"Wie wenn man mit der linken Hand malt"

  • Elfie Semotan: stand-ins. Verlag der Buchhandlung Walther König. Köln 
2012. Von Elfie Semotan ist jüngst auch der Band "Still Lifes" bei Jung 
und Jung erschienen.
    foto: verlag der buchhandlung walther könig

    Elfie Semotan: stand-ins. Verlag der Buchhandlung Walther König. Köln 2012. Von Elfie Semotan ist jüngst auch der Band "Still Lifes" bei Jung und Jung erschienen.

Die Doyenne der österreichischen Modefotografie, Elfie Semotan, hat ein Buch mit Polaroids aus mehreren Jahrzehnten veröffentlicht

STANDARD: Was ist das Besondere an einem Polaroid?

Semotan: In der Zeit, als man noch mit Film arbeitete und die Entwicklung der Fotos manchmal Tage dauerte, waren Polaroids eine einfache Art, sofort Ergebnisse zu sehen.

STANDARD: Sie stellten eine Art Sicherheit für den Fotografen dar?

Semotan: Ja. Bereits bei der Besichtigung einer Location machte man Polaroids, man schaut sich an, ob eine Idee auch am Foto funktioniert, und natürlich kontrolliert man, ob das Licht richtig gesetzt ist. Polaroids sind eine Art Ausprobieren unterschiedlicher Möglichkeiten. Hat man als Fotograf Erfahrung, weiß man genau, auf was man achten muss. Angefangen habe ich sogar noch mit einer Land-Kamera, die nur eine kleine Optik hatte.

STANDARD: Das heißt, man musste das Ergebnis des Polaroids gewissermaßen übersetzen?

Semotan: Man musste den Ausschnitt übersetzen, die Land-Kamera hatte einen leichten Weitwinkel, wenn man mit einer langen Optik arbeitete, war das Ergebnis ein ganz anderes.

STANDARD: Polaroids landen bei professionellen Shootings normalerweise im Papierkorb. Warum bei Ihnen nicht?

Semotan: Ich habe auch einige weggeworfen, aber wenige. Ich fand Polaroids immer sehr schön. Ich habe sie allerdings nicht so verwendet wie zum Beispiel Paolo Roversi, bei dem Polaroids das Ergebnis seiner Arbeit sind. Sarah Moon hat auch wunderbare Polaroids gemacht. Bei ihnen sind sie das Ziel eines Shootings, das wollte ich aber nicht, sonst wäre ich in Konkurrenz zu diesen Fotografen getreten ...

STANDARD: ... und auch zu Künstlern wie Andy Warhol oder Robert Mapplethorpe, die ebenfalls viel mit Polaroids gearbeitet haben.

Semotan: Mapplethorpe hatte seinen ganz eigenen Stil und verwendete nur Schwarz-Weiß-Polaroids, auch bei Warhol war das so. Beide verwendeten Polaroids aber viel hemmungsloser als ein Paolo Roversi, der viel stärker auf die besondere Ästhetik abzielt.

STANDARD: Bei Ihrem Buch hat man den Eindruck, es beschwört in Zeiten der Digitalfotografie das Moment des Authentischen. Korrekt?

Semotan: Man kann es so formulieren, aber was ist das Authentische schon? In der Modefotografie versucht man, die Dinge schön darzustellen, die Kleider und die Menschen. Wobei bei mir immer die Menschen im Vordergrund stehen. Die Polaroids fangen dabei sicher einen Moment ein, wo die Menschen eher sie selbst waren. Was ich aber fast noch mehr mag, ist, dass sich hier Situationen und Menschen meinen Direktiven entzogen haben.

STANDARD: Also keine Aversionen gegen die Digitalfotografie?

Semotan: Nein, ich verwende digitale Fotografie genauso wie Polaroids. Ich schätze Digitalfotografie für das, was sie kann. Und sie kann sehr viel. Analogfotografie hat andere Qualitäten. Was man natürlich vermissen kann, ist die Sorgfalt, die man früher aufwenden musste, da man später kaum etwas ausbessern konnte. Früher gab es meist ein unglaubliches Theater, bis das Licht endlich gestimmt hat. Heute beschäftigen sich Fotografen viel weniger damit, das finde ich schade. Idealerweise korrigiert man nachträglich so wenig als möglich.

STANDARD: In Ihrem Buch kommen wenige Stars vor, dafür viele Menschen, die mit Ihnen arbeiten. Ist das Buch eine Art Verbeugung vor Ihren Mitarbeitern?

Semotan: Ich habe immer sehr eng mit meinen Assistenten gearbeitet, in Amerika wurden sie auch viel früher mit Namen genannt, als das bei uns der Fall war. Also ja, es ist auch eine Verbeugung. Aber für mich hat das Buch den Charakter, wie wenn man mit der linken Hand malt. Es ist ein Sich-Daneben-stellen, ein Zeigen des Nichtbeabsichtigten, gezeigt werden nicht die Leute, die man eigentlich fotografieren wollte. Und viel später bemerkt man, dass das eigentlich sehr gut ist.

STANDARD: Im Vorwort werden Sie von Designer Helmut Lang interviewt, mit dem Sie eine lange Arbeitsgeschichte verbindet. Ist er überhaupt noch an Mode interessiert?

Semotan: An der Produktion von Mode nicht, aber an Mode allgemein genauso wie eh und je. Er hat herausgefunden, was ihm als Mensch wichtig ist. Er arbeitet an Projekten, aber ich glaube nicht, dass das bereits spruchreif ist.

STANDARD: Machen Sie heute eigentlich auch noch Polaroids?

Semotan: Nein, Schwarz-Weiß-Polaroids mit Negativen, die ich am meisten geliebt habe, gibt es heute nicht mehr. Ich müsste sie mühsam im Internet bestellen. Wenn ich sie wieder verwenden würde, dann wäre das ein Projekt, das ich nur mit Polaroids fotografiere. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 5.10.2012)

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3 Postings

Ja leider gibt es die Filme nicht mehr...
Habe auch noch eine alte Mamiya, ein paar Packerln 667er Film und ein Verschieberückteil herumliegen.
Gibt es ja leider nicht mehr und ich fürchte Impossible wird den auch nie wieder so hinbringen bzw. für die 6x7 produzieren.
Semotan habe ich auch noch mit der RZ67proII erlebt und ihr wichtigstes Werkzeug war ihr "Ivo" :))

Ich halte meinen pinsel immer mit der linken hand.

weil? stärkung des fremdgefühls?

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