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Thomas Glavinic, 1972 geboren, arbeitet seit 1991 als Schriftsteller. 1998 erschien sein Debütroman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden". Auf ihn folgten zuletzt (alle bei Hanser) "Das Leben der Wünsche" (2009), "Lisa" (2011) und "Unterwegs im Namen des Herrn" (2011).
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Lesung. Ich war so nervös, dass ich eine Stunde davor jede Kommunikation eingestellt hatte. Die Lesung selbst lief dann recht glatt, allerdings erinnere ich mich, beim nachfolgenden Gespräch mit der wohlwollenden Buchhändlerin ausgesprochen viel Unsinn geredet zu haben. Weit nach Mitternacht lag ich im Bett und dachte mir: Jetzt hast du's geschafft.
Ich hatte es natürlich nicht geschafft, und es war auch nicht meine erste Lesung, es war bloß die erste, bei der es ein echtes Buch von mir zu kaufen gab. Meine ersten Lesungen hielt ich in längst vergessenen Kaffeehäusern, in deren Räumlichkeiten heute Papageien und Katzen oder Möbel angeboten werden, vor ein paar Freunden, ein paar Verwandten, ein paar Fremden an der Theke, von einem zerknitterten DIN-A4-Zettel ablesend. Wenn mehr als zwanzig Leute da waren, wurde von einem gewaltigen Erfolg geraunt. In der Nacht lag ich im Bett und dachte mir, jetzt habe ich's geschafft.
Ich hatte es natürlich nicht geschafft, ich hatte ja noch nicht einmal ein Buch vorzuzeigen, ich hatte nichts als Ehrgeiz, ein übersteigertes Selbstbild und große Erwartungen. Aber zum Glück wusste ich das damals nicht.
Ich fiel beinahe in Ohnmacht
Mein erstes Buch erschien also, und dann und wann tauchte in den Gesprächen in meinem damaligen Verlag ein geheimnisvolles Wort auf: Buchmesse! Schließlich teilte mir der Verlag mit, ich würde zur Buchmesse eingeladen. Und nicht nur das, ich hätte sogar eine Lesung und Termine! Ich fiel beinahe in Ohnmacht.
Am Reisetag war ich eine Stunde zu spät am Bahnhof. Ich stieg in den falschen Zug, nämlich einen, der gerade angekommen war und der mit mir erst einmal auf ein Abstellgleis fuhr, wo er innen und außen gereinigt wurde. Ich kam vier Stunden zu spät in Frankfurt an. Zum Glück hatte ich an dem Tag noch keine Termine.
Die hatte ich am nächsten Tag. Die Termine waren allerdings keine Interviews, die hatten die Autoren, die es geschafft hatten. Ich wurde von Wurstbrote kauenden Fotografen fotografiert, die gerade keinen anderen Termin hatten. Den Rest des Tages verbrachte ich mit anderen terminlosen Schriftstellern an den Ständen fremder Verlage, wo nicht viel los war und die Leute sich auf recht unseriöse Weise die Zeit vertrieben, denn beim Stand meines Verlages nahmen die Autoren mit Terminen den ganzen Platz für ihre Interviews in Anspruch.
Am Abend hatte ich: die Lesung. Die Buchmessen-Lesung.
Auf dem Hinweg erfuhr ich, dass ich an einem mehr als angesagten Ort lesen würde, nämlich in einer vorwiegend von coolen jungen Leuten besuchten In-Kneipe. Die coolen jungen Leute waren an diesem Abend dann doch leider woanders, aber meine Verlagsbetreuerin meinte, ich hätte sehr gut gelesen, und lobte mich, denn eigentlich hätte ich das Recht gehabt, die Lesung zu verweigern, das dürfe man nämlich, wenn weniger als fünf Besucher kämen.
Nachts lag ich im Bett und versuchte vergeblich, die Pay-TV-Funktion des Fernsehers zu durchschauen.
Am Morgen darauf sah ich sie alle. All die Autoren, die Termine gehabt hatten. All die Journalisten, die mit ihnen Termine gehabt hatten. Zerknittert saßen sie beim Frühstück im Hotelrestaurant und beschwerten sich über die schlechte Qualität des Rotweins bei der Party des Soundso-Verlages. Ich hatte das Gefühl, als Einziger allein am Tisch zu sitzen.
Es ist dies die schwierigste Lektion für einen jungen Schriftsteller: zu realisieren, dass niemand auf einen gewartet hat, und es empfiehlt sich, diese Lektion früh zu verinnerlichen. Wenn es sich dann wie durch ein Wunder ein wenig ändert, weiß man, dass man das alles ebenso wie sich selbst und die eigenen Ansprüche nicht mehr zu ernst nehmen sollte. (Thomas Glavinic, Album, DER STANDARD, 6./7.10.2012)
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Meinen Glückwunsch, Hr. Glavinic, ich glaube, Sie haben es geschafft. Dieses Vorlesetheater finde ich überhaupt überflüssig. Wie wäre es, neue Bücher im TV vorzustellen? Das würde ja genügen. Vielleicht noch einige Zeilen vom Anfang, der ist immer wichtig. Wenn die Neugier geweckt ist, geht der Leser(Käufer) schon in die Buchhandlung und schaut hinein in diese Bücher und kauft sie, wenn sie ihm gefallen.
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