"Wir lasen wortlos. Es war herrlich"

  • Dirk Stermann, geb. 1965, ist Kabarettist, Radiomoderator und Autor. Er arbeitet seit 1990 als Hälfte des TV-Duos Stermann und Grissemann.
    foto: apa/barbara gindl

    Dirk Stermann, geb. 1965, ist Kabarettist, Radiomoderator und Autor. Er arbeitet seit 1990 als Hälfte des TV-Duos Stermann und Grissemann.

Der Autor Dirk Stermann über fünf Grazer Autoren, halligen Soundbrei und verzweifeltes Lesen ins Nichts

1988 war ich bei meiner ersten Lesung. Als Gast. Ein Freund las. Er und vier andere Autoren vom Forum Stadtpark. Die Lesung fand in einem nicht sehr großen Raum im Amerlingbeisl statt. Ich war spät dran und wunderte mich, dass noch keiner der 20 Sessel besetzt war. Die Grazer Autoren standen im Freien und rauchten, ich nahm schon einmal Platz.

Dann betraten die fünf Autoren den Saal. Einer setzte sich an den Schreibtisch vors Mikrofon, die anderen vier setzten sich neben mich. Alle anderen Sessel blieben leer. Ich war der einzige Nichtautor und fühlte mich unwohl. Die Lesung dauerte 150 Minuten. Ab Autor Nummer 2 zogen es die anderen Autoren vor, im Freien zu rauchen. Ich war ab jetzt der einzige Zuhörende im Raum. Es war stickig im Raum. Die Texte waren lala. Ich war auch starker Raucher, durchs Fenster sah ich die anderen Autoren an ihren Zigaretten ziehen, fühlte mich aber moralisch unter Druck gesetzt zu bleiben. Wäre ich auch ins Freie gegangen, hätte der jeweilige Schreiber ins Nichts gelesen. Das hätte ich nicht ausgehalten. Also blieb ich sitzen. Damals hatte ich das Gefühl, Lesungen sind eine Mischung aus Enttäuschung und Höflichkeit. Das hatte nichts mit Poplesungen zu tun, wie man sie später kannte. Das war verzweifeltes Lesen im Nichts.

Beendete einer der Autoren seine Lesung, sah ich mich gezwungen zu klatschen. Sonst wäre es still geblieben. Ein einsames Klatschen ist fast noch unheimlicher. Der jeweilige Autor packte seinen Text zusammen und sah mich aus traurigen Autorenaugen an. Durchs Fenster sah ich den nächsten Autor, die Zigarette ausdämpfend, mit hängenden Schultern den Raum betretend, mich aus leeren Augen musternd, dann das Mikrofon.

Jahre später bei der Buchmesse in Leipzig las ich mit meinem Kollegen Grissemann im Neuen Rathaus, das sehr alt ist. Eine riesige Halle, in die eine Bühne gestellt worden war. Als ich den riesigen Saal betrat, waren etwa 1000 Zuhörer da, und auf der Bühne saß Sarah Kuttner und las aus ihrem Depressionsbuch. Man verstand nichts. Kein Wort. Alles, was man hören konnte, war eine Art Soundbrei. Ein halliges Geräusch, das sich von den Deckenbögen zu den Säulen brach und zurückschwappte. Kuttner kam mit leerem Blick backstage. "Ich hab fast geheult", sagte sie. "Depressionstexte und alle im Publikum quatschen und kichern."

"Man konnte nichts verstehen", sagte ich. "Egal", sagte Kuttner. "Sollen alle scheißen gehen!" Nach ihr und vor uns las Feridun Zaimoglu. "Mir macht das nichts. Ich hab mal in Frankfurt Liebesgedichte gelesen. War genauso hallig wie hier, und in der ersten Reihe standen Jugendliche, die haben mir den Finger gezeigt." Seufzend betrat Zaimoglu die Bühne. Cool, wie er, die Finger voller Ringe, darauf schiss, dass niemand ein einziges Wort verstand.

Die Veranstalter kamen und begrüßten mich. "Cool, FM4. Wir haben jetzt hier auch so einen tollen Sender wie ihr. Mit Nachrichten auf Englisch." "Hier sprechen doch alle eher Russisch", sagte ich. "Vielleicht, man weiß es nicht, man kann ja nichts verstehen. Der Sound klingt ja so, als wären wir alle unter Wasser." "Stimmt. Der Sound ist ein Problem. Schon letztes Jahr hat man nichts verstanden." "Aha, verstehe. Das ist ja eine schöne Idee, es einfach im nächsten Jahr noch mal zu machen. Gratuliere. Hat prima geklappt." Zaimoglu war fertig. Ich zeigte ihm den Finger. Er lachte. Wir betraten die Bühne. Und öffneten den Mund. Ohne zu sprechen. Wir lasen wortlos. Es war herrlich. Und es hallte deutlich weniger als bei Kuttner und Zaimoglu.   (Dirk Stermann, Album, DER STANDARD, 6./7.10.2012)

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