Ein Schluck Kroatien zum kurzen Mitlesen

Urlaub ist, wenn der Zufall Oberhand gewinnt. Und wenn diese Hand zufällig Trauben pflückt, weiß man mehr über Brac

Zwei Geräusche begleiten die Menschen auf dem Hang oberhalb der Bucht von Bol. Das ohrenbetäubende Zirpen der Zikade, die liebeshungrig nach einer Partnerin ruft - und das Klicken der Gartenscheren, die sich durch die Reben arbeiten. Langsam verschwindet das blaue Leuchten der Trauben aus dem Weinberg, Meter für Meter tauchen die krummen Rücken den Hang in das Grünbraun des Weinlaubs, des Rebholzes und des steinigen Bodens, der hier in Bol so wichtig ist für den Wein.

1300 Kilogramm Trauben erntet Familie Marinkovic-Spadic in sechs Stunden, Arbeitsbeginn ist um sieben Uhr morgens, helfende Hände sind willkommen. Mit gemeinsamer Anstrengung sind die Eimer in kürzester Zeit voll mit süßen Trauben. Dann fallen die Beeren in große Plastiksäcke und sind bereit für den Weitertransport zur Presse. Um zwölf Uhr ist Pause.

Josko Marinkovic macht ein Lagerfeuer, legt Speck und halbe Würste auf den Grill. Dazu gibt's Weißbrot, frische Paprika aus dem eigenen Garten und Krautfleisch. "Papa isst so viel wie wir alle zusammen", sagt Melanie, die Tochter, der der Schweiß im rot gefärbten Gesicht steht. Papa Josko schaut zufrieden aus, er beißt in den Speck und nimmt einen kräftigen Schluck vom Wein aus dem Vorjahr. Sein imposanter Bauch ist Bestätigung für Melanies Behauptung.

Die Lese ist jedes Jahr ein kleines Fest im Familienkreis. Allerdings sind auch Fremde, die zufällig vorbeikommen und helfen wollen, herzlich willkommen. Eine kurze Anleitung, mangels Kroatischkenntnissen pantomimisch vorgeführt, reicht völlig aus, um Hand anlegen zu können. Scheu vor Kratzern durch die knorrigen Rebstöcke oder vor Insektenbissen sollte man halt nicht haben.

Ungekünstelte Ferien

Tochter Melanie ist während der Ferien aus Zagreb gekommen und schwärmt: " Ich bin jedes Jahr dabei. Dieser Weinberg ist ein unbezahlbarer Schatz." Ohne chemische Hilfsmittel und ohne künstliche Bewässerung wachsen die Trauben hier unter der mediterranen Sonne Dalmatiens. Vor rund 60 Jahren war das noch anders. "Damals hat eine Krankheit die Weinberge befallen und fast alle Weinstöcke dahingerafft. Nur wenige überlebten das große Sterben. Aus ihren Stecklingen entstand eine neue Generation von Weinstöcken", erzählt Melanie, die Tourismusmanagement studiert.

Bruder Jeri trägt den gleichen Namen wie sein Großvater. Er managt den örtlichen Weinkeller, der im Jahr 1903 erbaut wurde. Nach aufwändigen Renovierungsarbeiten nahm er dort 2009 die erste Lieferung "Plavac Mali" (Kleiner Blauer) in Empfang. Zudem wurde eine neue Marke geboren: Ihr Name Stina - Stein - soll transportieren, was den Wein aus dieser Region so außergewöhnlich macht: Es ist die Bodenbeschaffenheit. Fast überall auf der Insel Braç findet sich weißer Kalkstein.

Große und kleine Fische

Vier Rebsorten wachsen an den steilen Hängen entlang der Küste: Plavac Mali, Posip, Vugava und Opol. In Joskos Weinbergen sind die Reben zwischen 30 und 90 Jahre alt. Großvater Jeri hat damals, als die Weinstöcke starben, ausgehalten auf der Insel. "Zur selben Zeit trat in den Gewässern vor der Insel ein Phänomen auf, das sich alle 60 Jahre wiederholt", sagt Melanie. Die Sardella, eine Heringsart, verschwand - und mit ihr die großen Speisefische.

"Die Menschen hungerten, und viele wanderten aus nach Südamerika, Kanada oder Australien. Wenige sind zurückgekommen", erzählt schließlich der Großvater, der auf einer schattigen Bank im Hof des Hauses der Familie sitzt. "Opa hat viele Geschichten zu erzählen", sagt Melanie, "aber jetzt ist er oft traurig, auch wenn er das nie zugeben würde. Die Weinberge, die er mit seinen Händen bestellt und behütet hat, sind wie seine Kinder. Doch nun ist er zu alt, um mit uns zur Lese zu gehen."

Früher, als der Großvater noch mit von der Partie war, hätte die Familie allerdings auch sein strenges Regime zu spüren bekommen. Da durfte niemand einfach an irgendeinem Ende mit der Lese beginnen, alles war einer perfekten Choreografie unterworfen. Melanie erzählt das auf Englisch und zwinkert ihrem Großvater zu, der die Sprache nicht versteht.

Vier Generationen leben heute Tür an Tür. Und Melanie ist zuversichtlich, dass sich deshalb immer irgendjemand der Weinberge annimmt. Sie wird gerade zum zweiten Mal Tante. (Mirjam Harmtodt, Album, DER STANDARD, 6.10.2012)


-> Ansichtssache mit Fotos von Brac
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