiten aufgegeben, nicht zuletzt aufgrund konkreter, vertraglicher Verpflichtungen, auf die er selbstverständlich ausführlich zu sprechen kommt. Eigentlich müsste man annehmen, dass so ein Block von einem Buch, so eine Zumutung an die Leserschaft eine Karriere ein wenig ins Stocken bringen würde. Doch davon ist nichts zu bemerken. Vermutlich haben nicht allzu viele ihn überhaupt Seite für Seite und bis zum Ende gelesen. Der eben erschienene Band "Über den Zufall" lässt sich übrigens ganz vorzüglich als Baedeker-Ausgabe des Romans lesen, das Exzerpt erspart die Schwarte.

Rauchpause und Türkenwitz

Was ist nun aber die "Situation voll widersprüchlicher Gleichzeitigkeiten", in der Kermani mit seinen Talenten wuchert? Es ist natürlich in erster Linie die globalisierte Mediengesellschaft, die sich ungern klarmacht, dass sie in vielerlei Hinsicht stärker auf Kategorien des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts zurückverwiesen ist, als es den technischen Anschein hat. Kermani, der unter dem Titel Gott ist schön auch ein Buch über das ästhetische Erleben des Korans geschrieben hat, sieht sich spätestens seit dem 11. September 2001 sehr oft auf die ambivalente Rolle verwiesen, eine Religion bzw. eine Kultur zu erklären, die er zugleich vertritt.

Und zwar in dem Sinn, in dem er sich in satirischen Passagen des Romans darüber lustig macht: Der "türkische Islam" braucht auf der Reise zu einer Islamkonferenz in der deutschen Hauptstadt eine Rauchpause, während der "iranische Islam" (also Kermani) ihm nicht nur Gesellschaft leistet, sondern auch einen Türkenwitz erzählt. "Zwei Lausbuben" vertreten hier die Religion ihrer Eltern beim deutschen Staat.

Gerade vor diesem Hintergrund bekommt die dezidierte Bewegung Kermanis in Richtung Literatur eine konzeptuelle Pointe. Er schreibt ja nicht einfach einen Roman, er schreibt Nationalliteratur, umstellt von den beiden Kronzeugen Hölderlin und Jean Paul. Es ist als, als würde "der iranische Islam" den Diwan neu beziehen, mit dem Goethe das Land westöstlich neu ausgerichtet hatte.

Von den deutschsprachigen Intellektuellen mit Migrationshintergrund ist Kermani derjenige, der aufgrund seiner Beschäftigungen, ja mehr noch, aufgrund seiner nationalen "Abstammung" von einem Dichter wie Hafis einen direkten Bezug nicht nur zum "Morgenland", sondern auch zur deutschen literarischen Klassik hat. Diese suchte im Morgenland nach einer Poesie, die sie nun von einem Kenner dieser Poesie als Reflexivität und profund nachklassisch zurückbekommt.

Auf Goethe beruft sich Kermani auch in seiner Rede "Vergesst Deutschland!", in der es ihm um einen kritischen Patriotismus geht und damit um eine geistige Landschaft, in der rechtsextremer Terrorismus wie der des "Nationalsozialistischen Untergrunds" sich in der Isolation wiederfinden müsste - und nicht in einem schwer zu überblickenden Umfeld aus Unterstützern und schlecht instruierten V-Leuten.

Von Goethe zitiert Kermani den außerordentlichen Satz: "Verpflanzt, zerstreut wie die Juden in alle Welt müssten die Deutschen werden, um die Masse des Guten und zum Heil aller Nationen zu werden, die in ihnen liegt." Da steckt zwar immer noch ein problematisches Element völkischen Denkens drin, aber es wird universalistisch zerstreut und nicht in Abgrenzungsmechanismen übersetzt.

Kermani kommt in seiner Rede schließlich auch, fast ein wenig widerstrebend, so hat es den Anschein, auf den Beststeller von Thilo Sarrazin "Deutschland schafft sich ab" zu sprechen. "Kein anderer Autor der letzten Jahre hat das völkische Denken so sehr elektrisiert." Eine detaillierte Kritik - für die wäre in dem schmalen Band auch gar kein Platz - kann er sich fast sparen, steht er doch höchstpersönlich für ein Gemeinwesen, das nicht als "homogen vorgestellte Volksgemeinschaft" gedacht wird, das - wie Sarrazin dies sieht - "vor der Überfremdung durch genetisch minderwertige Völker zu schützen ist".

Zerrbild Weltgesellschaft

Der deutsche Schriftsteller Navid Kermani ist "der iranische Islam" nur deswegen, weil es die Ironien einer auf festlegbare Identitäten fixierten Öffentlichkeit so wollen. Er spielt dieses Spiel mit und unterwandert es zugleich literarisch. Er trägt seine Haut auf eine Weise zu Markte, die den Markt nackt aussehen lassen müsste, wäre er das nicht ohnehin schon lange.

Er versteckt in dem Roman aber auch noch eine andere Geschichte, zu der man sich erst allmählich vorlesen muss und die den Intellektuellen Kermani auf eine Weise kontextualisiert, die ihn entscheidend von der Generation seiner deutschen Vorgänger absetzt: Die Geschichte seines Großvaters ist keine des Zweiten Weltkriegs, sondern eine des modernen Iran und damit nicht eine des Faschismus (auch nicht, um ein problematisches Wort zu gebrauchen, des Islamofaschismus), sondern des Imperialismus.

Hinter diesem Wort verbirgt sich wie hinter einem Zerrbild jene Weltgesellschaft, jenes Weltbürgertum, von dem um 1800 viele Dichter und Denker zu sprechen begannen und für das Navid Kermani, "iranischer Islam" und deutsche Nationalliteratur in einer Person, ein beredter Repräsentant ist.   (Bert Rebhandl, Album, DER STANDARD, 6./7.10.2012)

Bert Rebhandl lebt als freier Journalist in Berlin. Er schreibt vor allem für die "FAZ" und den "Standard". Seine aktuellste Buchveröffentlichung setzt sich mit der Fernsehserie "Seinfeld" auseinander.

Aktuelle Bücher von Navid Kermani:

  • "Über den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe". Frankfurter Poetikvorlesungen (Hanser 2012)
  • "Vergesst Deutschland! Eine patriotische Rede" (Ullstein 2012)
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