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Hat mit seinem auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stehenden Roman "Fliehkräfte" ein Buch geschrieben, das sich inhaltlich nicht entscheiden kann: Stephan Thome.
Zum zweiten Mal schon befindet sich mit "Fliehkräfte" ein Roman des deutschen Autors Stephan Thome auf der Shortlist des kommenden Montag verliehenen Deutschen Buchpreises. Wie Clemens J. Setz, dessen letzte Woche an dieser Stelle besprochenes Buch "Indigo" seinem Autor ebenfalls die zweite Shortlist-Nominierung einbrachte, konnte Thome beim Buchpreis 2009 eine gehörige Portion Aufmerksamkeitskapital anhäufen.
Das Feuilleton staunte damals nicht schlecht, dass einer, der seit Jahren im chinesischen Taipeh lebte, wo er an der Uni lehrte und über konfuzianische Philosophie forschte, im Suhrkamp-Verlag, nein, nicht einen China-Roman, sondern "Grenzgang", eine Geschichte über die deutsche Provinz veröffentlichte.
Der 1972 geborene Autor, der bürgerlich Stephan Schmidt heißt, ließ in seinem in einer deutschen Kleinstadt angesiedelten Debüt ein paar Menschen an ihre Grenzen, aber nicht darüber hin aus kommen. Heftig wird in Grenzgang von Aufbrüchen geträumt, doch ein Entfliehen aus der wohlbestallten bürgerlichen Enge gelingt den Figuren nicht. Und wenn sie den Grenzen des Ortes kurz einmal entkommen, dann höchstens in den vor den Toren der Stadt gelegenen Swingerclub.
Man müsste hier über Grenzgang nicht so viele Worte verlieren, wenn die Grundkonstellation in "Fliehkräfte" ganz anders wäre. Doch auch in Thomes zweitem Roman geht es um Unentschiedenheiten, das die Seele abschleifende Schmirgelpapier der Zeit - und um eine Wohlstandsverwahrlosung auf hohem Niveau.
Hartmut Hainbach heißt die Hauptfigur, deren Geschichte in Fliehkräfte erzählt wird. Ein Leben lang hat der Endfünfziger seiner einfachen Herkunft zu entkommen versucht, doch sie sitzt ihm noch als Philosophie-Professor in Bonn und trotz eines schönen Hauses am Venusberg weiterhin im Genick. Seine Frau Maria, natürlich eine Schönheit, ist nach zwanzig Jahren Ehe - die gemeinsame Tochter Philippa ist mittlerweile aus dem Haus - nach Berlin gezogen. Dort hilft sie dem ostdeutschen Enfant terrible der Theaterszene, Falk Merlinger (dessen Muse Maria einst war), jene Bretter, die die Welt bedeuten, zu bespielen.
Der unversehens zur Strohwitwerschaft und Wochenendbeziehung gezwungene Hartmut ist dar aufhin ins Grübeln geraten. Nicht nur wegen der unablässigen Uni-Reformen, sondern insgesamt. Ein Rettungsring für die Beziehung könnte das Jobangebot eines Berliner Wissenschaftsverlages sein, der ihn seiner Frau mindestens geografisch wieder näherbringen könnte.
Doch soll er die Professur wirklich aufgeben? Hartmut tut das, was er in solchen Situtationen immer tat, er wartet - und begibt sich auf eine Pilgerreise der anderen Art. Tochter Philippa lernt in Santiago de Compostela Spanisch. Also nichts wie hin. Zuerst allerdings besucht der Professor noch eine alte Liebe in Paris sowie einen ehemaligen Professorenkollegen, der seinen Job an den Nagel hängte und in der Nähe von Bordeaux eine Bar betreibt. Mit der Tochter geht er schließlich noch die Familie seiner Frau in Portugal besuchen. Die Entscheidung wird schließlich das Leben für ihn treffen.
Thome weiß gute Dialoge zu schreiben, sie machen den Hauptteil des Romans aus. Was die Zeitebenen betrifft, ist das Buch mit seinen vielen Vor- und Rückblenden äußerst avanciert gestaltet. Während die Dialoge und das mehrheitlich verwendete Präsens dem Leser einen unmittelbaren Blick auf Hainbach geben, gehen beschreibende, im Imperfekt gehaltene Passagen immer wieder auf Distanz zur Hauptfigur.
Doch so stabil die Konstruktion des Romans auf der formalen Ebene ist, so fragil bleibt sie inhaltlich. So kann man "Fliehkräfte" als Reiseroman lesen oder als die Geschichte eines alternden Herrn, dem auf dem Lebenskarussell schwindlig wurde, oder als die Geschichte eines Mannes mit den Frauen, denn es wird eine ganze Galerie von Ex-Partnerinnen präsentiert.
So bleibt dieser Roman ebenso unentschieden wie seine Hauptfigur, deren Lamentieren im Verlauf des Romans immer mühsamer wird. "Kann man einen Ort vermissen, an den man nicht zurückwill", oder kann man sich umgekehrt "nach einem Ort sehnen, an dem man nie gewesen ist", lauten zwei der zahlreichen Fragen, die der Roman gleich zu Beginn aufwirft. Ja, man kann, lautet die Antwort in beiden Fällen.
Doch ist es möglich, noch einmal von vorn zu beginnen? Eher nicht. Herbert Hainbach würde besser anders weitermachen. (Stefan Gmünder, Album, DER STANDARD, 6./7.10.2012)
Stephan Thome, "Fliehkräfte". Euro 23,60 / 474 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2012
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