Alzheimer: Kampf gegen Stigma

5. Oktober 2012, 12:34
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Rundum-Versorgung Betroffener und ihrer Angehörigen gefordert - Frühere Diagnose verschärft Dringlichkeit

Vösendorf - Weltweit leben 36 Millionen Menschen mit Demenz, 2030 werden es 115 Millionen Betroffene sein. In Europa gibt es laut neuesten Zahlen 7,3 Millionen Personen mit Morbus Alzheimer - mit Angehörigen 19 Millionen Betroffene. 2050 wird ihre Zahl rund 11,2 Millionen betragen. Vor diesem Hintergrund findet derzeit in Vösendorf bei Wien die 22. Europäische Alzheimer-Konferenz statt.

Gefordert wurden am Freitag bei der Eröffnung nationale Strategiepläne und die Beseitigung der Stigmatisierung, von der 75 Prozent der direkt Betroffenen laut dem neuesten Welt-Alzheimer-Report (2012) berichten. Die Konferenz mit mehr als 500 Teilnehmern aus 42 Staaten steht unter dem Motto "Einstellungen, Praxis und Politik ändern".

Antonia Croy, Vorsitzende von Alzheimer Austria: "Morbus Alzheimer bedeutet nicht nur Leid, sondern auch enorme Kosten." Das müsse zu einem Umdenken in der Gesellschaft führen. an der Änderung des Erscheinungsbildes von Demenz und Alzheimer-Erkrankung müssten Alle mitwirken (können), auch die Betroffenen selbst. Das könne die Stigmatisierung verringern.

Ein Bestandteil - so die Experten - können hier nationale Demenz- bzw. Alzheimer-Strategien sein. Heike Lützau-Hohlbein (Alzheimer Europe): "Als wir 2006 begannen, hatten solche Pläne nur wenige Staaten. Heute werden es immer mehr."

Sozialminister Rudolf Hundstorfer: "Das Thema Demenz ist in Österreich dem Sozialwesen zugeordnet. Die Diagnose gehört zur Gesundheit. Aber die Diagnose ist nicht das Thema, sondern das, was durch die Diagnose ausgelöst wird." Österreich sei "Weltmeister" beim siebenstufigen Pflegegeld, aus dem 5,2 Prozent der Bevölkerung Unterstützung erhielten. Der Minister: "Wir wenden für 440.000 Menschen an Pflegegeld pro Jahr rund 2,4 Milliarden Euro auf." Das sei gut investiertes Geld." Es fehle in Österreich noch eine nationale Strategie, man habe aber viele regionale Teile. Es werde jedenfalls zu einem Ausbau der Betreuungseinrichtungen kommen müssen. Hundstorfer: "Wir haben eine Schätzung für Demenzkranke und andere Langzeiterkrankte, wonach wir um 25 Prozent mehr stationäre Einrichtungen und um 25 Prozent mehr mobile Angebote brauchen."

Nationale Strategien helfen

Andere Staaten sind offenbar schon weiter. Teresa di Fiandra vom nationalen italienischen Gesundheitsrat: "Wir begannen vor zehn Jahren mit der Frage der Behandlung von Morbus Alzheimer mit den sogenannten Cholinesterase-Hemmern. Aber das wurde schnell viel breiter. Wir haben in Italien die Zahl der wohnortnahen Betreuungszentren von 60 auf 500 gesteigert. Nationale Strategien bilden einen Rahmen, um alle Anstrengungen zusammenzufassen. Wenn wir das nicht tun, werden wir die verschiedenen Bedürfnisse der Betroffenen nicht umfassend berücksichtigen können. Das ist auch kosteneffektiv und eine Frage des Gleichheitsgrundsatzes. Solche nationalen Strategien etablieren auch einen Standard, der in der Betreuung für alle Patienten vorhanden sein muss."

Ähnlich auch der britische Psychiater Alistair Burns: "2009 gab es in Großbritannien einen Strategiewandel. Als wir das Thema Demenz unter dem Titel 'Psychische Gesundheit' behandelten, änderte sich nichts. Als wir es unter dem Titel 'Gesundheit im Alter' behandelten, kamen wir auch nicht an." Die Formulierung eines nationalen Plans habe dann die Situation grundlegend geändert. Das sei auch notwendig. Der Experte: "Wir diagnostizieren Morbus Alzheimer früher. Da müssen wir aber wissen, was wir den Betroffenen sagen." Das erhöhe auch die Zahl der Menschen, die sich für das Thema interessierten. Burns: "Wir bringen mit der früheren Diagnose Alzheimer und Demenz von der Gruppe der hoch Betagten in jene des mittleren Lebensalters." Somit würde sich bald die Mehrheit der Bevölkerung mit den gesundheitlichen und sozialen Problemen im Zusammenhang mit Demenz und Morbus Alzheimer vermehrt beschäftigen. Das werde auch die Politik beeinflussen. (APA, 5.10.2012)

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