Überraschungen, Enttäuschungen und Romo

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  • Texanisches Kreuzworträtsel: Leichtsinn; Verzweiflung; Unbeholfenheit; Fehleranfälligkeit. Vier Buchstaben beginnend mit R, endend auf O.
    foto: reuters/mike stone

    Texanisches Kreuzworträtsel: Leichtsinn; Verzweiflung; Unbeholfenheit; Fehleranfälligkeit. Vier Buchstaben beginnend mit R, endend auf O.

Ein Viertel des Grunddurchgangs ist gespielt. Eine selektive Bestandsaufnahme

Es war wieder einmal einer dieser Abende der Dallas Cowboys. Americas Team legte nach dem Special Teams Desaster von Seattle auch zu Hause einen erstklassigen Bauchfleck hin. Manche meinen, die Boys haben ja gar keinen Heimvorteil, denn vor eigenem Publikum lägen die Nerven noch blanker als in der Fremde. So gesehen Montagnacht, als mit Chicago ein nicht ganz einfacher, aber machbarer Gegner nach Arlington kam.

Dallas Quarterback Tony Romo warf über 400 Yards zu drei Touchdowns, dabei aber rund 100 Yards und zwei TDs in die falsche Richtung. Fünf Interceptions, darunter zwei Pick Six (Charles Tillman und Lance Briggs bedankten sich), standen dem chronisch umstrittenen Spielmacher der Texaner am Ende zu Buche, welches er nur mehr von der Sideline erlebte. Die Garbage Time ließ Headcoach Jason Garrett Ersatzmann Kyle Orton spielen und das verschlimmerte für Romo die Situation noch. Der im Vorjahr von Tim Tebow in Denver ausgebootete Orton komplettierte neun seiner zehn Pässe für 89 Yards, einen Touchdown und eine 2-Point Conversion. Da kommt die Bye Week gerade recht. Dallas wird sich wohl neben der Regenerierungspause auch eine zum Nachdenken genehmigen. Ist Orton gar mal eine Option beim Start?

Noch ist aber nichts Dramatisches passiert, denn die NFC East präsentiert sich allgemein als homogen inhomogen. Lediglich die Philadelphia Eagles, und die mit weit mehr Glück als Können, haben drei Siege am Konto, der Rest steht bei 2-2. Richtige Enttäuschung ist keine dabei, hat man sich an die Achterbahnfahrten der Cowboys ebenso gewöhnt, wie an die Unform der New York Giants zu Beginn einer Saison. Washington und Philadelphia stehen sogar besser da, als man befürchten hätte können.

In Troubles: Detroit, Pittsburgh, New Orleans

In der Vorsaison noch die Lieblinge aller neutralen Beobachter, kommen die Detroit Lions (1-3) derzeit mit ihrer Zugehörigkeit zum weiteren Favoritenkreis nicht zu Rande. Nach San Francisco und Tennessee setzte es gegen Minnesota nun die erste Niederlage in der Division. Matthew Stafford sieht derzeit nicht ganz so souverän wie im Vorjahr aus, gegen die Vikings setzten, wie schon gegen die Titans, die Special Teams aus. Einen Punt- und einen Kickoff-Return Touchdown in zwei aufeinanderfolgenden Spielen zu kassieren, das sollte bei Jim Schwartz den Alarm ausgelöst haben. Die Lions gehen mit einer langen To-Do in ihre Bye Week.

Einen Fehlstart hat auch Pittsburgh (1-2) hingelegt. Wer von den AFC West-Vertretern Prügel kassiert (Denver, Oakland), der muss sich in aller Regel nur mehr wenig Gedanken über die Playoffs machen. So schnell wird ein Steeler seinen Helm zwar nicht in den Schmelzofen werfen, gegen Philadelphia sollte aber, ausgeruht nach der frühen Bye, am kommenden Sonntag ein Sieg her, denn vorne drohen in der AFC North Baltimore und Cincinnati (beide 3-1) davon zu ziehen, die mit @Kansas City und Dallas bzw. Miami und @Cleveland relativ entspannte Wochen vor sich haben. Bei den Steelers lautet die Devise: Defense, step up! Mehr als 30 zugelassene Punkte pro Spiel werden Roethlisberger & Co offensiv auf lange Sicht nicht wettmachen können.

Ein Schicksal, welches derzeit auch Drew Brees und seine Pass-Happy Saints-Offense teilt. New Orleans steht bei 0-4, kassiert pro Spiel 32.5 Punkte, erzielt aber „nur" 27.5. So ganz die Hoffnung habe ich aber noch nicht aufgegeben, denn die Niederlagen werden immer knapper. In Woche 1 verlor man gegen Washington mit acht Punkten, es folgten Carolina (8), Kansas City in der OT (3) und Green Bay (1). Dem Trend folgend, sollte Sonntagnacht der erste Sieg folgen. San Diego kommt zum SNF in den Superdome. Danach gibt es eine Woche Pause. Ein 1-4 wäre zwar auch noch unschön anzuschauen, aber immer noch besser, als man muss in der Bye auf ein Nichts zu Fünf starren.

Im Aufwind: San Diego, Cincinnati, Minnesota

Wer die drei Mannschaften allesamt nach vier Wochen in ihrer Division vorne gesehen hat, der besitzt wahrlich hellseherische Qualitäten. Wobei die Bengals (3-1) Rang zwei in ihrer Division hinter den Ravens (ebenfalls 3-1) einnehmen, gegen die man die bisher einzige, dafür gleichzeitig auch deftige Niederlage (13:44) einfuhr. Cleveland, Washington und Jacksonville waren sicher nicht die Gradmesser für Cincy, aber A Win Is A Win und drei Wins sind gleich drei Wins, kommt mit Miami, Cleveland und Pittsburgh doch ein potentielles 5-2 vor der Bye auf die Tigerlichen zu. Ein erneutes Einziehen in die Playoffs scheint durchaus im Bereich des Möglichen. Es macht auch richtig Spaß QB Andy Dalton (67,5 % Comp. Rate, acht TDs, Pass Rate 100+) und WR AJ Green (über 100 Rec. Yards pro Spiel im Schnitt) bei der Arbeit zuzusehen. Die Bengals sterben jedoch auch gerne in Schönheit. Das ist allerdings immer noch attraktiver, als grauslich zu Grunde gehen, wie es die Jets gerade vorführen. 0:34 gegen ein 2-1 Team, welches zuvor kein Spiel mit mehr als einem Score gewinnen konnte - Weltklasse! Eigentlich gehören die grünen New Yorker auch ins „In Troubles" Töpfchen, nur ich mag momentan gar nichts über sie schreiben, so übel waren sie gegen die 49ers. Nummer 1 im „Shame Report" der NFL diese Woche übrigens. Völlig zurecht.

Hoffnung keimt (wieder einmal) in San Diego auf. Die ewigen Geheimfavoriten stehen nach Erfolgen über Oakland, Tennessee und Kansas City ihrer Division vor und insgesamt befinden sie sich ca. dort, wo auch Cincinnati ist. Noch waren die Gegner übersichtlich. Gegen den einzig wirklich dicken Brocken (Atlanta) gab es nämlich ordentlich Saures statt Süßes. New Orleans und Denver werden vor der Bye die Wegweiser sein. Bei den Chargers ist bis dahin alles drinnen. Von einem 3-3, verbunden mit einem Sturz aus den Playoff-Rängen, bis hin zu einem 5-1 und damit einer Großportion Selbstvertrauen für die Erholungswoche.

Das Überraschungsteam in der Kategorien Aufsteiger sind wohl die Vikings. San Francisco geschlagen und in Detroit den Lions die Zähne gezogen. Klasse, was Minnesota derzeit zeigt und das auf fast allen Positionen. Man weiß gar nicht mehr, wie die Niederlage gegen Indianapolis zustande kam, so geigen Christian Ponder, Adrian Peterson und Percy Harvin auf. Gegen die vermeintlich stärkeren Gegner hat man sich durchgesetzt, jetzt kommen, wieder ebenso vermeintlich, schwächere Teams auf sie zu. Tennessee, @Washington, Arizona, Tampa, @Seattle und Detroit. In der späten Bye Week (Woche 11) würde ich die Vikings beim derzeitigen Stand der Dinge bei 6-4, eventuell sogar 7-3 und weiterhin auf Playoffkurs einschätzen.

On Top: Atlanta, Arizona, Houston

Atlanta ja. Houston ja. Die hatte man auf der Rechnung. Die sah man vorher schon vorne. Arizona aber nicht. Echt nicht? Da tun ja viele soooo überrascht. Das hätte man ihnen nicht zugetraut, das kam ja quasi aus dem Nichts. Stimmt doch nicht. Die Cardinals haben neun ihrer vergangenen zehn Spiele gewonnen, dabei San Francisco, Dallas und New England geschlagen. Sieht man sich dann noch an, wie knapp sie im Vorjahr den Giants (vier Punkte) und Ravens (drei Punkte) unterlagen, dann muss man den Cards zugestehen, dass sie potentiell sehr wohl schon länger aus Playoff-Material bestehen. Als Mannschaft. Als Ganzes.

Es ist doch schon so, wenn eine Franchise auf allen Positionen vielleicht nicht großartig, aber vernünftig besetzt ist, sie auf der einen Seite keine herausragende Unit besitzt, aber auf der anderen auch kaum offene Flanken hat, sie bei der Musik dabei ist. Arizona gibt den Takt zwar nicht vor, spielt auch keine virtuosen Soli, als Big Band sind die Wüstenvögel jedoch auf einem gefälligen Weg. Warum sollten die Cardinals im Jänner dann nicht um den Titel in der NFC mitspielen? Mir fällt derzeit kein vernünftiger Grund ein. So, wie sie arbeiten und spielen, können sie jeden Gegner schlagen und genießen dabei immer noch den Vorteil ja „nur" Arizona zu sein. Sagen sie niemals Geheimtipp zu ihnen, denn das impliziert ja schon, dass sie eigentlich nicht ganz ernst zu nehmen sind. Am Donnerstag gastieren sie in St. Louis. Es folgen Buffalo, @Minnesota, San Francisco und @Green Bay vor ihrer Bye Week. In die werden sie eventuell als Tabellenführer in der NFC West gehen. Aufpassen müssen dort andere. In San Francisco träumt man schon seit der Niederlage im NFC Championship Game von der Lombardi Trophy. Die 49ers müssen aber zunächst mal an ihren Divisionsgegnern vorbei, auf deren gebauten Mist der vergangenen Jahre nun etwas wächst. Alleine Jim Harbaughs Gesichtsausdruck wäre es wert, Arizona, Seattle und - damit es sich gleich auszahlt - St. Louis vorne zu sehen. Das wird aller Voraussicht nach nicht passieren, weit wahrscheinlicher noch immer ein weiterer Divisionstitel für die 49ers, die süße Kirsche hängt für die Kalifornier aber deutlich höher als vorige Saison.

PULS 4 bei Brady vs. Manning

ESPN America zeigt heute (Donnerstagnacht = Freitagmorgen 2:20 Uhr) das Spiel der Cards in St. Louis. Am Sonntag laufen Washington-Atlanta (19:00 Uhr), gefolgt von New England-Denver (22:00) und New Orleans-San Diego (Montag 2:15 Uhr). Im Monday Night Game (Dienstag 2:30 Uhr) gastiert Houston bei den angezählten Jets.

Im heimischen Free-TV beschäftigt sich Puls 4 ab 22:45 Uhr ebenfalls live mit dem Spiel der Broncos (2-2) bei den Patriots (2-2). Es ist das 13. Aufeinandertreffen von Peyton Manning und Tom Brady, zwei der herausragenden Quarterbacks der vergangenen zehn Jahre. Manning (36) hat bisher 99 seiner 153 Pässe für 1.162 Yards und acht Touchdowns an den Mann gebracht, dabei drei Interceptions geworfen. Brady (35) warf 101 von 154 komplett für 1.227 Yards und sieben Touchdowns bei nur einem Pick. Am Papier gibt es wenig Unterschiede. Beide gewannen ihr letztes Spiel mit herausragenden Leistungen. Brady warf gegen die Bills 22 Pässe für 340 Yards und drei Touchdowns - Manning brachte 30 Pässe für 338 Yards und ebenfalls drei TDs an. Das hört sich nach einem großen Spaß an, noch dazu beide Defenses leichte (DEN #13 mit der Pass Defense) bis mittelschwere (NE #25) Probleme gegen den Pass haben. Michael Eschlböck und meiner einer freuen sich auf Sie, auf das Spiel und auf 80+ Punkte. (Walter Reiterer, derStandard.at, 4.10.2012)

NFL, Woche 4, Ergebnisse:

Baltimore Ravens - Cleveland Browns 23:16
Houston Texans - Tennessee Titans 38:14
Atlanta Falcons - Carolina Panthers 30:28
Kansas City Chiefs - San Diego Chargers 20:37
Detroit Lions - Minnesota Vikings 13:20
Buffalo Bills - New England Patriots 28:52
St. Louis Rams - Seattle Seahawks 19:13
New York Jets - San Francisco 49ers 0:34
Denver Broncos - Oakland Raiders 37:6
Jacksonville Jaguars - Cincinnati Bengals 10:27
Arizona Cardinals - Miami Dolphins 24:21
Green Bay Packers - New Orleans Saints 28:27
Tampa Bay Buccaneers - Washington Redskins 22:24
Philadelphia Eagles - New York Giants 19:17
Dallas Cowboys - Chicago Bears 18:34

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