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vergrößern 440x701Gleich zu Beginn, noch auf der ersten Seite, verbrüdert sich Ulf Erdmann Ziegler beim Porträtieren einer jungen Frau, die im Schlaf vom Schlafen träumt, mit seinen Lesern: "Wenn wir könnten, würden wir sie berühren." Und er spannt seine Leser auf die Folter. Beziehungsweise: Er will sie auf die Folter spannen. Denn der Prolog, eine Beschreibung des Interkontinentalflugs von Paris nach New York, bleibt lange Zeit ohne Fortsetzung oder Einordnung. So lange, bis der Leser das bewusst dunkel gehaltene Kapitel eigentlich völlig vergessen hat.
Klar wird nur: In diesem Roman mit dem Titel "Nichts Weißes" geht es um Marleen Schuller. Ziegler erzählt ihr noch kurzes Leben nicht chronologisch, er springt in der Zeit vor und zurück: ohne einleuchtenden Grund, nicht einmal einem Cliffhanger zuliebe. Und er kann sich mitunter nicht entscheiden, was er, wenngleich zumeist auf hohem sprachlichem Niveau, überhaupt erzählen will.
Denn in "Nichts Weißes" schildert Ziegler über weite Strecken die beinahe prototypische Erfolgsgeschichte der Familie Schuller: wie sich Petrus, Werber bei der Agentur Brad Kilip & Partner in Düsseldorf, und Hannelore, eine Illustratorin, kennenlernen. Wie sie sich 1963 in die Pomona, ein Areal am Stadtrand von Neuß, heute Neuss, einmieten. Wie die Kinder, zunächst Johanna, später Marleen, Christina und Linus, zur Welt kommen. Wie das Konsumgüterleben damals, in den 1970er-Jahren, war: mit "Super 8, Mikrowelle und Whirlpool, Donna Summer und Fred Feuerstein", mit Jeans von Levi's und einem Sweatshirt von Fruit of the Loom. Die Familie ließ sich ein schickes Haus bauen - und dieses "war eine Hochburg des Fortschritts".
Ziegler erzählt von den unterschiedlichen Lebenswegen der Kinder. Aber am meisten interessiert ihn, neben Marleen, der Vater. Dieser ist beruflich eine Art Forrest Gump: immer und überall zur rechten Zeit. Denn er entwickelt die revolutionäre Kampagne für o.b., das Tampon "ohne Binde", das zunächst Petrus' Frau auf seine Tauglichkeit hin ausprobieren darf. Und in der Agentur wird auch der legendäre Slogan für Afri-Cola ("Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola") erfunden.
Nun heißt es, die Welt der Werbung zu erobern: Petrus, dessen Name - wie bei mehreren Figuren - Programm ist, jettet andauernd in die USA. Doch irgendwann taucht er, vom Alfa auf den 2CV umgestiegen, in Indien unter. Später, in den frühen Achtzigern, wird er als Werbeguru für Erstaunen sorgen - und wie jeder Prophet belächelt werden: Er sei, sagt er, nach Deutschland zurückgekehrt, weil er erkannt habe, "dass es die Aufgabe der Werbung sein wird, den Kalten Krieg zu beenden".
Diese Passagen erzählt Ziegler kurzweilig, mit feinem Humor. Wenn er sich aber Marleen zuwendet, wird es oft technisch und konstruiert. Denn Ziegler beschreibt die digitale Revolution anhand von Buchstaben und Drucktechniken. Er selbst, 1959 in Neumünster geboren, studierte visuelle Kommunikation in Dortmund; und Marleen schreibt sich an der Kunsthochschule in Kassel ein, um Grafikdesign zu erlernen. Sie ist, als wäre sie eine Heldin Peter Handkes, von der Idee beseelt, eine perfekte Schrift zu schaffen, eine, "die kein Eigenleben führt".
Zunächst aber hat sie, die "Buchstabenmönchin", noch mit Bleibuchstaben zu hantieren. Wenig später lernt sie beim berühmten Typografen Titus Passeraub in Paris: Ziegler, der jedes Detail exakt recherchiert hat, erklärt u. a. dessen Schriften. Da es sie aber gar nicht gibt, fällt es dem Leser schwer, sich diese vorzustellen. Schließlich muss Marleen zweierlei erkennen: dass es auf der Welt nichts Unbeschriebenes, "nichts Weißes", mehr gibt. Und dass mit dem PC ein neues Zeitalter angebrochen ist. Marleen lässt sich auf dieses ein - und sie überrascht. (Thomas Trenkler, Album, DER STANDARD, 6./7.10.2012)
Ulf Erdmann Ziegler, "Nichts Weißes". Roman. Euro 20,52 / 260 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2012
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