Bei der Ethik kommt die ÖVP zu Kurz

Leserkommentar | Eytan Reif, 8. Oktober 2012, 08:45

Warum steigt Integrationsstaatssekretär Kurz als "Game-Changer" in die Debatte um den Ethik-Unterricht ein?

Rechtzeitig bevor Unterrichtsministerin Schmied ihren Bericht zur flächendeckenden Einführung eines Ethikunterrichtes vorgelegt hat, konnte ausgerechnet Integrationsstaatssekretär Kurz ein "Positionspapier" dazu vorlegen und geschickt das Rampenlicht auf sich ziehen.

Der Inhalt? "Ethikunterricht für alle, die den Religionsunterricht meiden". Ein alter schwarzer Hut. Immerhin: Schon seit Jahren beschwören die ÖVP, sämtliche gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften und hochkarätige Pädagogen - die meisten freilich nebenbei auch Theologen - mantraartig die verpflichtende "Wertevermittlung" in Schulen. Und zwar ausschließlich an jene Schülerinnen und Schüler, die, aus welchem Grund auch immer, dem Religionsunterricht fernbleiben.

"Im Interesse von Staat und Gesellschaft" hat dies zu geschehen, so Christoph Schönborn, der österreichische Vertreter jener Organisation, die von Staat und Gesellschaft in Milliardenhöhe jährlich finanziert wird. Um der "Gefahr religiöser Gleichgültigkeit zu entgehen", so seinerzeit Mikl-Leitner, damals noch als rechte Hand des Onkels und nun ÖAAB-Chefin und somit Vertreterin der meisten Religionslehrer Österreichs. Um "eine Bringschuld des Staates" zu erfüllen, so Beamtenchef Neugebauer, dessen Tatendrang in Sachen Ethikunterricht schon lange auffällig ist. All dies war aber gestern - heute beginnt die Zukunft. Und zwar mit einem "Positionspapier" des Herrn Kurz, ein neues Blatt quasi, auf dem aber alles steht, was schon geschrieben wurde.

Der neue Mann für alles

Mit ihrer sechs Wochen zurückliegenden Ankündigung, einen für alle Schüler verpflichtenden Ethikunterricht einführen zu wollen, stellte Unterrichtsministerin Schmied unmissverständlich klar, dass für sie dieser mit dem Religionsunterricht nichts zu tun hat bzw. haben darf. Und zur Überraschung aller sickerte jüngst durch, dass selbst das ÖVP-ernannte Expertenteam im Rahmen des "Unternehmen Österreich 2025" empfiehlt, einen für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtenden Ethikunterricht einzuführen.

Doch bald erkannte "die" Ethikpartei Österreichs, dass es so nicht weitergehen kann. Die Lösung: Kurz, das schwerste Geschütz, das der ÖVP derzeit zu Verfügung steht, muss als "Game Changer" her. Nicht, dass die ÖVP keinen Bildungssprecher hätte, der in einer eloquenten und fachkundigen Weise die Parteilinie ad Strafethikunterricht für Religionsunwillige medienwirksam erläutern könnte - ganz im Gegenteil. Gegen diesen ermittelt aber derzeit die Staatsanwaltschaft wegen Geldwäscheverdachts; für eine ethische Mission ist er derzeit also nicht zu haben.

Nicht, dass die ÖVP keinen über jeden Verdacht stehenden Bundesparteiobmann hat, der solch ein wichtiges Thema zur Chefsache deklarieren und entsprechend in die Öffentlichkeit transportieren könnte. Sie hat ihn sehr wohl. Dass er der Chef sei, sind sich aber nicht alle, auch parteiintern, sicher. Und dann - Eureka! Wir haben ihn, den richtigen Mann! Einen, der sich in Sachen Religion bestens auskennt und jedes politische Vorhaben im Handumdrehen in einen lobenswerten Akt der Integration verwandeln könnte.

"Ethik" als weltlicher Ersatz für "Religion"?

Und so kommt es, dass ein Integrationsstaatssekretär, aus heiterem Himmel, dafür plädiert, dass man den Klassenverband entlang religiöse, also in der Regel ethnische, Linien zerreißt, um dem einen Teil Demokratie, Menschenrechte und Toleranz näher zu bringen, während der andere Teil sich mit dem angeblichen Kreuztod Christi oder mit dem vermeintlich einzigen Allah beschäftigt. Oder gar sich mit der Rechtfertigung der Wahlenthaltung befassen würde, sollten die Zeugen Jehovas sich entscheiden, den ihnen zustehenden Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Anspruch zu nehmen.

Und so kommt es, dass ein Noch-nicht-Akademiker das komplexe Teilgebiet der Philosophie namens "Ethik" kurzerhand als gleichwertigen weltlichen Ersatz für "Religion" (egal welche) deklariert. Und dabei, ganz en passant, gleich alle in Österreich gesetzlich anerkannten Religionen aufwertet.

Worum es wirklich geht

Spätestens jetzt ist aber die Frage nach der Motivation, Kurz, als jung, dynamisch und "Schwarz ist geil", an die eher fade religiöse Front zu entsenden, angebracht. Klar: Derzeit gilt für die ÖVP als Gebot der Stunde, die Parteilinie wiederherzustellen um das zu retten, was noch gerettet werden kann. Schließlich war die ÖVP schon immer die Religionspartei und daran soll sich auch künftig nichts ändern. Das Outing von Kurz samt Positionspapier veranschaulicht aber vielmehr, wie sehr die ÖVP um Wähler mit "Migrationshintergrund" bemüht ist.

Vor diesem Hintergrund wundert es wenig, dass parallel zum Ethikauftritt Kurz erstmals hierzulande auch eine orthodoxe Kirchenzeitung erschienen ist, dank des Einsatzes des Österreichischen Integrationsfonds und, wie nicht, des Staatssekretariats für Integration. Vor diesem Hintergrund wird die Teilnahme Kurz als quasi Regierungsvertreter bei der Vollversammlung der orthodoxen Bischofskonferenz ja auch niemanden mehr überraschen!

Kapituliert die SPÖ beim Ethikunterricht?

Der Einsatz der ÖVP für den Ethikunterricht ausschließlich als Alternativ(pflicht)fach zum konfessionellen Religionsunterricht ist ein dreister Kampf gegen Integration. Die erfolgreiche Implementierung des von Sebastian Kurz präsentierten Masterplans wird den Sturzflug des katholischen Religionsunterrichts kurzfristig stoppen, den islamischen Religionsunterricht hingegen langfristig beflügeln. Der Enthusiasmus, mit dem die islamische Glaubensgemeinschaft das Kurz'sche Konzept empfangen hat, war daher auch überwältigend aber keineswegs überraschend.

Und die SPÖ? Ausgerechnet im traditionell verlässlichen Zuwanderersektor drohen ihr nun die Felle davonzuschwimmen und es stellt sich zunehmend die Frage, wie viel Spielraum Schmied noch hat. Die auffällige Weigerung der Bundes-SPÖ, ihre eigene Ministerin in ihrer aufrechten Haltung zu unterstützen, ist bereits jetzt kaum zu übersehen. Die Bereitschaft der SPÖ, in Sachen Religion faule Kompromisse einzugehen, war schon immer ausgeprägt. Eine Kapitulation beim Ethikunterricht würde jedoch einen neuen ethischen Tiefpunkt markieren. Und integrationsfördernd wird sie auch nicht sein. (Eytan Reif, Leserkommentar, derStandard.at, 8.10.2012)

Eytan Reif (geb. 1971) ist internationaler Betriebswirt und Vorstandsmitglied der von ihm mitgegründeten Initiative "Religion ist Privatsache", die sich um die Trennung von Staat und Religion in Österreich bemüht.

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dickes gruen fuer herrn reif.

vielen dank für diesen ausgezeichneten kommentar!

Wer unterrichtet dann

die Religionsschüler in Ethik? Irgendwie muss man ja die Unmoral der Kirche wieder ins Lot rücken. Bei denen, die den Unterricht nicht besuchen, dürfte das Problem weit geringer sein... ;-)

Für das unterrichten wären dann wohl die Philosophen zuständig, schließlich ist Ethik ja eine philosophische Disziplin.

Die Partie von Martinz, Strasser und Mensdorf-Pulli will uns Ethik lehren?

Mir graut!

Die Österreichische Vorsintfluts Partei schickt ihr stärkstes Geschütz ins Feld.

Als Grüner und Atheist finde ich es echt lustig diesen im Mittelalter feststeckenden Kasperln bei ihren Todeskrämpfen zuzusehen.

ein övpler als integrationspudel ist genauso neusprech wie ministerium der liebe bei orwell

Religionsunterricht ist eine Märchenstunde zur Indoktrinierung von Kindern, wie soll man jemand wissenschaftliches Verständnis beibringen, wenn man ihm vorher Bullshit erzählt

es braucht einen Ethikunterricht, wo man den Menschen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit lehrt.
Oft ist es erschreckend wie unsolidarisch die Menschen schon geworden sind....

Religion ist die Fortschreibung vorwissenschaftlicher Irrtümer mit der Kraft des Wahns!

Religionsunterricht reicht in religiösen Kreisen nicht!!
Interessanter Weise hat man Erwachsenen Funktionären einer sich auf christliche Werte berufenden Partei, die auf Staatskosten mindestens 9, oft aber 12 bis 13 Jahre, meist katholischen Religionsunterricht genossen haben, nunmehr über eine Ethik Kommision zusätzliche oder neue oder wie immer Regeln verpasst, damit sie sich halbwegs menschlich benehmen!!
Und dann die empörten Reaktionen, wenn der Ethikunterrichts statt des Religionsunterrichtes an den Schulen Werte vermitteln will

Die Position der ÖVP in der Sache Ethik-/Religionsunterricht ist mir ja ziemlich klar. Die Position der SPÖ allerdings überhaupt nicht. Wozu einen eigenen Ethikunterricht für alle? Ebensogut könnte man einfach das Stundenkontingent des PPP-Unterrichts anheben und aus dem PPP-Witzfach einen ernstzunehmenden Unterrichtsgegenstand machen.

die ÖVP und KURZ liebt eines noch mehr als sich selbst:

ZWANG !

in jeder erdenklichen Form, und vor allem für die anderen !

Die würden irgendwie gut mit den Grünen zusammenpassen. Die wollen auch nur verbieten und verpflichten.

Sorry, Sepp, du dürftest da etwas nicht verstanden haben

Es geht um Leute, die anderen etwas aufzwingen wollen und dadurch deren Freiheit beschränken. Dies gilt genauso für die Kirche, wie für jene, die sich asozial verhalten, sei es durch übermäßigen Ressourcenverbrauch oder Umweltverschmutzung.

Die Freiheit des einzelnen endet dort wo die Freiheit des anderen beginnt

Asoziales verhalten, gehört sanktioniert.

Erscheint mir in puncto Schulpolitik eine etwas verkürzte Sichtweise, der politische Gegner ist mit Zwangsmaßnahmen ohne Wahlmöglichkeit (verpfl. Ganztagsschule, Gesamtschule etc.) ja auch schnell bei der Hand.

Wieder mal eine Diskussion von Seiten der religiösen Vertreter die völlig am Wohle aller vorbeigeht...

Das größte Problem ist doch einfach dass den Kindern schon in der Schule gezeigt wird: ihr seids so und des sind die anderen...Wenn man schon in der schule anfängt so zu separieren muss man sich nicht wundern wenn Kinder die schlechte Erfahrungen zb mit Migranten haben gleich "die ganzen anderen" unter einen Hut wirft. Kindern fehlt es noch an Einsicht das richtig zu beurteilen. Sollte man ethnische Unterschiede nicht so weit wie möglich weg von Kindern halten und allen in einen Unterricht stecken der die Werte der Gesellschaft hochhält ( Demokratie, Gleichberechtigung von mann und Frau, Menschenrechte und darin inbegriffen auch keine Vorurteile anderen gegenüber zu haben). Das sind werte die ich meinem Kind vermitteln würde....

Ausgezeichnete Darstellung der Absurdität ..

.. des Religionsunterrichts und seiner Verfechter. Woraus auch abzulesen ist, dass die Politik ganz offensichtlich nicht in der Lage ist die verfassungsmässige Trennung von Staat und Kirche(n) zu verwirklichen bzw. zu gewährleisten. Womit der Staat natürlich auch dem Bildungsauftrag widerspricht, weil er Indoktrination in der Schule zulässt!

Ein derartiger Ethikunterricht wird die Menschen garantiert nicht ethisch sensibler oder "besser" machen. Man kann handlungswirksame moralische Überzeugungen nicht in dieser Weise vermitteln.

Schule sollte in erster Linie elementare Kulturtechniken vermitteln.

2 Rückfragen:

Müsste es nicht "Heureka!" heißen?

Was ist eine "orthodoxe Bischofskonferenz"?

zu erstens: Kommt drauf an. Ich zitiere wikipedia: "The reconstructed Ancient Greek pronunciation is [heu?r??ka], while the Modern Greek pronunciation is ['evrika]."

zu zweitens: ich nehme an eine konferenz orthodoxer Bischöfe.

Religion raus aus der Schule!

Eventuell im Deutschuntterricht in der Kategorie Literatur das Teilgebiet "Märchen und Sagen" um "Religionen" ergänzen.

meine frage an eytan

es wurden, so wie ich das sehe, auch frankreich und die türkei angesprochen (zumindest indirekt).... mhhhh.. soweit so gut.. wie sieht´s damit eigentlich im nahen osten aus (auch isreal) aus?
mif freundlichen grüßen
ein ehemaliger kollege (wo turnt der auer? ;-))

Versuchen Sie Klartext zu sprechen

- wenn Sie klare Gedanken haben.

hauptproblem meines erachtens nach

ist dass in österreich ethische und moralische werte bereits zu einem großen teil verloren sind.

wenn ich hier im forum lese, was manche von sich geben, wird mir übel.

ethikunterricht in welcher form auch immer - unbedingt für unsere kinder. die verrohung ist ja schon viel zu weit vorangeschritten.

Und der Ethikunterricht wird diese Entwicklung aufhalten?

und wenn er

nur einen teil der kinder und somit der späteren erwachsenen beeinflussen kann und so österreich zumindest ein bisschen verändert, hat es sich gelohnt.

und wo anfangen, wenn nicht bei den kindern.

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