Die hungernden Doktoren der Neuen Welt

5. Oktober 2012, 09:46
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Amerikanische Unis setzen vermehrt auf die Vergabe unterbezahlter Lehraufträge. Generell kämpfen Jungakademiker in den Vereinigten Staaten mit einer zunehmenden Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse

Washington - Nachdem die Occupy Student Debt Campaign, ein Ausläufer der Occupy-Wall-Street-Bewegung, mit einem großangelegten Aktionstag im Frühling dieses Jahres den öffentlichen Diskurs in den USA auf das massive Problem der überhöhten Studiengebühren und der daraus resultierenden Verschuldung vieler Studenten aufmerksam gemacht hat, findet gegenwärtig ein verwandtes Thema zunehmende Beachtung: die finanzielle Situation externer Lehrbeauftragter.

In den Vereinigten Staaten sind circa 1,6 Millionen Lehrende im tertiären Sektor tätig, davon sind 73 Prozent extern angestellt. Das heißt, fast drei Viertel des Lehrkörpers bestehen aus sogenannten "adjuncts" oder "contingents", das heißt aus Teilzeitkräften beziehungsweise befristeten Angestellten mit geringer Aussicht auf entfristete Verträge, abgeschnitten vom raren Privileg einer ausfinanzierten Gesundheitsvorsorge, oft mit einem Gehalt weit unter der Armutsgrenze. Mehr als die Hälfte aller Kurse auf College-Niveau werden mittlerweile von diesen Menschen geleitet.

Daten des Department of Higher Education in Washington enthüllen den bemerkenswerten Wandel, dem der universitäre Arbeitsmarkt in Amerika in den vergangenen Jahrzehnten unterworfen war: Während im Jahr 1975 weit mehr als die Hälfte aller Lehrenden eine Anstellung auf Lebenszeit ("tenure") innehatte oder sich auf dem Weg dorthin befand ("tenure-track"), war es 2007 weniger als ein Drittel. Die auf die Finanzkrise folgende Rezession der amerikanischen Wirtschaft verstärkte diese Tendenz: Der Rückbau des ordentlichen Personals setzte sich fort, während die Uni-Manager immer größeren Gefallen an der geldsparenden Besetzung ungeschützter Stellen fanden.

Der akademische Nachwuchs ist diesen Entwicklungen nachgerade ausgeliefert - wer den Traum einer Karriere an der Uni nicht aufgeben will, nimmt widrigste Bedingungen in Kauf. Sarah Kendzior, als Adjunct an der University of Washington in St. Louis selbst betroffen, bringt es im Gespräch mit dem UNISTANDARD auf den Punkt: "Die akademische Welt ist wie eine Sekte - es ist sehr schwer, rauszukommen, ist man aber einmal draußen, kommt man garantiert nie wieder rein."

7750 Euro Gehalt im Jahr

Die Universitäten sahen bislang keinen Sinn darin, öffentlich darüber aufzuklären, wie viel ein Externer an welcher Institution und für welches Fach verdient. Deshalb wurde unlängst die Website "Adjunct Project" gegründet - eine Crowdsourcing-Plattform, auf der Betroffene ihren Verdienst in anonymisierter Form veröffentlichen, um auf diese Weise einen nationalen Vergleich herzustellen. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Während die Abhaltung einer Lehrveranstaltung in Anthropologie an der prestigeträchtigen Harvard University laut "Adjunct Project" ganze 12.575 US-Dollar (circa 9750 Euro) inklusive Krankenversicherung einbringt, zahlt die University of Akron im Bundesstaat Ohio für einen Kurs im selben Fachgebiet weniger als 2000 Dollar (circa 1550 Euro). Bei einem jährlichen Pensum von fünf Kursen - dem typischen Lehrausmaß eines Vollzeitangestellten - sprängen hier also nicht einmal 10.000 Dollar (circa 7750 Euro) im Jahr heraus.

Natürlich ist es kaum möglich, von einem derartigen Gehalt zu leben - geschweige denn eine Familie zu ernähren oder die Schulden zu bedienen, die viele zur Finanzierung ihrer Studien aufnehmen mussten. Angepasst an die Inflation, sind die Honorare für externes Lehrpersonal binnen der vergangenen 40 Jahre um die Hälfte gesunken, während die Rektorengehälter im selben Zeitraum um 35 Prozent zunahmen. Hinzu kommt, dass externe Lehrende politisch kaum Repräsentation finden. Erst 2009 wurde die Initiative New Faculty Majority ins Leben gerufen, eine Art Interessenvertretung für Adjuncts, mit der erklärten Mission, gegen das festgefahrene Zwei-Klassen-System unter den Lehrenden vorzugehen.

Klar ist, dass das Image höherer Bildung in den USA als Wegbereiter einer besseren Zukunft durch diese Entwicklungen stark beschädigt wurde. Das gilt mittlerweile auch für die Jobwelt jenseits der Unis: Wie eine detaillierte Zahlenaufstellung des Bureau of Labor Statistics im US-Arbeitsministerium zeigt, haben im Jahr 2010 an die 17 Millionen Amerikaner mit mindestens einem Bachelor-Titel Arbeiten ausgeführt, die ihrer Qualifikation nicht entsprechen. Darunter finden sich rund 300.000 Kellner und Kellnerinnen mit College-Abschluss und ein kurioses Häufchen von 5057 Hausmeistern mit Doktorat.

Wie ernst die Situation ist, zeigt sich auch an einer Studie des Urban Institute, aus der hervorgeht, wie viele Akademiker staatliche Hilfe beanspruchen: Von 2008 bis 2011 ist die Zahl aller PhD-Absolventen, die auf die Zuweisung von Lebensmittelmarken angewiesen sind, von 9776 auf 33.655 Personen gestiegen; bei Personen mit Master-Abschluss waren es sogar 293.029. (Dominik Zechner, DER STANDARD, 4.10.2012)

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    Die frischgebackene Elite der Columbia University verulkt die Klassenkampfrhetorik der Occupy-Bewegung. Vielen Kollegen ist jedoch der Spaß vergangen: 33.655 PhDs leben von "food stamps".

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