Warum lese ich letzte Sätze immer zuerst?

Gabriele Petricek
5. Oktober 2012, 20:02
  • Kein letzter Satz ohne ersten: "Es war spät abends, als K. ankam."
    vergrößern 500x771
    foto: reclam

    Kein letzter Satz ohne ersten: "Es war spät abends, als K. ankam."

  • Gabriele Petricek lebt in Wien. Von ihr erschienen: "Zimmerfluchten", 
Erzählungen (2005, Literaturedition NÖ), "Von den Himmeln, Triptychon" (2009, 
Sonderzahl), "Joyce's Choice oder Ein Hund kam in die Küche" (2011, Sonderzahl).
    foto: petricek

    Gabriele Petricek lebt in Wien. Von ihr erschienen: "Zimmerfluchten", Erzählungen (2005, Literaturedition NÖ), "Von den Himmeln, Triptychon" (2009, Sonderzahl), "Joyce's Choice oder Ein Hund kam in die Küche" (2011, Sonderzahl).

Er kann vieles sein: Zusammenfassung, Punktlandung, Happy End, apokalyptisch, aufklärerisch, literaturhistorisch. Über den letzten Satz in Romanen

Mir ist der letzte Satz wichtiger als der erste. Tatsächlich habe ich schon Bücher gekauft, weil mir der letzte Satz gefiel. Letzter Satz gut - alles gut. Das ist mein Credo, das mag stimmen oder nicht. Dasselbe könnte ich von ersten Sätzen behaupten. Beide eine zentrale Randaussage. Letztere allerdings in der Germanistik ein beachtetes Thema, letzte Sätze viel weniger. Dennoch, diese merkwürdige Angewohnheit von mir: Bücher nach ihrem letzten Satz auszuwählen.

"Je schlechter das Buch, umso besser sein Ende. Und umgekehrt", schrieb der Literaturkritiker Ulrich Greiner in Die Zeit. Der letzte Satz klappt das Buch zu. Fühlte ich mich in die Lektüre eingespannt, kommt er immer zu früh. Der letzte Satz kann wie der erste, vieles sein: Zusammenfassung, Punktlandung, apokalyptisch, Happy End, aufklärerisch im kriminalistischen wie im literaturhistorischen Sinn etc. Oder er lässt etwas oder alles offen. Lässt mich, die Leserin, Variationen ausdenken, weiterspinnen, die Geschichte vollenden sogar - Und wenn sie nicht gestorben sind ... Das Ende macht zufrieden oder unzufrieden. Oder - Fortsetzung folgt - Lust auf mehr. Der letzte Satz entlässt mich aus der Herrschaft des Erzählers, der Scheinwirklichkeit des Buches, weist mich zurück in mein eigenes Leben, das ich mit Lektüre einen Atem lang angehalten hatte.

Mit jedem letzten Satz jedenfalls haben wir Leser vorerst alles überstanden: Stürme, Tod, Leiden, Liebe. - Wir wenigstens, wenn schon nicht das Romanpersonal, haben überlebt. Gehen daraus hervor: geläutert, erlöst, voll Tatendrang, neugierig, befriedigt, oder, einem verpatzten letzten Satz hadernd, ihn verwerfend. Verschenkt das Ende. Es umschreiben, besser: Weiterschreiben.

Kein letzter Satz ohne ersten. "Es war spät abends, als K. ankam." Marianne Gruber ließ dieser geniale Eröffnungs- und Eintrittszug von Franz Kafka in dessen Romanfragment Das Schloss keine Ruhe. Vor allem aber nicht dessen Ende, hervorgerufen vom Tod des Autors selbst, und nicht vom Tod seines Protagonisten, des Landvermessers K., den Kafka nach all den vergeblichen Versuchen, in das abweisende Schloss zu gelangen an Entkräftung sterben lassen wollte, aber nicht mehr dazu kam, sodass der letzte Satz einfach abreißt, mittendrin. "Es war Gerstäckers Mutter. Sie reichte K. die zitternde Hand und ließ ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe sie zu verstehn, aber was sie sagte"*

Gruber nimmt in ihrem Roman Ins Schloss den Faden der unabschließbaren Kafka-Lektüre auf: "Als K. erwachte, war es früher Vormittag." Ins Schloss gelangt, benennt er sie sich aneignend dessen Zimmer, schreibt in einem angefangenen Brief an die Behörde immer wieder zwanghaft "Ich, Josef K.". Der Wiedergänger von Kafkas K., dessen Vorname nur im ersten Satz von Kafkas Romanfragment Der Prozess aufscheint, erkennt zuletzt die Bibliothek des Schlosses gleichermaßen als Ausgangspunkt wie Zentrum, wo er aber nicht bleiben kann, weil ihm ist, "als habe er mit dieser Inbesitznahme, mit seiner Herrschaft, mit seinem Sieg alles und nun endgültig verloren". Während in Der Prozess Josef K. seinem gewaltsamen Tod im letzten Satz gewissensgepeinigt begegnet: "'Wie ein Hund!‘, sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.", sieht Grubers Josef K., dem Auszug der Bauern aus ihrem Städtchen von der Bibliothek aus zu, und wie der auch durch seine offenen Fenster einfallende Schnee ihre Spuren tilgt, zügelt sein schnell schlagendes Herz durch völlige Bewegungslosigkeit, wartet auf das Eindringen des Schnees. "Es war eine neue Welt." Dieser beruhigende wie verstörende letzte Satz. Ausblick.

Trotz meines Faibles für letzte Sätze bleiben mir erste eher im Gedächtnis. Wo könnten ordentliche letzte Sätze drinnen sein, denke ich, ziehe zunächst willkürlich, nachdem ich auf eine Häufung letzter Sätze, die das Wort "Ja" enthalten, stoße, auf gezielten Verdacht hin Bände aus meiner Bibliothek. Kein letzter Satz, der mit "Nein" endet. Naturgemäß stellt Thomas Bernhard in der Erzählung JA existenzielle Negation zuletzt mit Bejahung her. "... dass ich sie, die Perserin, ganz unvermittelt und tatsächlich in meiner rücksichtslosen Weise gefragt hatte, ob sie selbst sich eines Tages umbringen werde. Darauf hatte sie nur gelacht und Ja gesagt."

Adelheid Dahimène lässt in ihrem Roman Gar schöne Spiele in einem zum Schluss geführten Telefonat ihre Figuren sagen: "Bist du noch da? Der Titel sagt der Lektor. Nimm diesen da sage ich. Gut sagt er. Ja sage ich." Gar schöne Spiele beginnt mit einer Paraphrase auf den mythischen Ausholgestus des Märchens. "Also. Vor langer Zeit da war. Ich drücke mit dem Zeigefinger auf die rewind-Taste, ..." Dieser dritte Satz wäre ein brauchbares Ende für einen anderen, neu zu schreibenden Roman. Ende wie Anfang. Gilt der erste Satz dem Kommenden, dem zu Erzählendem, so gilt der letzte weniger dem Vorangegangenen als auch dem Kommenden, dem Weiterleben des Lesers mit neuer Lektüre.

Spiegel oder Gegenstück

Mitunter ist der letzte Satz Spiegel oder Gegenstück zum ersten. Passstück also. Beginne ich das baldige Ende einer Lektüre zu bedauern, lese ich weiter in homöopathischen Dosen oder verschlinge sie, je nachdem ob sie kurz war oder hunderte Seiten lang. Zwischenzeitlich den Kaufimpuls vergessen, bin ich, ans Ende gekommen, vom letzten Satz dann wieder überrascht. Ich habe Schwierigkeit mit Enden, die auslaufen, bedeutungslos, verweisungslos. Als wäre der Text vom Meter geschnitten. Ich mag letzte Sätze, die über den Romanschluss hinaus ins weite Feld des Ungewissen zielen. Dort lauert Erkenntnis mitunter.

Am Ende ein Anfang. Ich mag, wenn der letzte Satz mit dem Anfang korrespondiert. Denn der letzte Satz bahnt sich an, während ich schreibe, behaupte ich als Autorin. Oft mehrere letzte Sätze. Die ich alle nicht verwende, das kommt vor. Dennoch hat der zuletzt erscheinende Satz sich angedeutet. Musste, prozesshaft immer schon da gewesen, am Ende des Schreibens durch rigoroses Streichen einer Anhäufung letzter Sätze erst wieder freigelegt werden. "Stillstand." Ist so ein allerletztes Wort in einem meiner Texte. Schlage ich ein Buch von hinten auf, interessiert mich als Leserin, wie es zu diesem Ende kam. Und als Autorin, wie ich mich auf diesen Textbeschluss hingeschrieben hätte? Eine dramaturgische Folgerichtigkeit würde ich schon gern ausmachen können. Einen Funken spüren. Ahnung bekommen. Die Erzählungen laufen weiter. Letzte Sätze provozieren eigene Anfänge. Des Lesens und des Schreibens.

Die Erzählung Probleme Probleme von Ingeborg Bachmann beginnt mit einer banalen Telefonkonversation und endet mit der Allerweltsbemerkung einer alten Frau: "Ja, die Männer!" Noch ein "Ja". Resignieren oder Annehmen einer Realität, Floskel bloß, ja, ja. In Zsuzsa Banks Roman Der Schwimmer erzählt die Protagonistin von der mit ihrem Bruder geteilten Kindheit im kommunistischen Ungarn, geprägt von der sehnsuchtsvollen Suche nach ihrer in den Westen emigrierten Mutter. Der Pubertät längst entwachsen, schließlich auch dem Kommunismus, ist Flucht nicht mehr von Bedeutung. "Mein Vater hat gesagt, wenn du fahren willst, kannst du fahren, schon vor Monaten hat er das gesagt, und seither warte ich darauf, dass man mich lässt. Man hat mir erklärt, es wird dauern, ich werde warten müssen, vielleicht länger, als ich denke, bestimmt länger, und ich habe gesagt, es macht nichts, es macht gar nichts, ich kann warten, und dann habe ich noch einmal gesagt: Ich kann warten, ja."

Wenn das Warten sich erübrigt, auf den Tod, ist der letzte Satz gesprochen. "Mehr Licht", soll sterbend Goethe gesagt haben. Er habe gesagt, "Mehr nicht", korrigierte der Desillusionist Thomas Bernhard. Nie noch konnte ein letzter Satz vom das Letzte Sagenden interpretiert werden, er steht für die Nachwelt solitär. Solch Letztgesagtem großer Persönlichkeiten wird gern Bedeutung beigemessen, jenem in der Literatur weit weniger. Letzte Sätze eröffnen neue Welten. Oft geht es in ihnen um das Schreiben selbst oder um den Erzähler: "... egal was, nur gleich und sofort über dieses künstlerische Abendessen in der Gentzgasse schreiben, sofort, dachte ich, gleich immer wieder, durch die Innere Stadt laufend, gleich und sofort und gleich und gleich, bevor es zu spät ist.", so die letzten fünf Zeilen des letzten Satzes aus Holzfällen von Bernhard, der sich über dreieinhalb Seiten erstreckt.

Der längste letzte Satz der Weltliteratur führt in acht Absätzen ohne Punkt und Komma über dreiundsiebzig Seiten und sieben Zeilen, über ein ganzes Kapitel, mit jenem Wort auf Seite 1015 endend, mit dem es beginnt: "... Ja." Vielleicht von dieser einzigartigen literarischen Akrobatik des Ulysses angestiftet, lässt auch Andreas Tiefenbacher seinen kürzlich erschienenen Roman Christbaumcrash, in dem ein braver Familienvater apokalyptisch mit Weihnachten hadert und gegen den lichtgeschmückten Christbaum auf dem Rathausplatz Amok läuft, mit "Genau so. Ja." enden. Lapidar wie sein Ende, der Romanbeginn: "Nein. Es hätte auch schlimmer kommen können." Am Ende ein Anfang. Unbedingt.
(Gabriele Petricek, Album, DER STANDARD, 6./7.10.2012)

 

Share if you care
11 Postings
ich les' auch oft erst den letzten satz

vor allem bei krimis.

(und schon hab' ich wieder ein buch bewältigt)

Manche letzte Sätze der Weltliteratur

sind bekannter als erste Sätze, etwa der Schlusssatz aus Voltaires Candide: "Aber wir müssen unseren Garten bestellen." (Die französischen Romanciers paraphrasieren diesen Satz regelmäßig und Jean-Paul Sartre verwendete ihn z.B. in seinem berühmten Essay Qu'est-ce que la littérature, wo er sagt: "Bestellen wir unseren Garten, wir haben genug zu tun.")

Warum muß ich immer das letzte Wort haben?

Warum muß ich immer das letzte Wort haben?

Haha!

ich lese....

immer ein paar zeilen vom anfang, dann den letzten satz, auch bei krimis- im letzten satz steht nie die lösung.

danke für den schönen text

ich habe nach dem lesen sofort in einigen lieblingsbüchern nachgeforscht. der anstoß zu einem perpetuum mobile war darunter: " Brennan," Landsman says. "I have a story for you."

Erich Kästner, Fabian - Die Geschichte eines Moralisten

"Der kleine Juge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen."

Das sind zwar drei Sätze, aber ich habe das Buch vor mehr als zwei Jahren gelesen und mir die Sätze bis heute gemerkt. Ein gutes Buch - ein guter Schluß(-satz). Empfehlung!

Am Ende ein Anfang.

Das wäre ein guter Titel für diesen Artikel gewesen. Geht es hier doch nur ums Ende, ohne Anfang.
"Warum lese ich den letzten Satz immer zuerst?" - diese Frage hätte ich dagegen an den Schluss gesetzt.
Wer diesen Text gelesen hat, der kennt die Antwort. Man beurteilt eine Geschichte besser zuerst nach Anfang, Ende und Länge, bevor man sich darauf einlässt - zu oft gerät man an eine Handlung, die die von Anfang an besser enden würde und in der Mitte auch noch Längen hat. So habe ich diesen Artikel nun leider empfunden. Hoffentlich gibt er anderen mehr.

Auch Autorinen müssen mit den Vorgaben vom Verlag auskommen. Ich frage mich... Ist im Ende ein Anfang?

Schon etwas kitschig - ungefähr so wie: Wo sich eine Tür schließt öffnet sich eine andere.

Mandarinen?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.