Nachgefragt: Das erste Semester an der Uni

Ansichtssache
foto: apa/neubauer

Töchterle: "Völlig frei"

"Zu meiner Zeit war ein Studium noch viel weniger geregelt. Alles, was feststand, war die Prüfung am Schluss. Es war der Traum eines völlig freien Studiums, in das manche auch mit einer gewissen Ratlosigkeit hineingestolpert sind. Einen älteren Studenten habe ich gefragt, was ich am Anfang tun soll. Er: 'Gehst einfach ein paarmal in die Proseminare und in die Vorlesungen, dann wirst es schon merken.' - Mit dieser Freiheit souverän umzugehen gelang nicht allen, viele haben abgebrochen. Anfangs bin ich auch, eher zufällig, in Mathematikvorlesungen gegangen. In meiner damaligen Fahrgemeinschaft - ich hatte einen alten VW-Käfer - hat jemand Mathematik studiert. Ich bin dann aber doch bei Germanistik und Latein geblieben." (trat)

Minister Karlheinz Töchterle (63) hat von 1969 bis 1976 Germanistik und Latein an der Universität Innsbruck studiert.

Dieses Bild darf aus Gründen von Copyrightbestimmungen nicht im Archiv angezeigt werden.
foto: ap/zak

Engl: "Sehr organisiert"

"In den letzten Schuljahren habe ich an den Mathematikolympiaden teilgenommen und war national sowie international sehr erfolgreich. Diese haben auch meine Studienwahl beeinflusst, denn ursprünglich wollte ich Jus studieren, mein Vater war ebenfalls Jurist, doch durch die Olympiaden wurde es dann ein Studium der Technischen Mathematik. Mein erstes Semester an der Universität habe ich als sehr organisiert und sehr schön in Erinnerung, denn die Betreuung für Studierende war gut, und durch die kleinen Gruppen kannten uns die Lehrenden nach zwei Wochen auch alle beim Namen. Natürlich war der Übergang auch schwierig, da Mathematik an der Universität doch was anderes ist als Mathematik in der Schule." (sct)

Heinz W. Engl (59), Rektor der Universität Wien, studierte von 1971 bis 1977 Technische Mathematik an der Uni Linz.

foto: standard/urban

Blimlinger: "Irritiert"

"Da auch meine beiden älteren Geschwister studiert haben stellte mein Vater in dieser Hinsicht keine Erwartungen an mich. Er wollte sogar, dass ich gleich zu arbeiten beginne. Ich habe mich aber für das Lehramtstudium entschieden. Zu Beginn war ich wie vor den Kopf gestoßen: Das soll ein Studium sein? Von der Schule war ich anderes gewohnt, nämlich sehr offenen und projektorientierten Unterricht. Die Irritation hat sich mit der Zeit gelegt. Gleich im ersten Semester hatte ich das Glück, auf Menschen zu treffen, mit denen ich zum Teil heute noch befreundet bin. Bürokratische Hindernisse gab es kaum, wir mussten damals vor der Inskription aber noch ein Lungenröntgen machen, um nachzuweisen, dass man keine Tuberkulose hat." (sct)

Eva Blimlinger (51), Rektorin der Bildenden, studierte von 1979 bis 1990 Germanistik und Geschichte in Wien.

foto: standard/newald

Müller-Funk: "Diskurse"

"Meine Studienzeit in den Siebzigern stand unter dem Einfluss der Studentenrevolten von 1968. Die Uni war damals auch ein Ort des intellektuellen und politischen Diskurses, was auf mich eine besondere Anziehung ausübte. Meine Entscheidung für Germanistik und Soziologie war stark von meinen politischen Ideen beeinflusst; diese beiden Fächer wurden damals als die linkestmöglichen gehandelt. Schick war es obendrein. Bei der Studienberatung reagierte man damals jedoch eher irritiert und meinte, diese Studien seien sinnlos, Jobaussichten hätte ich damit quasi keine, aber das sagt man den Studenten scheinbar schon seit Jahrzehnten. In München habe ich studiert, weil die Uni Wien als rückschrittlich und konservativ galt." (sct)

Wolfgang Müller-Funk (60), Dozent, studierte von 1971 bis 1980 Germanistik, Soziologie und Geschichte in München.

foto: standard/cremer

Blaha: "Freundeskreis"

"Meine Entscheidung für ein Studium wurde stark durch einen Freundeskreis beeinflusst, in dem viele nach der Schule auf die Uni strebten. Für mich war das nicht so selbstverständlich, haben meine Eltern doch beide nicht studiert. Auch hat meine Deutschlehrerin meine Liebe zur Literatur gefördert. Zu Beginn war ich schlicht überfordert: Weder wusste ich, wie ich mich in der neuen unübersichtlichen Struktur zurechtfinden sollte, noch, wie ich mein Studium finanzieren soll; nach dem Universitätsgesetz 2002 habe ich im ersten wieder gebührenpflichtigen Semester studiert. Auch der Bologna-Prozess war ständiges Thema. Wie stark dieser aber den Charakter des Studiums ändern würde, war mir in dieser Reichweite damals nicht klar." (sct)

Barbara Blaha (29) studierte von 2002 bis 2008 Germanistik an der Uni Wien. Von 2006 bis 2007 war sie ÖH-Chefin.

foto: apa/pfarrhofer

Van der Bellen: "Chaos"

"Über das erste Semester meines Volkswirtschaftsstudiums in Innsbruck kann ich leider nichts Gutes sagen. Es herrschte riesiges Chaos: Der Studienplan war nahezu unbrauchbar, ohne entsprechendes Vorwissen ist man in Seminare gestolpert. Sie positiv zu absolvierten gelang dann doch irgendwie. Ebenso wenig kam ich in den Genuss einer guten Basisausbildung, und diejenigen, die das Studium ernst genommen haben, waren nach ihrem Abschluss de facto Autodidakten. Ende der 1960er-Jahre haben sich viele gefragt: Wenn mir etwas nicht passt, wieso versuche ich nicht, es zu ändern? Lehrende und Studierende haben begonnen, Reformen der Uni-Struktur zu verlangen, die unter Ministerin Hertha Firnberg letztlich durchgeführt wurden." (sct)

Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen (68) studierte von 1962 bis 1970 Volks- und Finanzwirtschaft in Innsbruck.

foto: standard/urban

Felber: "Universalogie"

"Der Übertritt von der Schule zur Uni war für mich wie die Entlassung aus dem Gefängnis in die Freiheit. Selbstständigkeit statt Schülerdasein, Diskussion statt Frontalunterricht, Auseinandersetzung statt Auswendiglernen - das alles löste starke Euphorie bei mir aus. Eigentlich wollte ich ja "Universalogie" studieren, um wie Goethes Faust dahinterzukommen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Leider wurde das auf keiner Uni, die ich kenne, angeboten. Nach der Matura an einem naturwissenschaftlichen Gymnasium habe ich mich für Geisteswissenschaften entschieden, um richtig Spanisch zu lernen, mein Interesse an Sozialpsychologie zu vertiefen und um möglichst viel geisteswissenschaftliche Splitter abzubekommen." (sct)

WU-Lektor Christian Felber (39) studierte von 1990 bis 1996 Romanische Philologie, Politik, Psychologie und Soziologie.

foto: standard/fischer

Schindel: "Love-in"

"Nach dem Abbruch meiner Buchhändlerlehre habe ich mit 23 Jahren die Matura nachgeholt, um mich dann für Jus und Philosophie zu inskribieren. Philosophie vor allem wegen meines Interesses für Hegel und Marx, denn damals war ich sehr viel in Arbeitskreisen und Lesegruppen, in denen wir auch 'Das Kapital' gelesen haben. Mein erstes Semester habe ich als sehr unruhig in Erinnerung, da meine Kommilitonen und ich schon 1967 begonnen haben, gegen die damalige Ordinarienuniversität aufzubegehren. In diesem Jahr hatten wir auch das erste Love-in. Das war eine unangemeldete Veranstaltung an der Uni, die später auch bekannt geworden ist. Mit solchen Aktionen haben wir damals schon ein bisschen mit der Revolte angefangen." (sct, DER STANDARD, 4.10.2012)

Schriftsteller Robert Schindel (68) absolvierte sein Studium der Philosophie von 1967 bis 1974 an der Uni Wien.

Share if you care