Studierende lenken die Arbeitslosenrate

9. Oktober 2012, 09:16
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Dramatische Anstiege bei der Jugendarbeitslosigkeit sind mit Vorsicht zu genießen. Studenten können Ergebnisse verfälschen

Wenn Jugendliche keine Arbeit finden, steht es um die Zukunft eines Landes schlecht. In Griechenland und Spanien sucht jeder zweite 15- bis 24-Jährige einen Job. Doch Statistiken können auch täuschen. Rechnet man Schüler und Studentinnen ein, sieht die Situation rosiger aus. Am Grundproblem ändert das freilich wenig.

Stipendium für jedermann

Dass die Arbeitslosenzahlen von Jugendlichen oft so dramatisch ausfallen, liegt auch an der Berechnungsmethode. Klassischerweise zieht man dafür nicht alle 15- bis 24-Jährigen heran, sondern nur jenen Teil, der Arbeit sucht oder hat. Die Menschen, die zur Schule gehen oder gar keinen Job suchen - etwa weil sie ihre Kinder erziehen, Vollzeit studieren oder vorübergehend erwerbsunfähig sind - fallen nicht ins Gewicht. Dieser Teil wird als wirtschaftlich inaktiv angesehen und außen vor gelassen.

So steht und fällt die Jugendarbeitslosenrate vor allem mit der Anzahl an Jungen, die sich zu 100 Prozent auf ihre Ausbildung konzentrieren. Stellen wir uns vor, die österreichische Regierung weitet die Stipendienvergabe auf alle Studierenden aus. Noten und soziale Herkunft spielten keine Rolle. Viele, die bisher neben dem Studium arbeiteten, würden sich dann aufs Lernen konzentrieren und das Kellnern, Flyerverteilen oder Kartenabreißen sein lassen. Passiert das, dann werden sie - im statistischen Sinne - als wirtschaftlich inaktiv angesehen und nicht berücksichtigt. Und das treibt die Arbeitslosenrate nach oben. Denn: Da die Zahl der Jugendarbeitslosen gleich bleibt, die Gesamtzahl der Jungen, die Arbeit haben oder suchen, aber wegen der inaktiven Vollzeitstudierenden weniger wird, steigt die Arbeitslosenrate.

Heikle Berechnungsart

Das offenbart den schwierigen Umgang mit Statistiken. So haben in Österreich Studierende im Monat ein Budget von rund 1.000 Euro. Ein gewichtiger Teil davon, 420 Euro, stammt aus Erwerbsarbeit, wie die Studierendensozialerhebung des Instituts für Höhere Studien (IHS) zeigt. Die österreichischen Studierenden sind demnach sehr fleißig, weit mehr als 100.000 jobben nebenbei. Darunter sind Zehntausende, die noch keine 25 Jahre alt sind und dadurch als Jugendliche im statistischen Sinne gelten. Hört eine Mehrzahl von ihnen zu arbeiten auf - Stichwort Stipendium für jedermann -, würde auch die Jugendarbeitslosenrate weit über das derzeitige Niveau von 9,7 Prozent steigen. Und das, obwohl die Zahl der Jugendlichen gleich bliebe.

Diesen Zusammenhang hat die BBC für Großbritannien in einer interaktiven Grafik verständlich dargestellt. Anschaulich wird gezeigt, dass die geläufige Arbeitslosenrate ein heikler Indikator für die Zukunftsaussichten der Jungen ist. Das Verhältnis von Lernenden zu Nichtlernenden ist aussagekräftiger.

Bessere Werte, schwacher Trost

Eine Möglichkeit, dem Rechnung zu tragen, ist, die Jugendarbeitslosen in Verhältnis zu allen Altersgenossen, inklusive der Lernenden, zu setzen. In dem Fall freuen sich Spanier und Griechen über Balsam für die geschundene Statistik-Seele. Denn so gerechnet sind nicht jeweils knapp 50 Prozent, sondern 19 Prozent der jungen Spanier und 13 Prozent der jungen Griechen arbeitslos. Das berichtet die BBC, die dafür Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat aus dem Jahr 2011 verwendet hat. Für Österreich lässt sich in einer Grobschätzung ein Wert von zwei bis drei Prozent errechnen.

Trost, der auf dem zweiten Blick aber schwach ausfällt. Denn dass jeder fünfte junge Spanier weder arbeitet noch zur Schule geht oder studiert, ist nicht minder besorgniserregend. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 9.10.2012)

Wissen

Weltweit schätzt die UN-Organisation für Arbeit (ILO) die Zahl der Jugendarbeitslosen auf 75 Millionen. Der weitaus größte Teil davon, 34 Millionen, lebt in Asien und Ozeanien. Elf Millionen in den Industriestaaten inklusive der EU. Nur rund sieben Millionen trifft es in Nordafrika und dem Nahen Osten. Bei der Arbeitslosenrate, klassisch berechnet, zeigt sich ein konträres Bild. Während in Fernost rund 10 Prozent ohne Arbeit sind, sind es im Maghreb und Co. rund 27 Prozent.

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    Dass jeder fünfte junge Spanier weder arbeitet noch zur Schule geht oder studiert, ist besorgniserregend.

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