Analysten für Ausstieg aus Frankenkrediten

5. Oktober 2012, 14:35
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Die Risiken für Kreditnehmer sind laut Bankanalysten hoch und die Gewinnchancen praktisch Null, bei Zinsen und Wechselkursen sehen sie keine Umbrüche

Apbach - Inmitten der turbulenten Wirtschaftslage erwarten die Experten von UniCredit, BAWAG P.S.K, RLB NÖ-Wien, RBI, Commerzbank und Volksbank bis Juni 2013 unter Annahme eines Normalszenarios keine großen Umbrüche bei Zinsen und Wechselkursen oder auch den Ölpreisen. Laut Alpbacher Zins- und Währungsprognose, die am Freitag vorgestellt wurde, bleiben die Drei-Monats-Zinsen ebenso wie die Wechselkurse des Euro zu Dollar, Yen und Schweizer Franken und drei osteuropäischen Währungen weitgehend stabil. Die Zehn-Jahres-Zinsen und der Ölpreis werden leicht steigen.

Zeit für Reformen gekauft

Die aktuellen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank bzw. der Eurozone zur Bewältigung der Krise haben nur "Zeit gekauft", damit die Staaten Strukturanpassungen durchführen können. Eine Lösung der Probleme sind sie nicht, waren sich Experten von UniCredit, BAWAG P.S.K, RLB NÖ-Wien, RBI, Commerzbank und Volksbank sowie der Chefökonom der Industriellenvereinigung, Christian Helmenstein, am Freitag bei der Vorstellung der Alpbacher Zins- und Währungsprognose einig.

Das Zinsniveau müsse für zehn bis zwanzig Jahre "ums Verrecken niedrig bleiben", führte Michael Rottmann von der UniCredit Bank Austria aus, "damit die Staaten überhaupt eine Chance haben, sich zu entschulden". Und die Inflationsrate müsse leicht über dem Zinsniveau bleiben. Je höher die Staatsverschuldung, desto höher müssten auch die negativen Realzinsen sein - wie die USA vorleben. Mit starker Unterstützung der Zentralbanken - die die Märkte mit Geld fluten - könne man die negativen Zinsen auch wider die wirtschaftliche Logik aufrechterhalten. Nur in Europa sei dies anders, hier zahlen die hoch verschuldeten Südländer die höchsten Zinsen, "dieser Teufelskreis ist zu durchbrechen" sagte Rottman und brach eine Lanze für Eurobonds als Lösung. Da dies aber politisch nicht durchsetzbar sei, sei der Eingriff der EZB mit dem Versprechen unlimitierter Anleihekäufe die einzige Lösung gewesen.

EZB als Feuerwehr

In die gleiche Kerbe schlug Peter Brezinschek, Analyst der Raiffeisen Bank International. Die EZB habe sich "als einzige verlässliche Feuerwehr in der EU herauskristallisiert", "aber wir haben nur Zeit gekauft". Ohne Reformen in der Realwirtschaft mit einem flexibleren Arbeitsmarkt, mehr Wettbewerbsfähigkeit und weniger Verwaltung werde es keine langfristige Wachstumsperspektive geben. Der Budgetsaldo sei im Vergleich dazu sekundär. Frankreich zeige derzeit "wie man Wirtschafts- und Fiskalpolitik nicht betreiben soll". Am Ende würden eine noch schlechtere Wettbewerbsfähigkeit und Finanzdaten stehen, "das führt automatisch in die Rezession", so Brezinschek, und erwartet, dass Frankreich bald Unterstützung von Deutschland brauchen werde.

Stefan Rossmanith von der BAWAG P.S.K sieht eine zentrale Frage auf die Regierungen der EU-Staaten zukommen, wenn sie den Euro erhalten wollen: Die Theorie sage ganz klar, ohne politische Union hält eine Währungsunion nicht lange. Demnach müssten sich die Regierungen überlegen, wie weit sie bereit sind zu gehen, Souveränität abzugeben - und ob sie die Bürger auf dem Weg mitnehmen können. Angesichts der offenen Fragen "weiß ich nicht, ob wir genug Zeit gekauft haben für Reformen".

Europa mitten im Abschwung

Für Uta Pock, Analystin bei der Volksbanken AG, ist es eine "Selbstverständlichkeit", dass sich Europa mitten im zweiten Abschwung (double dip) befindet. Die Lage im Juli 2013 habe sehr stark an den September 2008 erinnert, sei nur durch die Veränderungen in der Politik seither besser abgefedert worden. Aber man sehe, wie die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhen steige. Längerfristig sehe sie aber doch schon Reformerfolge: Die Krisenländer wie Griechenland oder Spanien schafften in der Realwirtschaft eine Annäherung - etwa mit relativ sinkenden Lohnstückkosten, während ihr Abstand in der Finanzwirtschaft - wesentlich höhere Zinsen - steige. Das sei genau das Gegenteil der Entwicklung vor der Krise, als die Zinsen sich annäherten, aber sich diese Länder - in der Öffentlichkeit kaum bemerkt - in der Realwirtschaft sich auseinanderentwickelten und immer weniger konkurrenzfähig wurden. "Strukturell gibt es in Europa Fortschritte - im Gegensatz zu den USA", so Pock.

Inflation die nicht Angst machen muss

Inflation kommt in nächster Zeit, "aber keine vor der wir Angst haben müssen", erwartet Rainer Guntermann Commerzbank AG. Die Teuerung werde nicht eskalieren, wobei für ihn eine richtige Inflation erst ab sechs Prozent Teuerung beginne.

Auch für Peter Brezinschek "ist Inflation schon seit einem Jahr da" mit 2,7 Prozent bei "der tiefsten Rezession seit langem". "Die Inflation wird uns begleiten, das ist ein Faktum" sagte er. Grund sei wie 2007/08, dass viel mehr Geld ins System eingebracht werde, als für die Finanzierung der Wirtschaftsleistung nötig wäre. Gold, Immobilien, öffentliche Tarife steigen bereits und bilden das ab, "das ist die Inflation, die Sie auch bezahlen". Daher werde auch der sichere Hafen deutscher Staatsanleihen schrittweise wegfallen. An Unternehmer richtet er den Appell: "Nutzen sie das Zeitfenster dieser extrem günstigen Finanzierung vor allem im längerfristigen Bereich", es gebe einen "totalen Käufermarkt" und in Österreich sei das Geld auch viel billiger als im internationalen Vergleich.

Obwohl die Bankenexperten akzeptieren, dass die EZB mit ihrer Entscheidung, unbegrenzt Staatspapiere aufzukaufen einen Crash der Eurozone verhindert hat, sehen sie doch Probleme mit der Bonität der Papiere, die von den Zentralbanken derzeit als Sicherheiten akzeptiert werden. Tim Geißler von der RLB NÖ-Wien wetterte, US-Notenbank wie auch EZB "kaufen jeden Dreck an". Der Markt sei überliquid. Die Deutsche Bank schiebe jeden Tag zwei Mrd. Euro zu null Zinsen vor sich her und verleihe Tagesgeld zu einem Basispunkt und das "wird noch sehr lange anhalten". Die Banken hätten viel Geld, halten das aber nur: "wir haben eine Kreditklemme, alle wissen das", so Geißler, aber die Banken horteten Geld aus Angst vor der nächsten Krise.

Refinanzierung der Banken auf tönernen Füßen

Geißler geht davon aus, dass die Refinanzierung der Banken "auf ganz tönernen Füßen" stehe. Schlage man alle Kosten wie Basel III auf, dann komme eine Bank "im Margen hinein, die Ihnen allen weh tun. Da können Sie sich besser am Kapitalmarkt refinanzieren", sprach er die anwesenden Unternehmensvertreter an. Und den Banken werde das auch weh tun: "Wir haben noch keine Fusionswelle gesehen. Banken werden alle viel kleiner werden" und sich zu Beratern und Begleitern wandeln. Und er richtet die gleiche Empfehlung wie Brezinschek: "Das ist für Sie als Unternehmer wunderbar, nutzen Sie es aus".

Ausstieg aus Frankenkrediten empfehlenswert

Die Bankexperten empfahlen allfällige Schweizer-Franken-Kredite in Euro zurückzuführen. Derzeit garantiert die Schweizer Notenbank (SNB) einen Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken. Zwar wollen die Experten nicht an der Entschlossenheit der Schweizer zweifeln, aber die Risiken für Kreditnehmer seien hoch und die Gewinnchancen praktisch Null, so ihr Argument.

Die Schweiz habe zwar den Ruf eines sicheren Hafens, sagte Tim Geißler, aber es sei nicht zu erwarten, dass der Schweizer Franken wieder auf einen Kurs von 1,40 oder 1,50 zum Euro sinkt. Viele Österreicher hätten aber zu diesem Kurs gekauft und hofften noch, ihre Verluste wieder abzubauen. Zugleich aber sagten Schweizer Großbanken, dass der Kurs des Franken sehr schnell und sehr weit steigen werde, sollte die Schweizer Nationalbank die Grenze von 1,20 eines Tages nicht mehr verteidigen. Dann könnte der Franken "rasch" auf über einen Euro steigen. Daher empfiehlt Geissler, jetzt aus dem Franken auszusteigen: "Ich würde das Risiko nicht aufrechterhalten, im Franken zu bleiben"

Genau gleich sieht das Michael Rottmann. Normalerweise werde die Schweiz noch auf Jahre die 1,20 zum Euro halten können. Über 400 Mrd. Euro an Reserven hat sie bisher durch ihre Politik angehäuft und großteils im Euroraum angelegt. Aber wie Geißler sieht auch Rottmann keine Chance, dass der Franken wieder auf 1,50 pro Euro fallen könne - wohl aber ein Risiko, dass der Franken steigt. Und dann wäre er "innerhalb von drei Stunden bei 1,10 und drei Tagen bei Parität - Sie haben ein sehr hohes Risiko". Dazu komme ein möglicher Anstieg der Inflation, der zu höheren Zinsen führen und die Veranlagung in Schweizer Franken noch einmal unrentabler machen würde. Daher "Risikopositionen in Schweizer Franken aufzulösen ist keine schlechte Idee", so sein Schluss. (APA, 5.10.2012)

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    Europa befindet sich mitten im Abschwung

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